Die französische Großstadt Lyon ist ein Zentrum rechtsextremer Umtriebe

Rechtes Zentrum

Im französischen Lyon häufen sich Fälle rechtsextremer Gewalt. Die Stadt ist ein Zentrum von Neonazis – aber auch die bürgerliche Rechte wird immer extremer.

Lyon ist keine schlechte Stadt, sie ist nur voll – vor allem von Leuten, denen man nachts nicht begegnen möchte. Zu ihnen zählen neben »Identitären« auch gewaltaffine Neonazis, zum Beispiel Anhänger der verbotenen, doch im Raum Lyon besonders aktiven Gruppierung Blood & Honour, sowie Fuß­ballhooligans mehrerer Fangruppen des örtlichen Clubs Olympique Lyonnais. Eine dieser »Firmen« genannten Fangruppen, Mezza Lyon, benutzt als Abzeichen das Emblem der SS-Division Totenkopf.

In Lyon verfügt die »Identitäre Bewegung« seit mehreren Jahren über ein Veranstaltungslokal sowie einen Boxclub.

Am 23. Oktober zog eine große antifaschistische Demonstration durch Lyon. Mehrere Abgeordnete der linkspopulistischen Wahlplattform La France insoumise waren aus Paris angereist, insgesamt nahmen laut Behörden 1 800 und laut Veranstalter 5 000 Menschen teil. Sie protestierten gegen eine erhebliche Zunahme faschistisch motivierter Gewalt in den vorangegangenen Wochen und Monaten. Die antiautoritäre Internetzeitung Rapports de force zählte in Frankreich in den ersten drei Quartalen 64 Fälle rechtsex­tremer Gewalt oder Androhung von Gewalt, davon allein zehn in Lyon. Die Stadt sei in dieser Hinsicht führend in Frankreich. An zweiter Stelle stand Toulouse mit halb so vielen Vorfällen.

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Am 20. März griffen in Lyon am helllichten Tag 40 bis 50 Rechtsextreme die anarchistische Buchhandlung La plume noire an und zerstörten ihre Fensterscheiben. Ein Bekennervideo tauchte später auf dem Telegram-Kanal Ouest Casual auf, den französische Neonazis und ihnen nahestehende Fußballfans nutzen. Am Abend nach dem Länderspiel Frankreich–Schweiz am 28. Juni zettelten rund 30 Rechtsextreme eine Massenschlägerei im Stadtzentrum Lyons an.

Seit dem Spätsommer hat die Zahl rechtsextremer Übergriffe noch zugenommen. Am 29. September lauerten um die 20 Rechte gegen 20.20 Uhr an der Lyoner Straßenbahnstation Perrache Mitgliedern der Jeune Garde auf und schlugen unter anderem mit Gürteln zu. Die Jeune Garde (Junge Garde) ist eine Antifa-Organisation, die unter anderem in Lyon, Paris und Straßburg aktiv ist. Ein Antifaschist wurde mit einem Teppichmesser an der Hand verletzt. Die Opfer kamen gerade von einer Konferenz mit dem Historiker Nicolas ­Lebourg über den Neofaschismus.

Auch am Abend nach der antifaschistischen Demonstration am 23. Oktober zogen rund 50 Rechtsextreme auf Rache sinnend durch den linksalternativ geprägten Lyoner Stadtteil La Croix-Rousse. Sie teilten sich in kleine Gruppen auf und bedrohten Menschen auf Plätzen und in Kneipen. Einen 18jährigen schlugen sie blutig.

Die Täter dieser seit mehreren Jahren andauernden Serie von Gewalttaten kommen aus mehreren Gruppierungen. Die »Identitäre Bewegung« übt eine koordinierende Funktion für verschiedene Fraktionen und Strömungen aus. Nach eigenem Bekunden bildete sich diese 2002/03 in Abgrenzung zur herkömmlichen extremen Rechten. Man wollte sich auch von der eigenen, eher klassisch faschistischen Vorläuferorganisation Unité radicale absetzen, die im August 2002 verboten worden war. In der Praxis merkt man von diesen Distanzierungsversuchen jedoch wenig. Die lokale Internetzeitung Rue89 Lyon berichtete etwa, einer der Kader der »Identitären«, Adrien Lasalle, sei bei den Vorfällen nach dem Länderspiel gemeinsam mit dem Neonazikader Eliot Bertin als Schläger aufgetreten.

In Lyon verfügt die »Identitäre Bewegung« seit mehreren Jahren über ein Veranstaltungslokal, »La Traboule«, sowie einen Boxclub namens »L’Agogé«. Infolge des am 3. März erlassenen Verbots von »Génération identitaire«, der wichtigsten, jedoch nicht einzigen offiziellen Organisation der »Bewegung«, mussten zunächst auch ihre beiden Lokale in Lyon schließen. Doch ­Anfang September wurden sie wieder eröffnet. Ihr gemeinsamer Betreiber ist nun der eingetragene Verein Le Remparts (Die Schutzwälle).

Bislang fanden die Behörden daran anscheinend nichts auszusetzen. Anlässlich eines Besuchs von Innenminister Gérald Dar­manin am 7. Oktober in Lyon sicherte dieser, zum Thema befragt, immerhin zu, dass seine Dienste einschreiten werden, fänden sie heraus, dass hier die Aktivitäten einer verbotenen ­Organisation fortgesetzt würden.

Einige »Identitäre« sind inzwischen Teil der »Comités Z« genannten Orga­nisationsstrukturen für eine Präsidentschaftskandidatur des zwischen radikalisierten Konservativen und Neofaschisten zu verortenden ehemaligen Journalisten und Schriftstellers Éric Zemmour. An einer Pariser Demonstration Ende Februar gegen das damals noch drohende Verbot von Génération identitaire nahm Zemmours Haupt­sponsor, der schwerreiche Unternehmer Charles Gave, persönlich teil.

Das politische Klima in Lyon wäre nicht dermaßen günstig für gewalttätige Rechte, genösse diese nicht auch in der städtischen Führungsschicht eine gewisse Zustimmung. Ein Teil der örtlichen Bourgeoisie pflegt eine ausgeprägt rechte Tradition. Schon im Bürgerkrieg nach der Französischen Revolu­tion war Lyon Zentrum der Reaktion gewesen. Auch während der deutschen ­Besatzung im Zweiten Weltkrieg war hier die Unterstützung für das Vichy-Regime groß. Im Parlament der Region Rhône-Alpes, in der Lyon liegt, gab es 1998 kurzzeitig ein Bündnis zwischen der bürgerlichen Rechten und dem Front national (FN). Diese Allianz war damals gegen den Willen des damaligen FN-Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen gebildet worden, jedoch mit Billigung vor allem des damaligen Generaldelegierten und Chefideologen des FN, Bruno Mégret, den Le Pen im Winter 1998/99 aus dem Amt und der Partei warf.

Mégret war der erste politische Ziehvater Zemmours, wie ein am 1. November ausgestrahlter Dokumentarfilm des Privatfernsehsenders BFM TV – »Zemmour, une obsession française« – enthüllte. Zemmour berichtete damals für die konservative Tageszeitung Le Figaro über Wahlkämpfe des FN und hatte dabei begonnen, sich heimlich mit Mégret zu treffen.

Auch im konservativen Lager Lyons hat diese Vorgeschichte Spuren hinterlassen. Am 5. November musste der Vorsitzende der bürgerlich-konservativen Fraktion im Stadtrat von Lyon, Étienne Blanc, von seinem Amt zurücktreten; er bleibt Senator, also Mitglied im Oberhaus des französischen Parlaments. Blanc hatte Zemmours bereits 2014 in dessen Buch »Le Suicide français« vertretene faktenwidrige Behauptung verteidigt, wonach das Vichy-­Regime zwischen 1940 und 1944 die französischen Juden geschützt und nur ausländische Juden an NS-Deutschland ausgeliefert habe. Aus der Sicht der französischen Staatsräson sei das verständlich ge­wesen, schrieb Zemmour damals.