American Football dramatisiert die Trennung von Kopf- und Handarbeit

Ein Kartell als Sphäre der Konkurrenz

American Football ist mit seiner spezialisierten Arbeitsteilung und Hierarchie ein Abbild des Industriekapitalismus. Besonders deutlich wird das in der US-amerikanischen National Football League. Zweiter Teil einer Dilogie.

In einer Hinsicht genießt American Football bei Sportfans in Deutschland und Europa einen bemerkenswert guten Ruf: bei der Herstellung von fairen Wettbewerbsbedingungen. Wer die Nase voll davon hat, dass wie in den meisten Ballsportarten eine kleine Gruppe von Spitzenclubs die Titel unter sich ausmacht, verweist gerne auf die National Football League (NFL) als Vorbild, wie es auch anders ginge. Die Umverteilung von Zuschauer- und Werbeeinnahmen, das jährliche Draft-System, bei dem die schlechteste Mannschaft den ersten Zugriff auf College-Spieler erhält, und eine Gehaltsobergrenze für die Team-Kader, die salary cap, sorgen dafür, dass selbst komplette Gurkentruppen in nur wenigen Jahren zu Titelaspiranten mutieren ­können – und dass, wer oben steht, sich dort selten lange halten kann.

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Ob das sportlich attraktiver ist als ein Modus, in dem der Favoritenstatus sich über Jahre und Jahrzehnte vererbt, darüber kann man lange streiten. Dass Mannschaften wie der FC Bayern München in der Fußballbundesliga keine ernsthafte Konkurrenz zu fürchten haben, nervt gehörig, aber dafür schmecken deren seltene Niederlagen auch umso süßer: kein umjubelter David ohne einen verhassten Goliath. Unsinnig ist es freilich, die Alternative weltanschaulich aufzuladen. In Bezug auf Profi-Football ist gerne von dem vermeintlichen Paradox die Rede, dass aus­gerechnet die Führungsmacht der kapitalistischen Welt ihren Nationalsport nach »sozialistischen« Prinzipien organisiere. Was in der Tat überraschend wäre, wenn es denn stimmte. Aber die NFL ist keine Kommune, sondern ein stinknormales Kartell. Und das sorgt in diesem Fall nicht bloß für die lukrativsten Fernseh- und Sponsorenverträge, sondern auch dafür, dass die Kapitalseite gegenüber der Arbeit am län­geren Hebel sitzt.

Wie kaum ein anderer Sport dramatisiert Football die Trennung von Kopf- und Handarbeit. Das Spiel ist nicht bloß physischer als viele andere, sondern auch intellektueller.

Die salary cap reduziert ja nicht die Menge Geld, die insgesamt in den Sport fließt, sondern nur den Anteil, der davon bei den Spielern ankommt. Während in Europas Fußballspitzen­ligen in der Regel zwischen 60 und 70 Prozent der Einnahmen für Spie­lergehälter aufgewandt werden, sind es in der NFL, vertraglich festgeschrieben, gerade einmal 49 Prozent. Der Rest landet selbstverständlich nicht bei den Witwen und Waisen, sondern bei den Lumpenbourgeois, denen die Teams gehören; ein Resultat, gegen das alle die, die ständig über »exorbitante Gehälter« stöhnen, sobald unter deren Empfängern sich zur Abwechslung auch einmal ein paar Unterschicht-Kids befinden, anscheinend wenig einzuwenden haben.

Anders als für Fußballer, denen für ihre Fähigkeiten ein weltweiter Markt zur Verfügung steht, gibt es für Football-Spieler halt nur die NFL, um das ganz große Geld zu machen. Und weil Spieler Angestellte der Liga sind (als deren Tochterunternehmen, franchises, die einzelnen Teams figurieren), haben sie bei der Frage, für welche Mannschaften sie antreten, wenig zu melden. Free agency, das 1993 erkämpfte uneingeschränkte Recht, nach Ablauf des Vertrags seinen Arbeitsplatz frei zu wählen, steht Spielern erst zu, wenn sie vier Spielzeiten absolviert haben, und erst nach Ablauf dieser Frist können Spieler mehr als die festgeschriebenen Anfangsgehälter einfordern (weswegen für viele Aktive das vierte Jahr in der NFL auch das letzte ist). Spielerverträge dürfen zudem seitens des Vereins jederzeit gekündigt werden; erst in den vergangenen Jahren gelang es einigen wenigen Stars, eine garantierte Laufzeit festschreiben zu lassen. Als die Cleveland Browns im Frühjahr 2022 Quarterback Deshaun Watson verpflichteten, waren die Besitzer der 31 anderen Teams stinksauer – nicht etwa, weil Watson von 24 Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde, sondern weil die Browns seinen Vertrag im Wert von 230 Millionen US-Dollar für die vollen fünf Jahre zusicherten und damit alle anderen in Zugzwang brachten.

Die gigantischen Summen, die für Quarterbacks ausgegeben werden, verweisen auf eines der eigentümlichsten Momente des Football: die ungeheure Spezialisierung. Jedes Team besteht de facto aus zwei Mannschaften, zwischen denen es keine Überschneidung gibt: die Offensive für Spielzüge, in denen man selbst in Ballbesitz ist, und die Defensive, die aufs Feld kommt, wenn der Gegner den Ball hat. Dazu kommen noch Sonderspieler wie Punter, Kicker und (wohl am kuriosesten) Long Snapper, deren einzige Aufgabe es ist, in bestimmten Spielsituationen den Ball zentimetergenau durch die Beine zehn bis 15 Meter nach hinten zu werfen. In den einzelnen Mannschaftsteilen hat jede Position wiederum ihren genau umrissenen Aufgaben­bereich: Zur Offensive etwa gehören neben den skill players – den Running Backs, die den Ball tragen, den Wide Receivers, die Pässe empfangen, und dem Quarterback, der jeden Spielzug initiiert – noch die Offen­sive Linemen, deren Aufgabe es ist, den ballführenden Spieler freizu­blocken.

Und wie stets in der bürgerlichen Gesellschaft geht Arbeitsteilung mit Hierarchisierung einher. Keine Mannschaftssportart erfordert ein so gut geöltes Räderwerk wie Football, wo in jedem Spielzug alle Teile ineinandergreifen müssen; keine aber ist zugleich so abhängig davon, wie gut eine ganz bestimmte Position besetzt ist. Wie kaum ein anderer Sport dramatisiert Football die Trennung von Kopf- und Handarbeit. Das Spiel ist nicht bloß physischer als viele andere, sondern auch intellektueller. Kein anderer Sport, bei dem Spieler so viele Trainingsstunden mit Studium zubringen müssen – dem Erlernen vorgeplanter Spielzüge, der Videobeobachtung gegnerischer Teams –; kein anderer Sport auch, in dem ein Spieler, der Quarterback, mit einem eingenähten Buch aufs Spielfeld geht, um die Details dessen nachschlagen zu können, was der Trainer ihm per Headset vorgibt.

Football, heißt es oft, sei wie Schach, nur mit lebenden Figuren. Kein Zufall aber, dass diejenigen, ­deren vornehmliche Aufgabe es ist, die Figuren zu bewegen – die Trainer, die die Spielzüge entwerfen, der Quarterback, der sie exekutiert, und der vor ihm stehende Center, der die Bewegungen der Verteidigung anti­zipieren muss – als »weiß« codiert sind. Zwischen 1923 und 1950, als die Stadt Los Angeles ihr Stadion den Rams nur unter der Bedingung zur Verfügung stellte, dass schwarze Spieler nicht vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden, war die NFL de facto segregiert. Selbst aber, als der Erfolg von Mannschaften, die bei der Rekrutierung von Afroamerikanern vorangingen, Trainer und Be­sitzer zum Umdenken zwang, blieben schwarze Spieler meist auf Rollen ­beschränkt, die in erster Linie Kraft, Geschick und Schnelligkeit erforderten. Bis weit in die neunziger Jahre hielt sich das Ressentiment, dass Afroamerikaner nicht Quarterback spielen können (»blacks can’t back«); und noch heute werden jene, die – wie Michael Vick, Cam Newton oder Lamar Jackson – das Vorurteil widerlegen, gerne von Fans und Kommentatoren in eine bestimmte Schublade gesteckt: behält zwar nicht immer einen kühlen Kopf, aber wiegt es durch seinen explosiven Antritt wieder auf.

Dass Football überhaupt zu einer Erfolgsgeschichte afroamerikanischer Integration avancieren konnte, hängt mit der Funktion des Spiels zusammen. Im Sport hält sich die bürgerliche Gesellschaft eine Sphäre, in welcher Konkurrenz wirklich funktioniert und Meritokratie also mehr als eine Floskel ist. Was ein Spieler auf dem Platz zu leisten vermag, steht in einem transparenten Zusammenhang zum Erfolg seines Teams; eben deshalb verschafft rassistische Diskriminierung dem gegnerischen Team einen signifikanten Vorteil. Das freilich gilt für Spieler, nicht aber für die Führungskräfte. Welchen Beitrag Trainer, Manager und Besitzer zum Gelingen des Ganzen leisten, bleibt in der Regel so opak wie bei allen CEOs. Eben deshalb bleibt der Trainerberuf, im Fußball wie im Football, den Mitgliedern des old-boy network vorbehalten, und die sind fast immer weiß.

Zwar schreibt die NFL vor, dass bei der Neubesetzung des Postens des Head Coach mindestens ein Minderheitenkandidat, ein Latino oder ­Afroamerikaner also, interviewt werden muss. Aber wie Brian Flores, ehemaliger Head Coach der Miami Dolphins, in einer Klage enthüllte, handelt es sich dabei nicht selten um eine Alibiveranstaltung: In einem Fall hatte das entsprechende Team, die Buffalo Bills, bereits einem anderen Kandidaten zugesagt, ohne Flores’ Präsentation abzuwarten; zu einem anderen Interview, bei den Denver Broncos, erschien die Chefetage komplett verkatert.

Die zivilisierende Kraft des Kapitals hat offenkundig ihre Grenzen. Zu unterschätzen ist sie dennoch auch im Profi-Football nicht. Dass ausgerechnet die NFL, die brav vor jedem Spiel patriotisches Brimborium abliefert, ins Visier des konservativen Kulturkampfs geriet, hat nichts mit »woken« Eigentümern zu tun und ­alles mit kommerziellen Erwägungen. Seit Jahren zetern die Rechten dar­über, dass der Sport verweichlicht und dass gegen rassistische Polizeigewalt demonstrierende Spieler nicht einfach mehr, wie früher, davongejagt werden. Aber an einer ­Belegschaft, die zu mehr als zwei Dritteln schwarz ist, kann man nicht ständig Exempel statuieren, ohne sich selbst ins eigene Fleisch zu schneiden; und das Verbot besonders brutaler hits dient, ganz wie im Fußball das stärkere Durchgreifen gegen gefährliche Fouls, dem pfleglicheren Umgang mit dem variablen Kapital. Wo Spiele noch vor wenigen Jahrzehnten im Wesentlichen Abnutzungs­gefechte darstellten, bei denen erbittert um jeden Yard Boden gerungen und der Ball nur im allergrößten Notfall nach vorn geworfen wurde, erlebt das Fernsehpublikum heute ein weit eleganteres und spektakuläres Spiel, in welchem der Ball vor allem mittels Pässen schnell nach vorn ­gebracht wird.

Von allen Sportarten war Football, mit seiner Fokussierung auf Arbeitsteilung, Hierarchie und Räderwerk, wohl immer schon das getreueste Abbild des Industriekapitalismus. In ­einer Sphäre des Als-ob reproduziert er dessen Zwänge, die im postfordistischen Zeitalter nicht etwa verschwinden, sondern nur durch neue – die Pflicht zur Kreativität etwa – ergänzt werden. Aber genau im Als-ob besteht der dialektische Kniff. Eine Gesellschaft, welche die industrielle Produktion einstellte, würde verhungern, aber die Einstellung des Spiels hätte keine andere Folge als bloß schlechte Laune. Football ist dar­um nicht bloß Verdopplung des Zwangs, sondern zugleich auch dessen Negation: Aufschein dessen, was mit Arbeitsteilung möglich wäre, wäre jene nicht auf die Bewältigung materieller Notdurft beschränkt, sondern entspränge freier Übereinkunft.