Small Talk mit Melike Çınar von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung über das neue Bündnis »BARE«

»Mangelnde Wahrnehmung ist Ausdruck von Diskriminierung«

»BARE« bedeutet auf Romanes »groß« oder »stolz«. Unter diesem Namen hat sich das »Berliner Bündnis gegen Antiziganismus und für Roma*-Empowerment« kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Bündnis versammeln sich zivilgesellschaftliche Initiativen, Träger der sozialen Arbeit, politische Akteure, kulturelle und wissenschaftliche Institutionen sowie Organisationen aus der Roma-Community. Melike Çınar von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung berichtet über die Ziele von BARE.

Das Bündnis möchte die »Reflexion von Diskriminierung von Sinti und Roma stärken«. Was bedeutet das?

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Wenn sich Menschen als Roma zu erkennen geben, erfahren sie eine strukturelle Diskriminierung. Das ist kein Geheimnis, das passiert auf dem Arbeitsmarkt, dem Wohnungsmarkt sowie in Ämtern und Behörden. Es wäre ein großer Erfolg für das Bündnis, wenn es dahingehend eine Sensibilisierung vorantreiben könnte. Den Kampf gegen Antiziganismus betrachten wir als gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Ganz plakativ: Es können natürlich nicht die Roma selbst ihre eigene Diskriminierung abbauen, sondern alle sind aufgefordert, Strukturen abzubauen, die benachteiligend wirken.

Wie möchte BARE dazu beitragen?

Erst einmal geht es um Sichtbarmachung. Es gibt bereits viele ­Empowerment-Bemühungen aus der Roma-Community. Außerdem sollen bestimmte Anliegen mehr Aufmerksamkeit bekommen, wie etwa die andauernden Debatten über das Denkmal für die im Na­tionalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas. Insgesamt gilt: Es passiert viel, aber wenig wird wahrgenommen. Und das ist nicht zufällig so, sondern Ausdruck fortwährender Diskriminierung.

Und darüber hinaus?

Wir möchten auch konkret wirksam werden. Eine Idee ist es, die Vermittlung abwertender Bilder und Stereotype etwa in Schulbüchern zu untersuchen und darüber mit der Senatsverwaltung und Verlagen ins Gespräch zu kommen. Das Bündnis hat auch Wahlprüfsteine, die die Belange der Zielgruppe in den Fokus nehmen, an die demokratischen Parteien im Abgeordnetenhaus versandt.

Wie machen sich die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie ­bemerkbar?

Berichte aus der sozialen Arbeit mit Roma zeigen, dass die benachteiligenden Lebenslagen vieler Menschen durch Corona nochmals zementiert wurden. Aber auch in anderen Bereichen wirkte sich die Pandemie aus: Im vergangenen Sommer wurde in Berlin-Neukölln ein gesamter Wohnblock unter Quarantäne gestellt. Von aktivistischer Seite wurde kritisiert, dass antiziganistische, rassistische Einstellungen und Strukturen dabei eine Rolle spielten.

Weshalb beteiligt sich die Landeszentrale für politische Bildung am Bündnis?

Wir stehen für eine Stärkung der politischen Teilhabe aller Berlinerinnen und Berliner, völlig egal mit welchen Identitätsmerkmalen sie daherkommen. Deshalb erachten wir es für wichtig, Akteure zu unterstützen, die sich dafür einsetzen, dass Roma gehört werden und gleichwertigen Zugang zu allen Bereichen des Lebens, auch zur Politik, haben. Wir unterstützen als Landeszentrale auch die deutschen Sinti, während BARE vor allem zugewanderte Roma in den Blick nimmt. Für beide Gruppen besteht eine Diskriminierungslage, aber die Bedarfe sind unterschiedlich.