Erinnerung an die Ermordung von 15 Oppositionellen durch das Militär­regime in Suriname 1982

Ermordet vor 39 Jahren

Am 8. Dezember jähren sich in Suriname die Morde des damaligen Mi­li­tärregimes an 15 Oppositionellen im Jahr 1982. Einer der Verant­wort­lichen, der spätere Präsident Desi Bouterse, wurde 2019 zwar für die Morde verurteilt, ist aber noch immer auf freiem Fuß.

Es ist schon 39 Jahre her und immer noch warten sie auf Gerechtigkeit. Am 8. Dezember wird wie schon in früheren Jahren eine Initiative in Paramaribo, der Hauptstadt von Suriname, der Opfer der sogenannten Dezembermorde gedenken. Gemeint ist die Verschleppung und Ermordung von 15 Oppositionellen am 8. Dezember 1982 im Fort Zeelandia, einer ehemaligen Kolonialfestung der Niederländer.

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2019 verhängte das höchste Militärgericht von Suriname mehrjährige Haftstrafen gegen die Beteiligten. Desi Bouterse, zum Zeitpunkt des Urteils Präsident Surinames, wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er war dem Gericht zufolge als Anführer der 1980 installierten Militärdiktatur hauptverantwortlich für die Tat.

»Es ist historisch einmalig, dass ein amtierender Präsident vor einem nationalen Gericht von drei Richterinnen des Mordes angeklagt und verurteilt worden ist. Suriname hat 2019 Weltgeschichte geschrieben«, kommentierte die Journalistin Noraly Beyer damals das Gerichtsurteil. »Nach so vielen Jahren gibt es für die Angehörigen und Freunde der Opfer endlich Genugtuung und Gerechtigkeit. Auch wenn das Urteil unsere Liebsten nicht wieder lebendig macht, hat es etwas Befreiendes«, sagte die Journalistin Sheila Sitalsing bei der Gedenkfeier 2020.

Bouterse war vor der Verurteilung für die ­­Dezember­morde bereits im Jahr 1999 von einem nieder­län­dischen Gericht für den internatio­nalen Handel mit Kokain zu elf Jahren Haft verurteilt worden.

Doch das Urteil markiert nicht das Ende der Auseinandersetzung. Sunil Oemrawsingh, einer der Gründer der Gedenkinitiative Decembermoorden, sieht darin vielmehr den Anfang der Geschichte der Demokratie in dem südamerikanischen Land. »Als Nächstes muss es darum gehen, das Militärregime auch für andere Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur zur Verantwortung zu ziehen«, sagt er im Gespräch mit der Jungle World. Seine Initiative Decembermoorden setzt sich nicht nur für ein Gedenken an die Opfer ein, sondern will auch daran erinnern, dass die Geschichte der Dekolonisierung in dem Land anders hätte verlaufen können.

Wie der Journalist und Historiker Hans Buddingh’ schreibt, dienten die Dezembermorde 1982 der Machtkonsolidierung des Regimes, das auch von le­ninistischen Kleinstparteien unterstützt wurde. Nach über 300 Jahren niederländischer Kolonialherrschaft hatte sich Suriname 1975 für unabhängig erklärt. Fünf Jahre später ergriff die Militärdiktatur durch einen vergleichsweise reibungslosen Putsch gegen die »alten Parteien« die Macht. Gemeint waren damit jene Parteien, die bereits während der Kolo­nialzeit tonangebend waren und ihren Einfluss nach der Unabhängigkeit wahren konnten, darunter etwa die Nationalistisch-Republikanische Partei (PNR), die Progressive Volkspartei Surinames (PSV), die Progressive Reformpartei (VHP) und die sozialdemokratische Nationale Partei Surinames (NPS). Ein großer Teil der Bevölkerung sah die Machtübernahme Bouterses zunächst mit Wohlwollen. Die »alten Parteien« galten als korrupt, ihnen wurde vorgeworfen, der ehemaligen Kolonialmacht Niederlande nahezustehen und deren Politik fortzusetzen.

Die linksnationalistischen Parteien, die den Putsch 1980 unterstützten, versprachen eine Egalisierung der Gesellschaft und einen Bruch mit dem »alten System«, das sich durch eine starke ethnische Segregation und ein vor allem von ethnischer Zugehörigkeit bestimmtes Wahlverhalten auszeichnete. Um dieses System zu stürzen, paktierten die linken Parteien mit den neuen Militärherrschern, die selbst kein klares politisches Programm verfolgten. Doch weil die Putschisten das Versprechen, 1982 demokratische Wahlen abzuhalten, nicht einlösten, bildete sich eine breite Opposition gegen sie.

»Wenn man sich die Liste der Ermordeten anschaut, kann man erkennen, dass dahinter ein System stand. Wir sehen darauf Rechtsanwälte, Akademiker, Gewerkschafter, Journalisten und dissidente Militärangehörige«, so Oemrawsingh. »Die Macht der Militärherrscher wurde durch gesellschaftlichen Druck im Laufe des Jahres 1982 immer mehr destabilisiert.« Bouterse und seine Gefolgsleute vermuteten dahinter eine große Verschwörung der Niederlande und der USA und griffen hart gegen die politisch heterogene Opposition durch. So wurde neben Anwälten zum Beispiel der Journalist Bram Behr verhaftet, weil er in seinen Artikeln das Regime scharf kritisiert hatte. Behr hatte 1973 die Kommunistische Partei von Suriname mitgegründet. Er wurde schließlich eines der Opfer der Dezembermorde.

Der stärkste Druck auf das Regime kam aus der organisierten Arbeiterbewegung. Die Gewerkschaften forderten, »dass das Militär in seine Kasernen zurückkehrt und sein Versprechen auf demokratische Wahlen wahrmacht«, schreibt die Journalistin Beyer in einem im Dezember 2020 veröffentlichten Band zu den Dezembermorden mit dem Titel » Gerechtigkeit und Wahrheit machen frei. In Gedenken an die Dezembermorde«. Mit Streiks legte die Arbeiterbewegung die Wirtschaft des Landes immer wieder lahm und setzte das Regime Bouterses unter Druck. Insbesondere der Vorsitzende der größten Gewerkschaft des Landes, De Moederbond (Die Mutterliga), Cyrill Daal, war Bouterse ein Dorn im Auge.

Als besonders demütigend empfand der Diktator die Streiks und eine Großdemonstration in der Hauptstadt Paramaribo am 30. Oktober 1982, als er gerade den sozialistischen Revolutionär und damaligen Premierministers Grenadas, Maurice Bishop, empfangen hatte. Unter dem Jubel seiner Anhänger erklärte Bouterse, dass er »die Rechnung, die Daal ausgestellt hat, bar bezahlen« werde. Daal wurde einen Monat später festgenommen, die Gewerkschaftszentrale angegriffen und zerstört. Während seiner Haft in Fort Zeelandia wurde er gefoltert und an­schließend ebenfalls am 8. Dezember 1982 ermordet.

Trotz des bahnbrechenden Urteils von 2019 ist fraglich, ob Bouterse seine Haftstrafe je absitzen wird. Der mittlerweile 76jährige hat, nachdem das Militärgericht sein Urteil im August 2021 bestätigt hatte, erneut Berufung eingelegt. Zudem wird befürchtet, dass Bouterses Verhaftung zu einem neuen bewaffneten Konflikt in der fragilen Demokratie führen könnte. Er genießt noch immer die Unterstützung von Teilen der Bevölkerung. 2010 wurde er gar demokratisch zum Präsidenten gewählt und 2015 wiedergewählt, seine Amtszeit endete 2020.

Bouterses anhaltende Popularität lässt sich vor allem daraus erklären, dass er es vermocht hat, seine soziale und ökonomische Basis durch ein weitverzweigtes Netz organisierter Kriminalität zu festigen. Vor der Verurteilung für die Dezembermorde war Bouterse bereits im Jahr 1999 von einem niederländischen Gericht für den internationalen Handel mit Kokain zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Er habe als Anführer des sogenannten Suri-Kartells operiert, so das Gericht. Das Kartell sei für den Drogenhandel in die Niederlande und die USA verantwortlich. Europol hat einen Inter­nationalen Haftbefehl gegen Bouterse erlassen, er riskiert eine Festnahme, wenn er Suriname verlässt.

Auch Oemrawsingh hat Sorge vor einem bewaffneten Konflikt. »Wir trauen ihm alles zu«, sagt er. »Bouterses Regime ist aus Gewalt entstanden und hat sich über die Jahre mit Gewalt erhalten. Erst vor kurzem wurden bei ihm zu Hause zahlreiche scharfe Waffen gefunden.« Oemrawsingh hofft darum, dass internationaler Druck dabei hilft, Bouterse und die Mittäter der Dezembermorde zu bestrafen. Dazu will er mit den jährlichen Gedenkveranstaltungen beitragen.