Elias Hirschls Politsatire »Salonfähig«

Seelenlose Floskel-Zombies

Platte Buch Von

Was für ein garstiges, widerwärtiges, gutes Buch, das der junge Wiener Autor Elias Hirschl da vorgelegt hat. »Salonfähig« ist eine hundsgemeine Satire auf das politische Geschehen in Österreich und zeigt jene machtversessenen Clique, die einen Sebastian Kurz groß gemacht hat. Kurz heißt im Buch Julius Varga, seine Partei ist die Junge Mitte. Der namenlose Erzähler ist einer dieser Karrieristen, die sich in der Landesschülervertretung und in der Parteijugend mittels perfider Punktesysteme hochschlafen und in die Machtstrukturen hineinkoksen. Als »designierter Trizegeneralsekretär der JM-Fraktion des sechzehnten Wiener Gemeindebezirks« ist er ein veritables Nichts. Ein No-Name mit Porsche und Boss-Anzug und einer Mission: Seinem Idol Julius Varga nachzueifern bis zur Mimikry. Immerhin darf er in dessen Wohnung manchmal die Blumen gießen. Dieser Erzähler kreiert sich selbst nach dem Vorbild seines politischen Götzen, übt mit Hilfe einer Rhetoriktrainerin das angemessene Lachen über Vargas Witze auf Parteievents. Als einzigen individuellen Charakterzug gönnt Hirschl diesem Homun­kulus der Selbstoptimierung eine perfide Faszination für Attentate mit vielen Opfern.

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Das ist alles schwer zu ertragen, Sympathie kommt nirgends auf, das Romanpersonal besteht nur aus seelenlosen Floskel-Zombies, und natürlich treibt der Autor es auf die Spitze. Doch die österreichische Politik ist so voll mit groben Klötzen, dass Satire auch mal dick auftragen und ge­schmack­los werden darf. Etwa wenn die Junge Mitte eine KZ-Gedenkstätte besucht und bei jeder Erwähnung der Shoa in der Rede eines 102jährigen Überlebenden einen Schnaps aus dem Flachmann nimmt. Das ist natürlich der Holzhammer, aber das Sezierbesteck kommt auch zum Einsatz, so viel darf gespoilert werden. Denn natürlich muss die patho­logische Hingabe des Erzählers eskalieren. Hirschl ­kostet das blutige Finale aus und verbindet es mit einer genüsslich-kleinteiligen Zerstörung neokonservativer Wunschvorstellungen.

Elias Hirschl: Salonfähig. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2021, 256 Seiten, 22 Euro