In der Covid-19-Pandemie wächst die Nachfrage nach Astrologie-Apps

Weißt du, wie viel Sternlein stehen

Horoskope und Astrologie-Apps erfreuen sich in der Covid-19-Pandemie wachsender Beliebtheit.

»Auf Regen folgt Sonnenschein«, verkündet ein vagabundierender Seher den gallischen Dorfbewohnern im 19. Band der Comicbuchreihe »Asterix«. Die hatten sich vor einem starken Unwetter ins Haus ihres Häuptlings Majestix geflüchtet, weil sie fürchteten, der Himmel werde ihnen auf den Kopf fallen. Der Wahrsager nutzt die Einfältigkeit der Dörfler aus, liest ihnen aus alten ­Fischen sowie frischer Cervisia (einem Vorläufer des Biers) die Zukunft und lässt es sich auf ihre Kosten gutgehen.

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Aus Eingeweiden von Opfertieren wird die Zukunft heute zwar kaum mehr gelesen, doch erfreuen sich Horoskope wachsender Beliebtheit vor allem bei jüngeren Menschen. Psychologische Tests zeigen: Die meist relativ unspezifischen Aussagen von Horoskopen werden als wahr akzeptiert, wenn sie der eigenen Wahrnehmung auch nur annähernd entsprechen. Unzutreffendes nehmen die meisten Konsumentinnen und Konsumenten nicht als störend wahr.
Allein in Deutschland gibt es der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) zufolge rund 6 000 Astrologinnen und Astrologen. Ihr jährlicher Umsatz beläuft sich schätzungsweise auf 150 bis 250 Millionen Euro. Die gesamte deutsche Esoterikbranche setzt nach einer Schätzung von Eike Wenzel, dem Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, etwa 15 bis 20 Milliarden Euro im Jahr um, Tendenz steigend.

Immer mehr etablieren Astrologie-Apps und soziale Medien sich als Orte, an denen das eigene Schicksal inter­aktiv mit einer wachsenden community von Sinnsuchenden zelebriert wird. ­Internetkonzerne sowie App-Entwicklerinnen und -Entwickler machen aus dem klassischen Zeitungshoroskop ein pseudoindividualistisches Lifestyle-Produkt. Die weltweit beliebteste Astrologie-App, Co-Star, wirbt damit, den genauen Stand der Planeten mit Hilfe von Daten der Nasa zu ermitteln und »hyperpersonalisierte Astrologie« zu liefern, sofern man Ort und Zeit der ­eigenen Geburt exakt einträgt. Die minimalistische Oberfläche der App sowie die teilweise absurd-ironischen Empfehlungen des Tages, die eine Software produziert und die in einer Imitation natürlicher menschlicher Sprache ausgegeben werden, sind auf ein junges, selbstverliebtes Publikum zugeschnitten.

Die kanadische Horoskopschreiberin Chani Nicholas, der auf Instagram über 430 000 Menschen folgen, nutzt ihre Bekanntheit, um ihren queerfeministischen Positionen Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die Online-Ausgabe des Spiegel por­trätierte kürzlich die kanadische Horoskopschreiberin Chani Nicholas, die die Astrologie-App Chani betreibt, und ­resümierte, dass Astrologie sich ebenso als ein »Mittel zur Selbstreflexion« wie auch als »Kuscheldecke« eigne, um sich eine Auszeit von der Welt zu gönnen. Nicholas, der auf Instagram über 430 000 Menschen folgen, bastelt gern bunte Collagen für ihren Account und nutzt ihre Bekanntheit, um ihren queerfeministischen Positionen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie ­bedient narzisstische Bedürfnisse und regt ihre Leserinnen und Leser dazu an, sich selbst zu beobachten, zu hinterfragen und zu optimieren.

Auf Instagram bedankt sich die Nutzerin »Jen is magic« für eine von Nicholas’ grell blinkenden, animierten Tarot-Illustrationen, auf der ein Tiger mit Flügeln und im unteren Bildbereich mehrere Katzenpfoten zu sehen sind: »Dieses Bild ist perfekt! Ich habe gerade ein verletztes Straßenkätzchen adoptiert, dessen winzige Pfötchen absolut perfekt sind. Deine Worte geben mir Hoffnung. Danke.« Das Katzen­baby ist allerdings kurz darauf gestorben und im kitty heaven gelandet. Die überwiegend weibliche Klientel äußert sich häufig in kindlicher Sprache und glaubt an magisches Denken, also die Idee, dass bestimmte Dinge geschehen, wenn man sie sich nur stark genug herbeiwünscht.

Hengameh Yaghoobifarah feierte bereits 2018 auf einem Blog des Missy Magazine queere Astrologie als Empowerment-Methode für die Unterdrückten dieser Erde: »Vielen meiner Freund*innen und mir macht es großen Spaß, über die Sternzeichen unserer Crushes zu diskutieren, uns Astro-­Memes zu schicken und die Geburtstabellen von Promis zu ergoogeln – ­neben Debatten über Politik, dem Formulieren von Konsumkritik, dem gemeinsamen Erarbeiten von Strategien der Selbstfürsorge, Auf-Partys-Tanzen, Fashion-Talks, Demonstrieren und vielem anderen.« Yaghoobifarah selbst »lese ab und zu intuitiv Kaffeesätze«.

Sind die Handlungsempfehlungen und Psychotipps der Apps und Internet-Astrologinnen so harmlos oder sogar nützlich, wie Yaghoobifarah und der Spiegel es darstellen? Die Sozialpsychologin Claudia Barth bezeichnet Astrologie in ihrem 2003 veröffentlichten Buch »Über alles in der Welt. Esoterik und Leitkultur« als eine »Einstiegs­droge in die spiritistische Welt«. 1977 hätten weniger als die Hälfte der Deutschen regelmäßig ihr Horoskop gelesen, Mitte der neunziger Jahre seien es 77 Prozent gewesen.

In Zeiten besonderer ökonomischer Unsicherheit durch wirtschaftliche Krisen blühe die Sterndeuterei nachweislich auf, schreibt Barth. Die Hinwendung zu Astrologie und die Einübung von Selbstfürsorgepraktiken sind Symptome einer Gesellschaft, die die Verantwortung für ihre Probleme an die machtlosen Individuen delegiert und ihnen zugleich suggeriert, sie seien so mächtig wie nie zuvor.

In der Feudalgesellschaft gab es eine klare Trennung zwischen Herr und Knecht, die Herrschaftsbeziehung war eine persönliche, für alle wahrnehm­bare und spürbare. Herrschaft in der kapitalistischen Gesellschaft hingegen ist unpersönlich und verdeckt, sie ­erscheint dem Individuum chaotisch und ohne inneren Sinn. Begeben die Individuen sich auf die Suche nach diesem, laufen sie Gefahr, allem Bedeutung verleihen zu wollen – häufig in Form einer auf sie selbst bezogenen Botschaft des Schicksals.

Astrologie ist die Vorspiegelung schicksalhafter Zusammenhänge, die nichts dem Zufall überlassen. Astrologie ist auch, wie jede Spielart von Esoterik, eine Möglichkeit, aus Ängsten und Sehnsüchten der Menschen Kapital zu schlagen. Das Bedürfnis nach Einordnung von Geschehnissen und Vereinfachung der Welt wird umso größer, je weniger der einzelne Mensch den herrschenden Verhältnissen etwas entgegenzusetzen hat.

Theodor W. Adorno, ein wichtiger Mitbegründer der Kritischen Theorie, befasste sich 1959 in dem Text »Aberglaube aus zweiter Hand« mit der Sozialpsychologie der Zeitungshoroskope. Wenngleich nicht alle Ergebnisse seiner Untersuchung auf die heutige Situation übertragbar sind, haben sich doch die Motive der Autoren und ihrer ­Leserinnen nicht grundlegend verändert. Zu Ersteren notierte Adorno: »Der Horoskopschreiber vermag solange ungestraft sich zu ergehen, wie er den tatsächlichen Bedürfnissen und Wünschen seiner Leser geschickt sich anschmiegt.«

Und was erhalten die Ratsuchenden? Noch einmal Adorno: »Je mehr den Menschen das System ihres Lebens als Fatum erscheinen muss, das blind über ihnen waltet und gegen ihren Willen sich durchsetzt, umso lieber wird es mit den Sternen in Verbindung gebracht, als ob dadurch das Dasein Würde und Rechtfertigung erlangte. Zugleich setzt die Einbildung, die Sterne böten Rat, wenn man nur in ihnen zu lesen vermöchte, die Furcht vor der Unerbittlichkeit der sozialen Prozesse herab.«

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 sind noch immer spürbar. Immer mehr junge Menschen, in steigendem Maß auch gut ausge­bildete, leben dauerhaft prekär und in dem Wissen, dass sie den wirtschaft­lichen Wohlstand ihrer Eltern wahrscheinlich niemals erreichen werden. Arbeitsplatzverlust, Armut nicht erst im Alter und noch dazu die Covid-19-­Pandemie und die Klimakatastrophe sind reale Bedrohungen.

Unter Berufung auf Daten von Apps wie Co-Star und OkCupid, einem Online-Datingportal, konstatierte die US-amerikanische Computerzeitschrift ­Wired im Mai, dass seit Beginn der Covid-19-Pandemie signifikant mehr Männer sich von Astrologie-Apps Hilfe bei der Identitätsfindung und Orientierung versprechen. Eine Deutung lautet, die Pandemie habe Männer von ­ihren üblichen Stressregulatoren getrennt (Sport, Freundschaften). Auch seien Männer durch Covid-19 stärker mit dem Tod konfrontiert, zitiert Wired den früheren Vorsitzenden der American Psychological Association, Ronald F. Levant. Der emeritierte Psychologieprofessor stellt allerdings auch fest, dass es in den USA seit Beginn der Pandemie einen allgemeinen Trend zu mehr Irrationalismus gebe, der sich zum Beispiel in der Verbreitung von Verschwörungserzählungen zeige.

Wenn von römischen Kaisern bis zum US-Präsidenten Ronald Reagan mächtige Männer sich die Sterne deuten und ihre politischen Entscheidungen davon beeinflussen ließen, dann erscheint das gegebenenfalls auch dem heutigen Fondsmanager genauso wie dem auf Kurzarbeit gesetzten Arbeiter als Möglichkeit, reale und gefühlte Kontrollverluste auszugleichen.

Der gallische Seher wird übrigens am Ende von den Dörflern entlarvt und von den Römern, die ebenfalls auf ihn hereingefallen sind, fortgejagt. Der heutige Esoterikmarkt hingegen scheint sich stetiger Nachfrage zu ­erfreuen. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch von kommenden Krisen und gesellschaftlichen Verwerfungen profitieren.