Die Gedenkfeier in Babyn Jar 1966 wurde prägend für das ukrainisch-jüdische Verhältnis

Dissidentes Gedenken

Ukrainer, Juden und der 25. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar: 1966 schlossen sich ukrainische Aktivisten erstmals einer Kundgebung der trauernden Juden an. Die Rede des Literaturwissenschaftlers Iwan Dsjuba gilt als wegweisend für das jüdisch-ukrainische Verhältnis.

Vermutlich wunderten sich die KGB-Mitarbeiter darüber, wer an diesem 29. September 1966 in Babyn Jar zusammengekommen war. In der Kiewer Schlucht hatten sich für eine unangemeldete Trauerfeier zwei Gruppen versammelt, die normalerweise getrennt observiert wurden. Neben Mitgliedern der jüdischen Gemeinde waren auch ukrainische Dissidenten gekommen, um der Opfer des Massakers von Babyn Jar zu gedenken. Am 29. und 30. September 1941 hatten deutsche Truppen an dem Ort über 33 000 Juden erschossen.

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Dem Geheimdienst war bekannt, dass sich immer wieder Angehörige der Ermordeten zu privaten Trauerfeiern zusammenfanden. Junge Mitglieder der jüdischen Gemeinde hatten bereits einige Tage vor dem 25. Jahrestags des Massakers ein Banner in der Schlucht aufgehängt, das an die Opfer erinnern sollte. Wie viele Personen sich schließlich am 29. September 1966 an dem Ort versammelten, ist unklar. In einem Bericht des KGB ist von 500 Menschen die Rede, andere Quellen sprechen von mehreren Tausend Personen. Neben dem Schriftsteller Borys Antonenko-Dawydowytsch sprach auch die Schauspielerin Dina Proni­tschewa vor den Versammelten. Sie war eine der wenigen Überlebenden des Massakers. Überliefert ist allerdings nur die Ansprache des ukrai­nischen Literaturwissenschaftlers Iwan Dsjuba, des späteren Kulturministers der Ukraine in der Zeit von 1992 bis 1994. Als Mitglied der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung war er für den sowjetischen Geheimdienst kein Unbekannter. Im Untergrund kursierte sein Buch »Inter­nationalismus oder Russifizierung« (1968), in dem er – ausgerechnet auf Grundlage Lenins – die Nationalitätenpolitik der sowjetischen Regierung kritisierte.

Im Gedenken an den »Großen Vaterländischen Krieg« war kein Platz für die Erfahrungen einzelner Gruppen.

Seine Rede von Babyn Jar ist ein Beispiel dafür, wie eng Erinnerung an die Vergangenheit und Dissidententum in der Gegenwart zusammenhängen. Und sie markierte einen Meilenstein im jüdischen-ukrainischen Verhältnis. Ein Zuhörer erinnerte sich später: »Dass ein Aktivist der ukrainischen Nationalbewegung positiv von den Juden sprach, machte an sich schon Eindruck. Die Zuhörer nahmen weniger seine Gedanken wahr als seine Haltung: ›Er ist auf unserer Seite.‹«

Dsjuba spielte in seiner Rede darauf an, dass es in der Sowjetunion nicht möglich war, öffentlich an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Im Gedenken an den »Großen Vaterländischen Krieg« war kein Platz für die Erfahrungen einzelner Gruppen. Dsjuba forderte seine Zuhörer hingegen auf, jede Gelegenheit zu nutzen, um an die Opfer des Holocausts zu erinnern: »Babyn Jar ist eine Tragödie der Menschheit, aber sie geschah auf ukrainischer Erde. Aus diesem Grund darf ein Ukrainer sie ebenso wenig vergessen wie ein Jude.«

Trotz des öffentlichen Beschweigens hatten sich die Verbrechen von Babyn Jar in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Kiews eingeschrieben. Nur wenige Tage nachdem deutsche Truppen die Stadt ­erobert hatten, begannen sie mit der Vorbereitung des Massenmords. Die jüdische Bevölkerung wurde aufgefordert, sich am Morgen des 29. Septembers 1941 an einem Sammelpunkt einzufinden. Anschließend wurden sie in die Schlucht von Babyn Jar geführt, wo sie innerhalb von 48 ­Stunden von Angehörigen des Sonder­kommandos 4a, der Polizeibataillone 45 und 303 und einer Kompanie der Waffen-SS erschossen wurden. An der Organisation des Massakers waren auch Angehörige der Wehrmacht und vermutlich ukrainische Hilfspolizisten beteiligt. In den darauffolgenden Monaten wurden weitere Tausende Juden, sowjetische Kriegsgefangene, Partisanen und Sinti und Roma an dem Ort ermordet. Auch ukrainische Nationalisten, die zunächst mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten, waren schließlich unter den Opfern.

Aus Tagebüchern geht hervor, dass die Bevölkerung von Kiew früh Kenntnis von dem Massaker hatte. In einem Eintrag der 28jährigen Irina Choroschunowa vom 2. Oktober 1941 hieß es etwa, dass die Gerüchte über das Verbrechen eigentlich zu schrecklich klingen würden, um wahr sein zu können. »Aber wir sind gezwungen, sie zu glauben«, stellte sie schließlich fest. »Die Erschießung der Juden ist eine Tatsache.« Nachdem die Stadt im November 1943 von der Roten Armee zurückerobert worden war – auch Dsjuba erinnerte in seiner Rede an ihren Kampf –, gab es verschiedene Versuche, öffentlich an den Massenmord zu erinnern, von den Behörden wurden sie jedoch unterbunden. Erst einige Jahre später änderte sich das. Jewgenij Jewtuschenko publizierte 1961 sein Gedicht über das Massaker, das mit der berühmten Zeile »Es steht kein Denkmal über Babyn Jar« beginnt. Seine Worte bildeten wenig später die Grundlage von Dmitrij Schostakowitschs 13. Symphonie.

Dsjuba sprach in seiner Rede nicht nur über den Holocaust, sondern auch über den Antisemitismus in der Sowjetunion und der ukrainischen Gesellschaft. Auch zu diesem Thema, das ebenfalls kaum in der Öffentlichkeit diskutiert werden konnte, hatte er eine klare Botschaft: »Wir Ukrainer müssen jeden Ausdruck von Antisemitismus in unserer Mitte, jede Geringschätzung von Juden bekämpfen.« Trotz »blinder Feindschaft und Missverständnissen« in Vergangenheit und Gegenwart gebe es sogar viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gruppen: Beide hätten in der Vergangenheit Tragödien erlebt und seien etwa zur Zeit des Stalinismus unterdrückt worden. Eine Person wie »der brillante jüdische Publizist Wladimir Jabotinsky«, Begründer des revisionistischen Zionismus und Unterstützer der ukrainischen Unabhängigkeit, könne als Vorbild für eine zukünftige ukrainisch-jüdische Zusammenarbeit dienen. Die Beteiligung ukrainischer Kollaborateure an der Judenverfolgung in der Ukraine erwähnte Dsjuba in seiner Rede freilich nicht.

Angesichts der Geschichte des ukrainischen Antisemitismus erscheint eine Parallelisierung der beiden Gruppen, wie Dsjuba sie vornahm, nicht unproblematisch. Gleichzeitig ist sie jedoch auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Spätestens seit der Besetzung der Krim und dem Angriff auf die Ostukraine durch Russland im Jahr 2014 betonen ukrainische Politiker vermehrt die Verbundenheit zwischen Ukrainern und Juden. Auf der Gründung des Kiewer Jüdischen Forums im Jahr 2019, das den ukrainisch-jüdischen Austausch fördern soll, bezeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Staat Israel als Vorbild für die Ukraine: »Wir wissen, wie es ist, keinen Staat zu haben. Wir wissen, was es bedeutet, den eigenen Staat und das eigene Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.« Ukrainer wie Juden strebten danach, unabhängig zu sein und in Freiheit zu leben. Dsjuba hatte in seiner Rede 53 Jahre zuvor ähnliche Töne angeschlagen: »Es scheint, dass wir zwei Nationen sind, die sich eigentlich verstehen sollten, die der Menschheit ein Beispiel für brüderliche Zusammenarbeit geben sollten.«

Zweifelsohne betrieb Dsjuba mit seiner Rede Erinnerungspolitik, allerdings aus der Perspektive eines Dissidenten. Nicht die pseudohistorischen Mythen einer Nation standen im Mittelpunkt seiner Ausführungen, ihm ging es um die Frage, wie angemessen an die Verbrechen der Vergangenheit erinnert werden kann.

Der ukrainischstämmige US-amerikanische Historiker Yohanan Petrovsky-Shtern ordnet in seinem ­Aufsatz »Ein Tag, der die Welt veränderte« die Bedeutung und die Folgen der Gedenkfeier ein: »Das ZK der Kommunistischen Partei der Ukra­ine und die ukrainische KGB-Abteilung, die das Treffen und die sich ­daraus entwickelnde Debatte genau beobachteten, reagierten mit einer Vehemenz, als hätten sie es nicht mit einer kleinen Gedenkversammlung, sondern mit einem Massenprotest gegen die sowjetische Nationalitätenpolitik zu tun gehabt. Für die Behörden wie für die Juden in der Ukraine und die ukrainischen Dissidenten gilt, dass der 29. September 1966 die Vorstellungen, die diese drei Gruppen voneinander hatten, auf Jahrzehnte hinaus veränderte. In einem deprimierend obskurantistischen geistigen Umfeld ereignete sich eine veritable intellektuelle Revolution, die die Zeitgenossen gar nicht als solche erfassten.«

Ob die Vision Dsjubas und seiner Mitstreiter von der ukrainischen ­Gesellschaft nach der Unabhängigkeit erfüllt worden ist, steht auf einem anderen Blatt. Unbestreitbar ist jedoch, dass der russische Angriff auf die Ukraine auch einem Land gilt, in dem entsprechende Fragen offen verhandelt werden können.

Iwan Dsjuba hat die Ausweitung des Krieges nicht mehr erlebt. Er starb am 22. Februar 2022 in Kiew. Wenige Tage später schlugen russischen Raketen auf dem Gelände von Babyn Jar ein.