Die Neuauflage der »Dialektik der Aufklärung«

»Exponierte Formulierungen«

Die »Dialektik der Aufklärung« wird 75. Zum Jubiläum des Buchs von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hat der Fischer-Verlag eine Neuauflage veröffentlicht, in deren Vorwort zwar einiger Unsinn steht, aber auch auf erfrischende Weise die Frage aufgeworfen wird, was Adorno und Horkheimer wohl zur Klimakrise zu sagen hätten.

Es ist kein Zufall, dass der Suhrkamp Verlag vor drei Jahren gerade Theodor W. Adornos Vortrag »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« in einem eigenen Band herausgab. Der bis dahin nicht in Druckform veröffentliche Text bietet zweifelsohne einige beachtenswerte Einsichten. Für den Buchhandel macht ihn aber vermutlich noch interessanter, dass bereits sein Titel – unfreiwilligerweise – Antworten auf ein Problem der Gegenwart erwarten lässt. Zahlreichen Schriften bereits verstorbener Denkerinnen und Denker erging es in den vergangenen Jahren ähnlich: Hannah Arendts »Wir Flüchtlinge« wurde in Hinblick auf aktuelle Migrationsbewegungen ­gelesen, George Orwells »Über Nationalismus« als Kommentar zum ­Aufstieg des Rechtspopulismus vermarktet.

Da überrascht es kaum, dass auch der Fischer-Verlag seine Neuauflage der »Dialektik der Aufklärung« entsprechend bewirbt: Die darin formulierten Gedanken Max Horkheimers und Theodor W. Adornos seien auch 75 Jahre nach der Erstauflage des Werks »verblüffend aktuell«. Die »Jubiläumsausgabe in bibliophiler Fassung« (was schlicht bedeutet, dass das Buch einen hübschen Leineneinband hat) enthält ein neues Vorwort der Philosophin Eva von Redecker und einen Anhang mit biographischen Angaben zu den beiden Autoren. Die Zeittafeln kommen allerdings recht lieblos daher und enthalten sogar einen handfesten Fehler, der ausgerechnet den Anlass der Neuveröffentlichung betrifft: Die erste Buchfassung der »Dialektik der Aufklärung« war 1947 (im Gegensatz zu einer früheren, mimeographisch hergestellten Fassung von 1944) nicht in den USA, sondern beim Exilverlag Querido in Amsterdam erschienen.

Redecker hält daran fest, dass sich in der »Dialektik der Aufklärung« eine »maßlose Hoffnung« zeige. Die Autoren hielten daran fest, dass die Menschheit in der Lage sein könnte, die erfahrene und ausgeübte Gewalt zu reflektieren.

Der eigentliche Text des Werks ist derweil ohne Veränderungen oder Anmerkungen übernommen worden. Das hat den Vorteil, dass die Neuauflage mit früheren seitengleich ist; die Frage ist allerdings, ob nicht eine ausführlich kommentierte Ausgabe an der Zeit gewesen wäre. In einer solchen hätten nicht nur die – wohlwollend ausgedrückt – spärlichen Quellenangaben Horkheimers und Adornos ergänzt, sondern auch die (ideen-)geschichtlichen Hintergründe der »Dialektik der Aufklärung« erhellt werden können.

Bedauerlicherweise wird auch das neue Vorwort nicht dazu genutzt, diese Lücke zu schmälern. Redecker hebt zwar vollkommen zu Recht das oft ignorierten Mitwirken von Adornos Ehefrau Gretel, geborene Karplus, an der »Dialektik der Aufklärung« hervor. Ihre weitere Auseinandersetzung mit der Entstehung des Buchs basiert jedoch weitestgehend auf der Nacherzählung von Anek­doten. Weder der historische noch der ideengeschichtliche Hintergrund werden ausführlich behandelt. Infolgedessen wiederholt die Autorin sogar einen populären Irrtum: Sie behauptet, die »Dialektik der Aufklärung« reagiere auf den »unbeschreiblichen Schrecken der Shoah«. In dem Buch findet sich jedoch kein direkter Bezug auf die Massenvernichtung der europäischen Juden. Einzig in der siebten These der »Elemente des Antisemitismus«, die allerdings erst 1947 nachträglich hinzugefügt worden ist, sprechen die Autoren von Gaskammern.

Die ursprüngliche Fassung ist vielmehr vor dem Hintergrund der ­nationalsozialistischen Herrschaft im Allgemeinen und der Novemberpogrome von 1938 im Besonderen zu verstehen, wie etwa Jan Gerber in seine Aufsatz »Gedichte nach Auschwitz« betont: »Um vom Misslingen der Zivilisation und vom Umschlagen von Aufklärung in Barbarei sprechen zu können, war die Auseinandersetzung mit Auschwitz gar nicht nötig.«

Abgesehen von diesen Mängeln ist das neue Vorwort jedoch sehr lesenswert, auch weil Redecker fast beiläufig zeigt, wieso die »Dialektik der Aufklärung« auch im 21. Jahrhundert ein lesenswertes Buch bleibt. Tatsächlich ist die Frage nach der transhistorischen Aktualität philosophischer Gedanken aus Sicht der Kritischen Theorie nicht einfach zu beantworten. Einerseits diagnostizieren Horkheimer und Adorno, dass in der spätkapitalistischen Gesellschaft keine fundamentalen Veränderungen mehr stattfinden. Dort, wo sich das Wertprinzip als Vermittlungs­instanz vollends durchgesetzt hat, bleibt nur noch die Wiederholung des Immergleichen. Andererseits verweigern sich die Autoren explizit einem überhistorischen Wahrheits­begriff. Jede historische Situation verlangt eine eigene Theorie.

Auch deshalb hatten Horkheimer und Adorno lange ihre Zustimmung zu einer Neuauflage der »Dialektik der Aufklärung« verweigert, die der Fischer-Verlag bereits 1961 angeregt hatte. Nach seiner Veröffentlichung hatte das Buch erst allmählich Verbreitung gefunden, bevor die revoltierenden Achtundsechzigern es entdeckten. In einem Brief an Herbert Marcuse schilderte Horkheimer (der Marcuse zwischenzeitlich anstelle von Adorno als Co-Autor in Betracht gezogen hatte), dass ihn die Sorge umtreibe, einige »exponierte Formulierungen« könnten falsch interpretiert werden. Gleichzeitig sei es ihm jedoch wichtig, »den Text intakt« zu halten und diesen nicht durch »Hinsichten und Rücksichten« zu verwässern. In ihrem Vorwort zur Neuauflage von 1969, zu der sich die Autoren schließlich doch noch durchringen konnten, drücken sie dementsprechend ihre Hoffnung aus, dass »nicht wenige Gedanken auch heute noch an der Zeit« seien. Gleichzeitig betonen sie, dass es auch »offenkundig inadäquate Stellen« gebe.

Neben der Frage nach dem »Zeitkern« muss sich jede Auseinandersetzung mit der »Dialektik der Aufklärung« auch ihrer Rezeptionsgeschichte stellen. Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder die Frage, ob die grundlegende These des Buchs zutreffend ist: Ist der Rückfall in die Barbarei tatsächlich im Wesen der Aufklärung angelegt? Insbesondere Jürgen Habermas hat mit seiner Kritik, in der »Dialektik der Aufklärung« zeige sich eine »hemmungslosen Vernunftskepsis«, eine populäre Deutung vorbereitet: Horkheimer und Adorno seien hoffnungslose Pessimisten, mit deren Philosophie man sich nicht weiter beschäftigen müsse.

Auch die gegenläufige Position, mit der unbestechlichen Kritik der beiden Denker sei sozusagen das letzte Wort gesprochen, bietet wenig Raum für eine tiefergehende Auseinandersetzung. Beiden Haltungen ist gemein, dass sie die »Dialektik der Aufklärung« als ein abgeschlossenes Werk betrachten und ihren Untertitel geflissentlich ignorieren: In den »Philosophischen Fragmenten« haben Horkheimer und Adorno lediglich einen Zwischenstand ihrer gemein­samen geistigen Anstrengungen festgehalten, keineswegs deren Ende verkündet.

In ihrem Vorwort gibt Redecker eine erfrischende Antwort auf die Frage nach Horkheimers und Adornos Pessimismus. Zunächst stellt sie lakonisch fest, dass der Grundgedanke des Buchs im 21. Jahrhundert so überraschend nun auch nicht sei: »Große Teile der jugendlichen Generation haben sich Freitag um Freitag auf die Straßen begeben, weil ihnen die Zukunft, für die ihnen angeblich Wissen vermittelt wird, als helle ­Katastrophe erscheint. ›Zivilisation schlägt um in Selbstzerstörung – what else is new?!‹«

Manch einem Anhänger der Kritischen Theorie wird der Bezug auf Fridays for Future missfallen – von einigen Aktionsformen der Klimaschutzbewegung wären sicher auch Horkheimer und Adorno nicht begeistert gewesen –, aber er trifft doch einen interessanten Punkt: Aus der Perspektive der Kritischen Theorie wäre einiges über den Klimawandel zu sagen, etwa zum Mensch-Natur-Verhältnis oder zum Begriff der Katastrophe.

Der Schwerpunkt des Vorworts liegt allerdings nicht auf dem geschichtsphilosophischen Bogen, den die Autoren spannen, sondern auf ihrem Versuch, das Verhältnis des Einzelnen zur inneren und äußeren Natur zu beschreiben. Redeckers Rekon­struktion geht vom letzten Aphorismus im Anhang des Buchs aus, der eine der schönsten Tiermetaphern der Kritischen Theorie enthält. Unter der Überschrift »Zur Genese der Dummheit« beschreiben Horkheimer und Adorno, wie eine Schnecke ihre Fühler ausstreckt, um die Außenwelt zu erkunden. »Die weitere Entfaltung dieses Lebens sei darauf angewiesen«, so fasst Redecker zusammen, »dass nicht alle ausgestreckten Fühler zurückgeschlagen würden.« Wo das »Fühlhorn« des Weichtiers auf gewaltvollen Widerstand stoße, bleibe eine Wunde zurück.

Im menschlichen Umgang mit der Natur zeige sich eine ähnliche Tendenz: Aus dem erfahrenen Schrecken entwickle sich eine Härte, die sich nicht nur gegen die Umgebung, sondern auch das eigene Selbst richte. Trotzdem hält Redecker daran fest, dass sich in der »Dialektik der Aufklärung« eine »maßlose Hoffnung« zeige. Die Autoren hielten daran fest, dass die Menschheit in der Lage sein könnte, die erfahrene und aus­geübte Gewalt zu reflektieren.

Während Horkheimer und Adorno diesen Prozess eindeutig in der geistigen Sphäre verorten, fragt Redecker danach, ob sich auch an andere Formen menschlicher Praxis anknüpfen ließe. Hier greift sie auf Gedanken zurück, die sie ausführlich in ihrem 2020 erschienen Buch »Revolution für das Leben« entwickelt hat und die von anderen Autorinnen unter dem Schlagwort »Adorno and the Ethics of Care« (Estelle Ferrarese) diskutiert werden. Anders als von Horkheimer und Adorno dargestellt, die manchmal wie Privatdozenten wirkten, die sich im Dschungel verirrt haben, bestehe die Natur nicht nur aus dem Kampf ums Überleben: Jedes Ökosystem vollbringe auch die Regeneration, in menschlicher Care-Arbeit werde diese schließlich bewusst geleistet.

Ausgehend von diesem Gedanken formuliert Redecker einen hoffnungsvollen Ausblick: »Natureingedenken bzw. reflektierte Mimesis ­bestünde dann darin, sich der Natur insofern anzugleichen, als sie für ­Gedeihen sorgt. Menschen, insbesondere die Mägde und Mütter unter ­ihnen, haben das durch alle Epochen der instrumentellen Vernunft hindurch getan.« Ob diese Formulierung angesichts der Verwobenheit von kapitalistisch-patriarchaler Herrschaft und Care-Arbeit nicht zu optimistisch ausfällt, wäre zu diskutieren.

Um sich der Frage nach der Aktualität der »Dialektik der Aufklärung« anzunähern, reicht es vorerst, beim Bild der Schnecke zu verweilen, die ihre Fühler sanft ausstreckt. Angelehnt an ein berühmtes Diktum ­Adornos ließe sich formulieren: Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, trotz aller Härte im Denken weich zu bleiben. Das gilt heute nicht weniger als vor 75 Jahren.

Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: ­Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Mit einem Vorwort von Eva von Redecker. S. Fischer, Frankfurt/Main 2022, 320 Seiten, 26 Euro