In Gelsenkirchen soll Fußball bei der Integration von Migranten helfen

Nicht bloß turnen und kicken

Die Stadt Gelsenkirchen kann auf eine lange Geschichte der Zuwanderung zurückschauen. Wie schon in der Vergangenheit soll der Fußball bei der Integration helfen.

Das Ruhrgebiet sei ein Schmelztiegel, lautet eine in der Region gepflegte Legende. Sie ist leider falsch: Als sich die Einwohnerzahlen Gelsenkirchens wie all der anderen Dörfer und Kleinstädte des Ruhrgebiets im 19. Jahrhundert innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfachten, lagen sich die Zugezogenen und die Ureinwohner keineswegs glückselig in den Armen. Doch auf den Zechen und in den Stahlwerken wurde Arbeitskraft gebraucht. Damals ahnte kaum jemand, dass die Neuankömmlinge allein schon durch ihre schiere Masse die Grundlage des Wohlstands vieler Alteingesessener bilden würden. Auf den alten Schweinewiesen hinter den Metzgereien entstanden ganze Wohnquartiere und machten die glücklichen Schlachter reich.

Viele Vereine sortieren schon im Jugendbereich, wer überhaupt mittrainieren und spielen darf.

Mit der Integration lief es allerdings nicht so gut: Von der halben Million zugezogener Ruhrpolen wanderte nach 1918 ein Drittel in das neugegründete Polen aus, ein weiteres Drittel zog in andere europäische Staaten. Nur der Rest blieb. Um nicht aufzufallen, deutschten die im Revier Gebliebenen nicht selten ihre Namen ein: Aus Familie Krakowiak wurde dann beispielsweise Familie Krakau.

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Auch der FC Schalke 04 wollte nichts mehr von seinen polnischen Wurzeln wissen, als der Verein 1934 zum ersten Mal Deutscher Meister im Männerfußball wurde. Um dem weithin kursierenden Ruf, ein »Polackenverein« zu sein, und auch der damit einhergehenden Zuneigung der polnischen Medien zu entgehen, stellte sich Schalke gegen die seiner Meinung nach unbegründeten Gerüchte und bestand darauf, ein Verein deutscher Jungs zu sein. Immerhin: Polnischstämmige Spieler wie Emil Rothardt (geboren Czerwinski), Ernst Kalwitzki, Ernst Kuzorra und Otto ­Tibulski gelangten durch die Aufstellung in der Meisterelf zu Ruhm und Anerkennung.

Heutzutage rühmt sich Schalke seiner Wurzeln, und in der Stadt hoffen viele auf den Fußball, wenn es um Integration geht. In Gelsenkirchen wohnen Menschen aus über 100 Nationen, nicht immer ist das Zusammenleben konfliktfrei. Bei der Bundestagswahl 2017 erhielt die AfD dort 17 Prozent der Stimmen, während sie bundesweit gerade einmal 12,6 Prozent erreichte.

Die Stadt Gelsenkirchen will, dass Migranten über das Sporttreiben ­hinaus in den Vereinen aktiv werden und auch im Vereinsvorstand, als Kassenwart, Trainer und Betreuer Verantwortung übernehmen. Ein wenig akademisch klingt das, was die Stadt auf ihrer Website dazu veröffentlicht, zwar schon, aber es geht in die richtige Richtung: »Gerade im Bereich des organisierten Sports ist es deshalb wichtig, dass sich sowohl Menschen mit als auch Menschen ohne Migrationshintergrund konstruktiv einbringen und die Unterschiedlichkeit des jeweiligen Gegenübers anerkennen.« Dies müsse »auf allen Ebenen, die im Bereich des organisierten Sports Bedeutung haben, geschehen«. Teilhabe und ein sozial vielfältiges Miteinander begännen »im Bereich des wöchentlichen Trainings in Vereinen«. Darüber ­hinaus gehörten dazu »gemeinsame Kursbesuche« sowie eine »aktive Mitgestaltung von Kursangeboten, die bedarfsorientiert ausgerichtet sind«, plus Teilhabe in Bereichen der Organisation und Verwaltung.

Wie aber verläuft die Integration an der Basis? Bernd Matzkowski ist Lehrer am Gladbecker Heisenberg-Gymnasium und war lange ehrenamtlich als Fußballjugendtrainer beim DJK Schwarz-Weiss Gelsenkirchen-Süd tätig. Seine Erfahrung als Pädagoge war dabei wohl ebenso hilfreich wie sein familiärer Hintergrund: Matzkowskis Vater Paul gehörte 1958 zur letzten Mannschaft von Schalke 04, die Deutscher Meister wurde. Eigentlich hatte der damals 37jährige, der mit seinen Eltern als Kind aus dem masurischen Lyck ins Ruhrgebiet eingewandert war, seine aktive Laufbahn bereits beendet, hin und wieder spielte er aber doch noch für die Königsblauen, wenn Not am Mann war. An der Meisterfeier durfte Paul Matzkowski trotzdem nicht teilnehmen, allerdings bloß aus Versehen. In einem Interview erzählte er, dass schlicht vergessen wurde, ihn einzuladen: »Erst als alles vorbei war, da haben sie bemerkt, dass da einer fehlte.«

Matzkowski senior nahm Schalke diese Gedankenlosigkeit allerdings nicht weiter übel, denn später wurde er Trainer der Amateure, die er in die höchste Amateurklasse führte. Später coachte er weitere Mannschaften in der Region. Und ging selbst im hohen Alter noch manchmal zu Schalke-Spielen.

2004 starb Paul Matzkowski. Seine Liebe zum Fußball hat er erkennbar auf seinen Sohn Bernd übertragen. »Zum DJK Schwarz-Weiss Gelsenkirchen-Süd kam ich, als meine Söhne anfingen, dort zu spielen«, sagt ­dieser im Gespräch mit der Jungle World. In der folgenden Zeit sei ­seine Beziehung zum Verein immer enger geworden. Bernd Matzkowski trainierte mehrere Jahre Jugendmannschaften der DJK.

»Was mir an der DJK von Anfang an gefiel, war, dass jeder mitmachen konnte«, schildert er seine Begeisterung für das Konzept des Clubs. ­Viele Vereine sortieren schon im Jugendbereich, wer überhaupt mittrainieren und spielen darf. Bei der DJK Schwarz-Weiss Gelsenkirchen-Süd habe es dagegen immer »gereicht, Fußball spielen zu wollen. Die Kinder werden aufgenommen, nicht ausgenommen.«

Und Fußball spielen, das wollen viele Kinder in Ückendorf, einem Stadtteil im Süden Gelsenkirchens, in dem traditionelle Arbeiterquartiere, Straßen mit verfallenen Häusern und bürgerliche Wohngegenden nebeneinanderliegen. »Als 2015 viele Flüchtlinge aus Syrien kamen, haben wir sogar eine eigene Flüchtlingsmannschaft gebildet, aber dann auch schnell dafür gesorgt, dass die Jungs mit den anderen zusammen spielen.«

Die Eltern aller Kinder, egal welcher Herkunft, würden sich im Verein ­engagieren und die Kinder bei den Spielen am Wochenende anfeuern, sagt Matzkowski. »Vor allem die türkischen Eltern haben große Ansprüche an ihre Kinder. Die sehen sie alle schon in der Nationalmannschaft«, lacht er. Und tatsächlich haben es zwei, die früher bei der DJK Schwarz-Weiss Gelsenkirchen-Süd spielten, geschafft: Die Brüder Halil und Hamit Altıntop kickten als Kinder auf dem Fußballplatz des Vereins neben der Künstlersiedlung Halfmannshof, wurden Profis und schafften es in die türkische Nationalmannschaft.

Nur die Eltern der Roma, von denen viele in Ückendorf leben, beteiligten sich nicht am Vereinsleben, bedauert Bernd Matzkowski. Ihre Kinder hingegen seien begeisterte und talentierte Fußballer. Der Verein kümmere sich um sie und kleide sie zum Teil sogar ein. »Das Problem ist nur, dass sie oft nach drei Monaten wieder weg sind und die Stadt wechseln.« Da sei es schwer, einen engen Kontakt zu den Kindern aufzubauen.

Aber ist für arme Familien eine Vereinsmitgliedschaft der Kinder nicht eine viel zu große finanzielle Belastung? Bundesweit wird die Mitgliedschaft in Sportvereinen bei Familien mit geringen Einkommen durch Leistungen des sogenannten Bildungs- und Teilhabepakets unterstützt. 15 Euro stehen den Familien pro Monat und Kind für Sport und andere Freizeitaktivitäten zur Verfügung. Diese werden für gewöhnlich in Form von »Teilhabegutscheinen« ausgehändigt.