Die neue Dokumentation über The Velvet Underground von Todd Haynes

Blowjobs, Bananen und elektronische Bratschen

Die Dokumentation von Todd Haynes über The Velvet Underground ist eine Collage aus Experimentalfilmen und zollt damit nicht nur der Band, sondern auch der subversiven Kunst der sechziger Jahre Respekt. An die Frage, warum es das so nicht mehr gibt, wagt er sich nicht.

Todd Haynes ist kein Unbekannter, wenn es um Musikfilme geht, mit Musikern beschäftigen sich drei der bisherigen Werke des Regisseurs. Diese aber als Biopic zu verstehen oder als genretypisch zu bezeichnen, würde ihnen nicht gerecht werden. »Barbie is Karen Carpenter« steht auf dem Plakat des 1987 gedrehten »Superstar. The Karen Carpenter Story«, einem Kurzfilm über die Schlagzeugerin und Sängerin der Carpenters, die tatsächlich in diesem Film, wie der Rest der Figuren, von Barbiepuppen »gespielt« wird. Carpenters Leben war tragisch, mit nur 32 Jahren starb sie, auch in Folge ihrer Essstörung.

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Das Leben des Vorbilds für den zweiten Musikfilm von Haynes war nicht so dramatisch, wurde aber ­extra für den Film etwas dramatisch verändert, denn David Bowie, Vorbild für eine der Hauptfiguren des 1998 erschienenen »Velvet Goldmine«, drohte mit Klage. Der als historiographische Spurensuche angelegte Film, der die Ära des Glam-Rock durchleuchtet, mag zwar von den Fakten her nicht akkurat sein, ist aber trotzdem ein aufregendes Porträt der frühen Siebziger in Großbritannien und nebenbei queerer als alles, was sich heute so nennt. Haynes, ein Vertreter der in den Neunzigern entstehenden Strömung des New Queer Cinema, deren Vertretern es beileibe nicht nur um Repräsentation, sondern auch und gerade um unkonventionelles Erzählen ging, wagte dann 2007 in seinem Film »I’m Not There« über Bob Dylan eine wahrlich queere Entscheidung und besetzte einen der sechs Schauspieler, die Dylan spielten, mit Cate Blanchett.

Warhols Tätigkeit als Produzent, die er aufnahm, nachdem er der Band vorgestellt wurde, beschränkte sich darauf, wenn man Lou Reed glauben mag, dass er mit im Studio stand und atmete.

Todd Haynes ist also erprobt darin, äußerst unkonventionelle Filme über Musiker und Musik zu machen. Zumindest, wenn es sich um Spielfilme handelt. Denn seine erste Dokumentation, die sich der Band The Velvet Underground widmet, ist in klassischer Form gehalten. Das ist erst mal gar nicht weiter schlimm, und dennoch ist es schwer, in den zwei Stunden eine Handschrift von Todd Haynes auszumachen.

Die 1964 in New York gegründete Band von Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen »Moe« Tucker macht es einem aber auch nicht leicht: Zu sehr ist die Gruppe zeit ihres Bestehens schon ästhetisch vereinnahmt worden, zumindest was das Visuelle angeht, und zwar von ihrem »Produzenten« Andy Warhol, der ihnen für ihr 1967 erschienenes Debütalbum das Model Nico als Sängerin zur Seite stellte und auch das Plattencover, die berühmte Banane, entwarf.

Bevor es im Film aber um Warhol geht, erzählt Haynes erst einmal chronologisch (wie übrigens den gesamten Film) einzeln über die vier Mitglieder, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Lou Reed war ein junger rebellischer Mann aus Long Island, der sich in einem Film mit James Dean gut gemacht hätte, wegen Elvis Presley eher schlecht als recht anfing, Musik zu machen, Drogen nahm und, wie zumindest er dachte, aufgrund der Homophobie seines Vaters einer Elektrokonvulsionstherapie unterzogen wurde (was Reeds Schwester Merrill im Film allerdings bestreitet). John Cale wiederum war Waliser, spielte schon mit 13 im Orchester und studierte am Gold­smith College in London Bratsche.

1964 zog Cale nach New York, und zwar in eine Wohnung zusammen mit den Experimentalfilme­machern Tony Conrad und Jack Smith. Von da aus war es zu Warhol nicht mehr weit. Der Maler hatte sich zu der Zeit schon einen Namen als Experimentalfilmer gemacht, ­allerdings kamen seine Filme wie »Sleep«, »Kiss« oder »Empire State Building« komplett ohne Ton aus. Die »Warhol silence«, wie die Filmkritikerin Amy Taubin es im Film nennt, schrie geradezu nach musikalischer Untermalung. Gut, dass sich Reed und Cale auf einer Party getroffen hatten und kurz darauf eine Single unter dem Bandnamen The Primitives aufnahmen, eine rohe, animalische Rock ’n’ Roll-Nummer, in der man allerdings durch die Spoken-Word-Passagen von Lou Reed seinen großen Hang zur Lyrik er­ahnen kann. Reed erzählt in Haynes Film aus dem Off davon, wie er Arthur Rimbaud, Allen Ginsberg und vor allem den Schriftsteller Delmore Schwartz las und genau dasselbe wie sie machen wollte – nur eben mit Schlagzeug und Gitarre.

Warhols Tätigkeit als Produzent, die er aufnahm, nachdem er der Band vorgestellt wurde, beschränkte sich darauf, wenn man Lou Reed glauben mag, dass er mit im Studio stand und atmete. Doch eine Sache war tatsächlich sein großes Verdienst: Wegen der puren Anwesenheit des großen Künstlers Andy Warhol traute sich niemand im Tonstudio, am Sound der Band auch nur irgendetwas zu ändern. Bei den Aufnahmen zu »Sister Ray« vom zweiten Album der Band, »White Light/White Heat«, verließ der Aufnahmetech­niker laut Reed sogar das Studio mit dem Satz, er müsse sich so etwas nicht anhören; der Song dauerte eine gute, zumeist kakophonische Viertelstunde und handelt von ­Heroin und Drag-Orgien. Beliebt war die Musik, eine avantgardistische Mischung aus Rock ’n’ Roll und Drones, auch sonst nicht: Cher sagte 1966 über sie: »The Velvet Underground won’t replace anything … except maybe suicide.«

Collage aus mehreren Bildern

Hommage an den Experimentalfilm. Todd Haynes hat für »The Velvet Underground« auch seltene Filme digitalisieren lassen

Bild:
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Doch Warhol gefiel es, und so integrierte er die Band in sein künst­lerisches Universum, filmte sie, ließ sie bei Events wie seiner Veranstaltungsreihe »Exploding Plastic Inevitable« auftreten und machte sie so zu einem Teil des Expanded Cinema, wenn er beispielsweise während Liveauftritten Filme auf sie projizierte. Der Film von Haynes erzählt, wie stark in den sechziger Jahren nicht nur Film und Musik, sondern auch die Bildende Kunst und Musik zusammenhingen. Auf ihrer ersten Tour spielten The Velvet Underground beispielsweise oft bei Eröffnungen von Ausstellungen, in Museen oder bei Filmfestivals, nicht in Konzerthallen, wie Moe Tucker sich erinnert.

Tatsächlich ist »The Velvet Underground« viel mehr als eine Hommage an die titelgebende Band, es handelt sich um eine an den Expe­rimentalfilm. Die aufwendig von ­Affonso Gonçalves und Adam Kurnitz (die sich auskennen, denn gemeinsam machten sie auch den Schnitt für Jim Jarmuschs Film über die Stooges) geschnittene Dokumentation zeigt – oft in dynamischem Split Screen – allerhand an experimentellem Film, von Jonas Mekas (dem der Film gewidmet ist) über Maya Deren, Marie Menken, Kenneth Anger, Stan Vanderbeek, Bruce Conner bis zu Stan Brakhage. Das meiste Material aber stammt von Warhol, beispielsweise die berühmten »Screen Tests«, in denen jeweils eine Person für eine kurze Zeit nur vor der Kamera sitzt und nichts tut.

Dazu erzählen aus dem Off die beiden noch lebenden Originalmitglieder John Cale und Moe Tucker Geschichten über die Band, aus dem Archiv kommt die Stimme des 2013 verstorbenen Lou Reed. Die eh nur wenigen talking heads erscheinen bei Haynes nur selten, und doch werden sie ins Bild gesetzt. Eine ärger­liche Entscheidung, denn der Film würde an Radikalität gewinnen, wenn er nur aus Musik, Voice-over und vorhandenem Bildmaterial ­bestehen würde, auch deswegen, weil einiges davon bisher unveröffentlicht geblieben oder schwer zu bekommen ist, zum Beispiel eine Version von »There She Goes Again«, die nicht von Lou Reed, sondern von Nico gesungen wird. Auch konzentriert sich Haynes viel zu stark auf die Warhol-Zeit, die allerdings nach dem ersten Album 1967 schon wieder ihr Ende fand (Reed kündigte Warhol), und nach der The Velvet Underground noch drei Alben mit zumindest einem Teil der Originalmitglieder aufnahmen (nach dem zweiten Album feuerte Reed auch John Cale).

Während an der Westküste die Hippies über den »Love-Peace-Crap« sangen, waren The Velvet Under­ground eine düstere, negative und dabei sinnliche Erinnerung an das Leiden und den Schmerz.

Über einen der Interviewpartner, der sich als irrer Fan outet, freut man sich aber dann doch, ihn und sein von blanker Faszination geprägtes Gesicht als talking head auch zu sehen: den Singer-Songwriter und das sympathische Herz des Anti-Folk, Jonathan Richman, der als Teenager zahllose Shows der Band sah, sie dann sogar kennenlernte und von Sterling Morison höchstpersönlich das Gitarrespielen beigebracht bekam. Richman kommt aus seiner Bewunderung gar nicht mehr heraus, wenn er beispielsweise erzählt, dass The Velvet Underground ihm geholfen hätten, »das Leben zu verstehen«.

Das klingt etwas übertrieben, aber man darf den Einfluss und die Wirkmacht von The Velvet Underground nicht unterschätzen. Unzählige bekannte Punk- oder Rockbands nannten The Velvet Underground als großen Einfluss, darunter Roxy Music, Sex Pistols, Joy Division, Buzzcocks, Morrissey, Sonic Youth, Nirvana, selbst jemand wie Bono. Dieser Einfluss hat nicht nur damit zu tun, dass The Velvet Underground eine genial komplexe Musik machten, die schlicht und dennoch experimentell, brutal und dennoch melodisch war, sondern hing auch mit ihrer Attitüde zusammen: ihren doch sehr direkt zu Tage tretenden subversiven Ambitionen, die bei Todd Haynes überraschenderweise tatsächlich zu kurz kommen. In den Texten von Lou Reed geht es um harte Drogen, um Blowjobs, um Sado-Masochismus und um eine Orgie mit Transsexuellen, die von einer Polizei­razzia unterbrochen wird, John Cale spielte eine elektronisch verstärkte Bratsche und Moe Tucker war so gut wie die erste Frau, die überhaupt in einer Rockband ein Rhythmusinstrument spielte.

Während an der Westküste die Hippies über den »Love-Peace-Crap« sangen, wie es bei den Velvets hieß und für die Moe Tucker im Film nur den Tipp »Get real!« parat hat, waren The Velvet Underground eine düstere, negative und dabei sinnliche Erinnerung an das Leiden und den Schmerz, die damals die Hippies überspielten, die in den Mittsiebzigern und durch Punk wieder aufklangen und denen heute als Thema vor lauter Euphorie über ­positive Repräsentation und »empowernde« Botschaften komplett der Garaus ­gemacht wurde.

Haynes versucht gar nicht erst, die Band mit heutigen irgendwie subversiv zu nennenden Kunst- oder Musikbewegungen in Verbindung zu bringen, belässt sie stattdessen völlig in der Vergangenheit. Der Film erzählt historisch über die Band, er hat wohl auch keine andere Möglichkeit, sie als etwas Vergangenes und Abgeschlossenes zu behandeln. Wieso das aber so ist, also die Frage danach, wieso eine so radikale Band wie The Velvet Underground, deren Universum von Schwulen und Transsexuellen, von Outlaws und anderen Ausgestoßenen, von verzweifelt Liebenden und Traurigen bevölkert ist, kein Vorbild mehr für Menschen von heute abzugeben vermag – diese Frage wenigstens zu stellen, bleibt der Film schuldig.

The Velvet Underground (US 2021) Regie: Todd Haynes. Mitwirkende: John Cale, Moe Tucker, La Monte Young, Jonas Mekas und andere. Filmstart: 15. Oktober bei Apple TV+