Edmund Whites Autobiographie »Meine Leben«

Genet im Negligé

Eine Reihe autobiographischer Bücher hat der schwule US-amerikanische Schriftsteller Edmund White verfasst. Sein zuletzt auf Deutsch erschienenes »Meine Leben« ist besonders schlüpfrig.

Zu sagen, dass Edmund Whites Buch »Meine Leben« eine Autobiographie ist, erscheint angesichts des Œuvre des US-amerikanischen Autors so unnötig wie unangebracht. Denn White, 1940 geboren, hat wenig geschrieben, das nicht autobiographisch gefärbt ist. »A Boy’s Own Story« (1982), »Und das schöne Zimmer ist leer« (1988) und »Abschiedssymphonie« (1997) gelten als semiautobiographische Trilogie, auch seine zahlreichen anderen Romane weisen starke Verbindungen zu seinem Leben auf. Auch schrieb er mehrere Biographien über andere Schriftsteller, namentlich Jean Genet, Marcel Proust und Arthur Rimbaud. Auf stolze fünf explizit autobiographische Bücher hat es White gebracht, »My Lives« erschien im Original bereits 2005 und liegt jetzt in deutscher Übersetzung vor.

Auffällig ist, dass in den über 500 Seiten Politik und Gesellschaft weitestgehend rausgehalten sind. Der Aufstand im Stonewall Inn kommt im gesamten Buch beispielsweise nur zwei mal vor – als Randnotiz.

Der Plural im Titel, der einem in Demoaufrufen, Ausstellungstexten oder Artikeln seit Jahren ziemlich auf die Nerven geht, da dort mit der Mehrzahl unnötigerweise andauernd demonstriert werden soll, wie divers doch alles angeblich ist (»Feminismen«, »Sexismen«, »Realitäten«), ist in Whites Fall mehr als berechtigt. Schon einmal deswegen, weil er einfach so viel erlebt, dass man sich ungläubig fragt, wie ein einzelner Mensch das alles in seinem Leben hinbekommen haben kann. White wurde in Cincinnati, Ohio, geboren und zog schon in den frühen Sechzigern nach New York, wo er unter anderem die Stonewall Riots miterlebte. Er arbeite als Redakteur für den Time-Life-Verlag, schrieb einen der ersten Sexratgeber für Schwule, lebte in den achtziger Jahren in Paris und mitbegründete 1982 Gay Men’s Health Crisis, die erste Organisation, die sich für die Belange von Aidskranken einsetzte. Er war und ist Hochschullehrer, derzeit in Princeton.

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Auch kündigt der Plural im Titel den Aufbau des Buches an, das aus zehn Kapiteln besteht, die sich jeweils mit einem Aspekt aus Whites Leben beschäftigen: »Meine Mutter«, »Mein Europa«, »Meine Freunde«. White beginnt aber mit seinen »Seelenklempnern«, auf die er allerdings gar nicht gut zu sprechen ist. Denn diese, kein Wunder in den Fünfzigern in den USA, wussten nichts anderes mit ihm zu tun, als seine Homosexualität zu pathologisieren. Und als ihm einer seiner Analytiker doch eröffnete, vielleicht könne man sich mit dem Schwulsein arrangieren, war White schon als Teenager arrogant genug, dieses Angebot wüst auszuschlagen.

Trotz aller Arroganz und aller ­Beteuerung, mit der Psychoanalyse nichts anfangen zu können und nichts zu tun haben zu wollen, scheint es kein Zufall zu sein, dass die nächsten beiden Kapitel sich ausgerechnet um seinen Vater und seine Mutter drehen. »Der Freudianismus weckte in mir das Interesse am Individuum und seiner sexuellen Entwicklung«, gibt White freimütig zu, und dieses Interesse gilt erst mal äußerst unverblümt ihm selbst, zum Beispiel dann, wenn er erzählt, wie er als 13jähriger Inzestphantasien entwickelte, die er mit der Hoffnung verknüpfte, seinen Vater zu verführen, damit er, getrennt von der Mutter und ihm mit einer anderen Frau lebend, wieder zur Familie zurückkehrt.

Die Phantasien wurden schon bald Realität, allerdings nicht mit dem eigenen Vater, sondern mit männlichen Prostituierten, in den fünfziger Jahren in Cincinnati. Ein ganzes Kapitel dreht sich darum, denn es gibt viel zu erzählen. Wer sich fragt, wieso ein Teenager für Sex Geld bezahlt: In der US-amerikanischen Provinz gab es für Homosexuelle mangels Treffpunkten wie Kneipen und aufgrund der Gefahr, verraten zu werden, so gut wie keine andere Möglichkeit, um Sex zu haben – denn »Sodomie«, sprich Anal- und Oralverkehr, waren bis in die sechziger Jahre in vielen Bundesstaaten strafbar. Dass die Stricher allesamt heterosexuell waren und keine »Verzauberten«, wie White sie nennt, trat nicht nur bei ihm eine Welle des Selbsthasses los. Die Männer, mit denen er schlief, sind unerreichbar, als Liebhaber sowie als Vorbilder für ihn selbst. Ihre maskuline Härte traf den zarten, nicht sehr ansehnlichen und tuntigen White, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dafür geliebt zu werden, was er ist: ein verkopfter Schwuler. Dieser aber, und das zeichnet ihn als Romancier aus, wusste damit umzugehen. »Selbst die demütigenden Situationen konnten als Material genutzt werden. Das Leben war ein Feldversuch. Mein Schreiben würde all das Böse in Blumen verwandeln.«

Mit »Mein Meister« ist ein späteres Kapitel überschrieben, das nicht etwa vom schriftstellerischen Vorbild Whites handelt, sondern ganz buchstäblich seinem Meister gewidmet ist, mit dem er sich gute 40 Jahre später in New York in einer sadomasochistischen Beziehung befindet, in der zwar auch Geld eine Rolle spielt, die aber über das Verhältnis zwischen einem Prostituierten und einem Freier hinausgeht. White fragt sich, ob er nicht mehr eine junge, sondern eine »unglückliche alte Tunte« sei, als er einen Fanbrief von T. bekommt, einem jungen Schauspieler, dem sein Beruf für diese Beziehung äußerst gelegen kam. Denn von da an nimmt er die Rolle des Meisters des fast 40 Jahre äl­teren White ein, ein Spiel, das zwar durchaus ernst werden kann, aber von White nicht unreflektiert bleibt. »Mehr als jeder andere war ich mir bewusst, wie lächerlich Sadomasochismus war. Ich machte immerzu Witze darüber«, schreibt er, kann sich aber der sexuellen Energie auch nicht entziehen, der »dreimal wöchentlich stattfindenden Erfindung unserer selbst«, in der die Erfindung aber auch eine reale Basis hat, denn so wie der junge, unsichere White sich einst in ihn erniedrigende Stricher verknallte, so lässt er sich jetzt absichtlich erniedrigen.

T. beendet die Affäre, White leidet monatelang unter Liebeskummer; nur ein weiterer Beweis dafür, was für ein unermüdlicher Romantiker er ist. Die Liebe findet er verwirrend und führt aus, dass sie gut (und schlecht) sei, »weil leidenschaftliche Liebe, anders als wertschätzende Liebe, transformativ, obsessiv und unpraktisch ist«. Dass ihn diese leidenschaftliche Form der Liebe so fasziniert und am Ende eben auch einnimmt, hat einen einfachen Grund: »Vielleicht fühlten sich schwule Männer meiner Generation deshalb zu dieser besonderen, zerstörerischen Art mittelalterlicher Liebe hingezogen, weil wir uns so schlecht vorstellen konnten, wie häusliches Glück zwischen zwei Männern aussehen sollte. Verzweiflung konnten wir verstehen. Sehnsucht, besonders enttäuschte, abgewiesene Sehnsucht, erlebten wir ­jeden Tag.«

Da das Buch nicht chronologisch erzählt ist, wird man ganz schön brutal durch das 20. Jahrhundert geschubst. Auch die Länder wechseln, aber nicht so oft wie die Zeiten. Im Paris der achtziger Jahre findet man sich im Kapitel »Mein Genet« wieder, in dem White seine Recherche zu seiner Biographie über den schwulen französischen Schriftsteller schildert – und zwar, und das ist eine Freude, ziemlich tratschig. So erfährt man beispielsweise, dass der Hauptdarsteller in Genets berühmten Film »Une chant d’amour«, in dem sich zwei männliche Häftlinge in einem Gefängnis ineinander verlieben, tatsächlich schon in den Fünfzigern Frau und Kinder hatte. Aber auch Genets antisemitische Einstellungen lässt White nicht unberücksichtigt, auch wenn er betont, dass Genet versuchte, diese aus seinen Texten herauszuhalten. Auch will White hier zwischen Antisemitismus und Antizionismus trennen, was erwartungsgemäß nicht gelingt. Der Tratsch lässt dann nicht lange auf sich warten: Angela Davis erzählt White einmal, dass Genet, nachdem er sich oft mit hohen Vertretern der Black Panther getroffen hatte, vor ihnen nach einer durchzechten Nacht im rosa Negligé ­getanzt habe.

Auffällig ist, dass in den über 500 Seiten Politik und Gesellschaft weitestgehend herausgehalten werden. Der Aufstand im Stonewall Inn kommt im gesamten Buch beispielsweise nur zweimal vor – beide Male als Randnotiz. White war zwar da, erzählte aber schon vor einigen Jahren in einem Interview, nicht nur mehr oder weniger aus Versehen in die ­Riots geraten zu sein, sondern auch, dass er der unpolitischste Mensch sei, den es gebe. Diese äußerst schwule Form der Koketterie zeichnet White aus, der in seinem Buch lieber über seine Freunde und sein Sexleben plaudert als über die Initialzündung der Schwulenbewegung. Er lässt eine, wenn man so will, schwule Ethik aufleben, die, so tragisch sie auch sein kann, dem bierernsten politischen Aktivismus unbedingt vorzuziehen ist. Und das geht dann so: »Ein guter Teil unseres schwulen Humors beim trockenen Martini«, so schreibt White, entspringe dem Reflex, »über das ­zu lachen, was uns am meisten beunruhigt«.

Edmund White: Meine Leben. Aus dem amerikanischen Englisch von Joachim ­Batholomae. Albino-Verlag, Berlin 2021, 528 Seiten, 28 Euro