Beim Kongress »Leben.Würde« trafen sich CDU-nahe Abtreibungsgegner

Hass mit Herz

Unter dem Label »Lebensschutz« vernetzten sich in Schwäbisch Gmünd 450 rechtsklerikale Abtreibungsgegner:innen.

Anders als in Polen und Ungarn, urteilt der Journalist Lucius Teidelbaum, sei die klerikale Rechte in der Bundesrepublik lediglich Juniorpartnerin des säkularen Rechtsextremismus. Allerdings gebe es große Schnittmengen, insbesondere was die Feindbilder anbelangt: Verhasst sind der Islam, Homo- und Transsexuelle, Queere und Nichtbinärgeschlechtliche, der Feminismus und Linke.

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Teidelbaum hat 2018 ein Buch über die christliche Rechte in Deutschland, ihre Strukturen und Allianzen verfasst. Den »Leben.Würde«-Kongress, der vom 21. bis 23. Oktober dieses Jahres in Schwäbisch Gmünd stattgefunden hat, schätzte er in einem Grußwort für den Gegenprotest als »vermutlich wichtigstes Vernetzungstreffen rechtsklerikaler Ab­treibungsgegner:innen der letzten zehn Jahre« ein. In diesem Zeitraum habe sich das öffentliche Auftreten der selbsternannten Lebensschutzbewegung zwar verändert, schreibt Teidelbaum, sie präsentiere sich harmloser und geriere sich hilfsbereit gegenüber schwangeren Frauen – allerdings nur, solange diese nicht abtreiben wollen. Nach wie vor werde ein Schwangerschaftsabbruch mit Mord gleichgesetzt, und: »Intern wird dieses Verständnis auch so kommuniziert.«

Bei den Flurgesprächen auf dem Kongress »Leben.Würde« wird eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungsdenken deutlich.

Homophobie wurde im Umfeld des Kongresses in der Vergangenheit kaum verschleiert geäußert. Sexualität habe ihren »einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und ­einer Frau«, hieß es 2015 auf dem Blog eines der Schirmherrn des Kongresses, des katholischen Bischofs Stefan Oster. Alles andere sei nach seiner Kenntnis der Heiligen Schrift entweder Unzucht oder Ehebruch, und zwar »einschließlich der Ansage von zum Teil sehr dramatischen Konsequenzen für diejenigen, die sich darauf einlassen«.

Ansonsten schien es auf dem Kongress aber fast, als wolle die Bewegung ihre vermeintliche Harmlosigkeit unter Beweis stellen. Das Logo zur Veranstaltung ziert ein rosarotes Aquarell-Herz. Auf der Bühne sitzen längst nicht nur alte Herren. Mit dabei ist unter anderem die junge Medizinerin Julia Maria Kim, aktiv bei der Szeneorganisation »Ärzte für das Leben«. Befragt nach ihren Zukunftsvorstellungen wünscht sich Kim eine Gesellschaft, die sich so gut um werdende Mütter kümmert, dass diese »eines Tages ihr Kind in den Händen halten und sagen können: Das war die beste Entscheidung meines Lebens.«

Die Ethnologin Michi Knecht schrieb schon 2006 in ihrer Dissertation, es gebe gute Gründe für die Annahme, »dass die Positionen und Inhalte, die die Lebensrechtsbewegung vertritt, zum Teil entgegen ihrer eigenen Wahrnehmung und Behauptung, tatsächlich so exotisch nicht sind, sondern auf Zustimmung oder zumindest Anerkennung, Anschlussfähigkeit und Verständnis in weiten Kreisen treffen«. Dafür, dass das auch heute noch so ist, spricht, dass Abtreibungen in der Bundesrepublik nach wie vor nicht legal sind, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleiben. Es sagt auch viel über die guten Kontakte in die Politik, dass eine Schirmherrin des Kongresses »Leben.Würde« Christine Lieberknecht war, die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen (CDU).

Im Kontrast zum wohl bewusst harmlosen Auftreten fallen im Umfeld der sogenannten Lebensschutzbewegung auch Äußerungen, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Am deutlichsten wurde wahrscheinlich Paul Cullen, außerordentlicher Professor an der Universität Münster, erster Vorsitzender der »Ärzte für das Leben« und an der Kongressleitung in Schwäbisch Gmünd ­beteiligt. 2016 sagte Cullen in einem Vortrag, dass beim Thema Abtreibung »eine von oben bis unten durchdeklinierte völlige Gleichschaltung des öffentlichen Diskurses«, mehr noch, eine »Meinungsdiktatur« zu beobachten sei. Die »Abtreibungs- und Euthanasie-Lobby« werde »von mächtigen Finanzinteressen unterstützt« – verbunden mit dem Hinweis darauf, dass der jüdische Milliardär George Soros, hier als »Spekulant und Strippenzieher« bezeichnet, einer der reichsten Männer der Welt sei. Klipp und klar betonte Cullen: »Unser Ziel ist es also nicht, unseren Gegner zu überzeugen, sondern ihn zu besiegen.«

Bei den Flurgesprächen auf dem Kongress wird eine gewisse Anfälligkeit für Verschwörungsdenken deutlich. Ähnlich wie in der Prepperszene wird viel von einem »Tag X« gesprochen, einem einschneidenden Ereignis, das die alte Ordnung zum Einsturz bringt und ab dem alles ganz anders sein soll, und nicht wenige in der gut mit der CDU vernetzten Bewegung erhoffen sich offenbar Beistand vom ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen (CDU). Den Veranstaltern zufolge nahmen am Kongress 450 Menschen teil, etwa zur Hälfte Frauen. Sie kommen augenscheinlich zu einem großen Teil aus einem gutbürgerlich-akademischen Milieu. Die Podien sind über drei Tage hinweg gefüllt mit Theo­log:innen, Politiker:innen, Ärzt:innen, Professor:innen, einer Rechts­philosophin und einem Rechtswissenschaftler.

Dennoch bekommt die Autorin Birgit Kelle – unter schallendem Gelächter des Publikums als »Gästin« anmoderiert – riesigen Beifall für ihre Aussage, dass heute ganz schnell unten rausfalle, wer »nicht genug Opferpunkte« sammeln kann. Als CDU-Mitglied sei sie es leid, als politisch rechtsaußen verunglimpft zu werden – was sie allerdings nicht davon abhält, als Referentin bei dem Frauenverband der FPÖ aufzutreten. Auf Twitter findet Kelle zudem lobende Worte (»Wo sie recht hat, hat sie recht«) für eine Rede der italienischen Ministerpräsidentin Georgia Meloni, in der diese behauptet, dass Familie, Glaube und Liebe zur Nation absichtlich zerstört werden sollen, weil Menschen »ohne Identität und Wurzeln« »perfekte Sklaven« der »Finanzspekulanten« seien.