Von Sci-Fi-Autorinnen wie Susanna Clarke sind neue Bücher erschienen

Phantastische Frauen

Unendlich große Häuser, Glücksmaschinen, Zeitreisen – das sind die Topoi der Science-Fiction-Romane von Susanna Clarke, Katie Williams und Emily St. John Mandel, die in den vergangenen Jahren erschienen sind.

Fans von Susanna Clarke mussten viel Geduld aufbringen. Als 2020 ihr Roman »Piranesi« erschien, waren seit ihrem Erstling, dem großen Hit »Jonathan Strange and Mr. Norrell«, 16 Jahre vergangen, und wenn man den Berichten Glauben schenken darf, ist es ein mittleres Wunder, dass das neue Buch überhaupt erschien, weil die Autorin mit heftigen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Das merkt man dem Roman allerdings nicht an. Er ist ein wunderbar präzise und souverän konstru­ierter Text über eine der interessantesten Zauber- und Angstwelten, die die Phantastik in den vergangenen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, zu bieten hatte.

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Diese Welt ist ein Haus, und das Haus ist die Welt: ein Haus so groß, dass tage-, ja wochenlange Märsche nicht ausreichen, um es ganz zu erforschen. Ein unendliches Haus. Nur ein angrenzender und bisweilen in die riesigen Säle vordringender Ozean scheint ein Außen zu diesem Innen darzustellen, aber es bleibt ungewiss, ob das Haus nicht auch den Ozean umschließt – der Ich-Erzähler geht auf jeden Fall davon aus.

Das Haus als Schauplatz ist nichts besonders Neues in der phantastischen Literatur, als Beispiel sei nur Tad Williams’ clevere Benutzung einer Art virtueller Hauswelt in der Tetralogie »Otherland« (1996–2001) ­erwähnt. Aber wie Clarke diese Welt baut, ist einzigartig. In dem Haus finden sich hauptsächlich Marmorstatuen klassischer Art, die der Held so detailliert, liebevoll und routiniert beschreibt, dass sie nahezu lebendig wirken. Die Minotauren, die Frau mit dem Bienenkorb, die zwei lachenden Kinder – zu vielen der in Stein gemeißelten Allegorien, die sich in jedem Abschnitt des Hauses finden, hat der Erzähler eine beklemmend lebendige Beziehung. Das lässt sich dadurch erklären, dass er davon überzeugt ist, schon immer in dem Haus gelebt zu haben.

Noch enger ist seine Beziehung nur zu den anderen »Leuten« im Haus: den Skeletten mehrerer Menschen, die einst ebenso in der Hauswelt gelebt haben müssen, aber inzwischen verstorben sind. Der Held hütet ihre Überreste wie einen Schatz, für den logischerweise er allein die Verantwortung trägt; er bringt den »Leuten« Opfergaben, spricht mit ­ihnen, versucht, ihre Geschichte zu enträtseln wie ein Archäologe, dem die Daten fehlen. Wer jetzt glaubt, es mit den Phantasien eines psychisch Kranken zu tun zu haben, der sich in seinem Wahn verloren hat, wird überrascht werden. Die Art und Weise, in der die Hauswelt nach und nach Risse bekommt, inszeniert Clarke sehr kunstvoll. Letztlich sind es die Tagebücher des Helden selbst, die ihn auf die richtige Spur bringen.

Was das Glück ist, weiß kein Mensch, aber vielleicht eine Maschine. Katie Williams nennt in ihrem Roman »Tell the Machine Goodnight« von 2018 eine solche Maschine »Apricity«. Ein silberner Kasten analysiert einen Schleimhautabstrich, dann gibt er drei Empfehlungen aus, die es dem Probanden ermöglichen sollen, sein Leben zu verbessern. »Lass das Endglied deines rechten Zeigefingers amputieren«, »Iss Honig«, »Beschäftige dich mit Modellbau« – die Schritte zum Glück wirken nicht immer gleich nachvollziehbar, aber die Maschine hat eine unglaublich hohe Nutzerzufriedenheit, weit über 90 Prozent. So wird sie jedenfalls vermarktet, auch von Pearl, die für die Herstellerfirma als Testerin ­arbeitet.

Apricity bedeutet »Sonnenwärme auf der Haut im Winter«, und jede und jeder kann das besitzen, wenn die Ratschläge der Maschine auch wirklich befolgt werden. In Pearls eigenem Leben macht sich die Sonnenwärme auf der Haut eher rar, da herrscht Dauerwinter. Sie hat einen magersüchtigen Sohn namens Rhett, dessen rückfallgefährdetes Dasein sie mit einer beklemmenden Mischung aus mütterlicher Besessenheit und Schicksalsergebenheit begleitet. Ihr ehemaliger Mann Elliot, der sich von ihr getrennt hat, um eine viel jüngere Frau, Val, zu heiraten, ist ein ebenso charmanter wie manipulativer Performance-Künstler, der noch nie materielle Not oder Rückschläge erlebt hat und der alles, wirklich alles in seine Performance-Kunst einbezieht, also natürlich auch die Apricity-Vorschläge von wildfremden Leuten, die er sich durch einen Trick verschafft hat.

Die Geschichte wird nicht nur aus Pearls Perspektive erzählt, sondern auch aus der von Rhett, der durch glückliche Umstände langsam seine Sucht hinter sich lassen kann, während seine Mutter vor Sorge um ihn immer noch fast verrückt wird. Elliots Blickwinkel wird genauso authentisch und nachvollziehbar dargestellt wie der Pearls. Man sieht sehr konkret und glaubwürdig, wie Val die Beziehung zu Elliot ruiniert, weil sie ihm das wichtigste, schrecklichste Detail aus ihrer Vergangenheit nicht ­erzählen kann: Sie hat einst ihre Mutter getötet.

All die Welten dieser verschiedenen Menschen werden durch die Kultur zusammengehalten, die um die Glücksmaschinen entstanden ist. Wie Katie Williams diese Zusammenhänge natürlich, ja zwingend erscheinen lässt, ist beeindruckend. Ob die Maschine selbst weiß, was Glück ist, erfährt natürlich nur, wer ein ernst­haftes Gespräch mit ihr führt.

Emily St. John Mandel hat mit »Station Eleven« (2014) den besten Endzeit/Pandemie-Roman seit »Riddley Walker« von Russell Hoban (1980) geschrieben, und sie hat mit »The Glass Hotel« (2020) die beste Fiktionalisierung des Madoff-Finanzskandals überhaupt geliefert. Beide Bücher haben bis auf zarte Querbeziehungen nichts miteinander zu tun, und doch muss man Mandels brandneues Buch »Sea of Tranquility« als Fortsetzung von beiden betrachten. Wie kann das sein? Ein modularer Aufbau des Textes, Mandels poetische Sensibilität und ihr eleganter Stil ermöglichen es, Elemente und Motive aus den beiden disparaten Vorgängern folgerichtig in den neuen Roman zu integrieren. Wie zum Beispiel Seuchen, das Scheitern an einer überkomplexen Welt, die Fragwürdigkeit aller Normalität und die Techniken von Betrug und Verrat.

Die Handlung von »Sea of Tranquility« erstreckt sich von 1912 bis 2401, und räumlich umfasst die Erzählung mindestens unser Sonnensystem, andeutungsweise auch Alpha Centauri. So, wie das Buch strukturiert ist, erfordert es Zeitreisen, und dieser abgenutzte Trick könnte bei einer geringeren Autorin zu Problemen führen. Hier wirkt er logisch, und man will die Erzählung verfolgen, die ihn erzwingt.

Suspension of disbelief durch narrative Qualität – eine Herausforderung, an der Autoren wie Tschingis Aitmatow und Lars Gustafsson gescheitert sind. Wie bei Mandel zu erwarten, ist das Zeitreisen keine hero­ische oder lustige Angelegenheit. Es geht nicht darum, den jugendlichen Hitler zu töten oder den Antikythera-Mechanismus in eine antike Computerindustrie zu verwandeln. Das genaue Ziel der Zeitforschung, das hier nicht verraten werden soll, verbietet Eingriffe viel nachhaltiger als die Oberste Direktive bei Star Trek.

Dass die drei besagten Bücher von Frauen stammen, könnte den Verdacht aufkeimen lassen, dass hier eine besonders weibliche Art des Schreibens in der Phantastik herausgestellt werden soll. Aber darum geht es nicht. Es sind drei wunderbare Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, und man kann sie lesen, weil in dem Genre immer mehr Bücher von Frauen erscheinen.

Mit dem Wunderbaren kommt aber auch der opportunistische Mist. Als Beispiele dafür seien stellvertretend genannt: »Chilling Effect« von Valerie Valdes (2019), »The Last Watch« von J. S. Dewes (2021) und »Nightwatch on the Hinterlands« von K. Eason (2021). Hier kommt genau das ermüdende, auf Serienfä­higkeit ausgerichtete formula writing zum Einsatz, das überwiegend männliche Autoren schon immer auf den Markt gedrückt haben. Aber die Phantastik wird weiblicher, weil phantastische Literatur von Frauen heutzutage nicht mehr so schnell zur Seite geschoben wird.

Susanna Clarke: Piranesi. Aus dem Englischen von Astrid Finke. Blessing-Verlag, München 2020, 272 Seiten, 20 Euro

Katie Williams: Tell the Machine Goodnight. Harper Collins, New York City 2018, 304 Seiten, ca. 11 Euro

Emily St. John Mandel: Sea of Tranquility. Random House, New York City 2022, 272 Seiten, ca. 13 Euro