Chinesische Behörden sorgen sich um die Männlichkeit Heranwachsender

Revolutionäre Männlichkeit

In der chinesischen Gesellschaft wird über eine Krise der Männlichkeit diskutiert. Der Staat begrenzte die Zugangszeit Minderjähriger zu Online-Videospielen und will »verweiblichte« Männer aus dem Fern­sehen verbannen.

Es soll die »revolutionäre Kultur« wieder gestärkt werden. Das forderte am 2. September die Medienregulierungsbehörde Chinas und veröffentlichte neue Vorgaben, die sich vor allem gegen Personen, Stars und Entertainer richten, die nicht traditionellen Vorstellungen heteronormativer Männlichkeit entsprechen. Die Medien sollen »entschlossen den verweiblichten Männern und anderen abnormalen Ästhetiken ein Ende setzen«, hieß es in der Ver­öffentlichung der Behörde. Der Text benutzte dabei einen abwertenden Slang-Ausdruck für feminine Männer, wörtlich etwa »Mädchenpistolen«. Außerdem sollen weniger »vulgäre Internetberühmtheiten« gezeigt und nicht nur Werte wie Ruhm und Reichtum als erstrebenswert dargestellt werden.

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Die neuen Regeln fügen sich in die Maßnahmen der vergangenen Monate, mit denen die Regierung Unternehmen, aber auch reichen Personen strengere Verhaltensregeln auferlegen will. Sie sind Produkt einer Diskussion über eine Krise der Männlichkeit, die in China schon seit Jahren geführt wird und bei der neben Homophobie offenbar auch das Unbehagen der Älteren an der modernen Konsumkultur und der mit ihr aufgewachsenen jüngeren ­Generation eine Rolle spielt. Inspiriert von der Popkultur Koreas und Japans sind auch in China androgyne Männer immer populärer geworden. 2018 ver­öffentlichte die Nachrichtenagentur Xinhua einen Kommentar, in dem die Unterhaltungsindustrie hart angegriffen wurde, weil sie solchen feminin erscheinenden Männern Raum gebe: »Um diejenigen aufzuziehen, denen die Aufgabe zufällt, unserer Nation zu helfen, ihre Wiedergeburt zu erreichen, müssen wir sie vor unerwünschter Kultur schützen«, warnte der Text.

Dieser neue Konservatismus trifft nicht nur Stars, sondern auch ganz normale junge Leute, die sich in den sozialen Medien auf geschlechtlich ­uneindeutige Weise zeigen. Ein Beispiel, das die Nachrichtenplattform Supchina Ende September dokumentierte: Auf der Plattform Douyin, vergleichbar mit Tiktok, wurde der Account eines jungen Mannes gelöscht, weil dieser mit »vulgären« Inhalten gegen Regeln der Plattform verstoßen habe. Sein Fehlverhalten: Er gehörte zu einer Internet-Community, deren Mitglieder sich im Netz feminin, oft in traditionellen Frauenkleidern, präsentieren, ohne allerdings, schreibt Supchina, offen über Gender-Themen oder Crossdressing zu sprechen. Später schrieb der junge Mann, dessen Account gelöscht worden war, auf der Plattform Weibo, er entschuldige sich für den »negativen Einfluss« seiner Videos auf junge Chinesen. Zum Zeitpunkt der Löschung seines Accounts habe er 2,8 Millionen Abonnenten gehabt, so Supchina.

Ende August wurden auch Online-Computerspiele stärker begrenzt. Die Betreiber dürfen demnach Minder­jährige nur noch maximal drei Stunden pro Woche spielen lassen.

Dass der Staat sich besorgt zeigt über eine »Krise der Männlichkeit«, liegt wohl auch daran, dass junge Männer mittlerweile oft schlechtere akademische Leistungen als Frauen erbringen. Zudem klagt die chinesische Armee über mangelnde physische und emotionale Härte junger Rekruten. Im Januar hat das Bildungsministerium deshalb einen Plan veröffentlicht, um die Männlichkeit von Schülern zu fördern, etwa indem mehr männliche Lehrer besonders für den Sportunterricht angestellt werden sollen.