Die Online-Ausstellung »Frauen. Fußball. Geschichte« des Deutschen Fußballmuseums

Lückenhafte Geschichte

Eine virtuelle Ausstellung des Deutschen Fußball­museums in Dortmund zeichnet die Geschichte des ­Frauenfußballs nach – leider aber lückenhaft.

Die Covid-19-Inzidenzen sind hoch und die Omi­kron-Variante macht sich auch hierzulande breit. Nebenbei ist es auch noch kalt, dunkel und regnerisch. Es gibt also viele Gründe, zu Hause zu bleiben und den ganzen Tag auf einen Monitor zu starren. Wie schön, dass man sich zudem vom Schreibtischstuhl oder der Couch mit dem Thema Sport beschäftigen kann. Zum Beispiel mit der Online-Ausstellung »Frauen. Fußball. Geschichte« des Deutschen Fußballmuseums. Positiv auch: Der virtuelle Besuch der Ausstellung ist kostenlos.

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»Frauen. Fußball. Geschichte« ­beschreibt die Entwicklung des Frauenfußballs von seinen Anfängen bis in die Gegenwart. Wie die Männer auch, begannen die Frauen vor allem in England bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts damit, dem Ball hinterherzujagen. Darüber, ob in dieser Zeit auch in Deutschland oder anderen Ländern Frauen bereits Fußball spielten, erfährt man in der Ausstellung leider nichts. Sie ist eher eine Aneinanderreihung online auch sonst schnell zu findender Quellen – technisch gut gemacht und attraktiv gestaltet, aber ohne tieferen Erkenntnisgewinn. Der Anspruch des einzigen Fußballmuseums hierzulande an sich selbst dürfte ruhig etwas höher sein, gerade was die Anfänge des Frauenfußballs betrifft.

»Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.« Deutscher Fußball-Bund, 1955

Etwas detaillierter werden die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschildert. Der 1923 gegründete und bis heute bestehende Hamburger Sportverein (HSV) Barmbek-Uhlenhorst verfügte über die erste bekannte Frauenabteilung der Weimarer Republik. Es waren jedoch vor allem Arbeitersportvereine, in denen damals Frauen begannen, organisiert Fußball zu spielen. Der erste Frauenfußballclub, der 1. Deutsche Damen Fußballclub Frankfurt, wurde 1930 von der Metzgertochter Lotte Specht gegründet.

Bedauerlicherweise erfährt man in der Ausstellung nicht viele Details über die Spielerinnen und ihre ­Vereine, nichts über ihr Schicksal in der Nazizeit. Nur dass Frauenfußball auf viel Skepsis traf, wird erwähnt. In einem Artikel der Zeitschrift Sport und Sonne, dem amtlichen Nachrichtenblatt der Deutschen Sportbehörde für Leichtathletik, verneinte 1925 Walter Huith die in der Überschrift des Texts gestellte Frage »Soll das weibliche Geschlecht Fußball spielen?« klar: »Vom völkischen Standpunkt aus glaube ich, nicht fehlzugehen, wenn ich sage, die große Masse vertritt einen ablehnenden Standpunkt. Möge auch der Sportgedanke mehr denn je das Weib der Gegenwart ergriffen haben, und sollten sich auch wirklich einige Beherzte zum Fußballspiele bereit finden, das Allgemeingefühl und Empfinden der deutschen Frau dürfte durch diese Wenigen nicht vertreten sein.«

Auch nach der Gründung der Bundesrepublik änderte sich an den meist männlichen Vorbehalten gegenüber dem Frauenfußball nichts. Als nach dem Gewinn der Welt­meisterschaft 1954 der Fußball in Deutschland boomte und auch immer mehr Frauen kicken wollten, reagierte der DFB – und verbot 1955 ­offiziell den Frauenfußball in seinen Mitgliedsverbänden. Die Begründung: »Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.«

Die Ausstellung zeigt allerdings auch, dass die Frauen sich nicht um das Verbot kümmerten und vor ­allem im Ruhrgebiet und in Süddeutschland begannen, eigene Vereine zu gründen. Das Team von For­tuna Dortmund galt damals als die beste Frauenmannschaft des Landes. Und auch international wurden die Frauen aktiv: In Essen fand am 23 September 1956, also ein Jahr nach dem Verbot durch den DFB, vor 18 000 Zuschauern das erste Länderspiel einer Frauenauswahl statt. Das deutsche Team gewann gegen die Niederlande mit zwei zu eins. »Bis 1965 werden etwa 150 internationale Begegnungen ausgetragen«, erfährt man in der Ausstellung lapidar. In der Öffentlichkeit nahm die Akzeptanz der kickenden Frauen langsam, aber sicher zu. Die Sportzeitung Kicker schrieb 1957: »Unästhetisch, nein, so wirkte das ganz und gar nicht, was die Mädels im Alter von 17 und 22 Jahren vorführten.«

1970 hob der DFB das Frauenfußballverbot auf. 1981 gewann ein »Team Germany« aus Bergisch Gladbach die inoffizielle Weltmeisterschaft in Taipeh. Eine richtige Nationalmannschaft sollte es allerdings erst ein Jahr später geben. Ihr gehörte schon Silvia Neid an, die in ihrer Karriere alles gewann, was man im Fußball gewinnen kann: Als Spielerin wurde sie 1995 Vizeweltmeis­terin, dreimal Europameisterin, siebenmal Deutsche Meisterin und sechsmal Pokalsiegerin. Als Trainerin gewann sie 2007 die Weltmeisterschaft, wurde zweimal Europameisterin und holte 2007 die Goldmedaille bei den Olympischen ­Spielen.

Über die Zeit ab den achtziger Jahren wird die Ausstellung ausführlicher. Es ist die Zeit des DFB, seiner erfolgreichen Frauennationalmannschaft, der 1990 eingeführten Bundesliga und es gibt Stars wie Neid, Inka Grings und Steffi Jones.
2011 fand schließlich unter dem Motto »20Elf von seiner schönsten Seite« die Frauenfußball-WM in Deutschland statt. »Die 32 Begegnungen werden von mehr als 844 000 Zuschauerinnen und Zuschauern in den Stadien verfolgt. Nicht zuletzt die hohen Einschaltquoten machen das Turnier zu einem weltweiten Erfolg. Die Entwicklung des Mädchen- und Frauenfußballs erfährt durch die WM einen nachhaltigen Aufschwung«, jubeln die DFB-Ausstellungsmacher.

Dass ganze Schulklassen in die Stadien geschleppt wurden, um für wenigstens halbwegs unpeinliche Zuschauerzahlen zu sorgen, erfährt der virtuelle Besucher nicht. Die in Deutschland im Vergleich zum Ausland relativ schlechte Bezahlung der Profispielerinnen ist ebenso wenig ein Thema, wie es die nach wie vor niedrigen Besucherzahlen sind. Der beschworene »nachhaltige Aufschwung« erweist sich bei näherer Betrachtung als Wunschdenken: Vor der Coronapandemie, in der Saison 2018/2019, besuchten im Schnitt über 40 000 Zuschauer die Spiele der Männer-Bundesliga. Zu denen der Frauen-Bundesliga kamen durchschnittlich 1 000.

Warum das alles so ist, wieso der Frauenfußball in Deutschland trotz der zeitweiligen Erfolge der Nationalmannschaft und der Popularität einzelner Spielerinnen nach wie vor eine Nischensportart ist, auch das hätte die Ausstellung eigentlich thematisieren müssen.

Die Online-Ausstellung »Frauen. Fußball. Geschichte« des Deutschen Fußballmuseums findet sich unter https: www.fussballmuseum.de/museum/ausstellung/sonderausstellungen/frauen-fussball-geschichte