Homestory

Homestory #47

Wussten Sie, dass dieses Fest am Ende jeden Jahres, bei denen sich ihre Verwandten immer in die Haare kriegen, überhaupt gar kein christliches ist? Bereits 500 Jahre, bevor der später als bärtiger Heilsbringer mit berühmtem Vater bekanntgewordene Typ angeblich in Betlehem geboren wurde, feierten Ende Dezember die Römer den Geburtstag ihres Sonnengottes, die Germanen hingegen begingen ein Fest mit dem Namen Jul. Zwar versuchten die Christen, die heidnischen Feste zu verbieten, scheiterten aber – und nahmen einfach ein Rebranding vor. Alles aber höchst historisch unkorrekt: Jesu Geburtsdatum war den Evangelisten nicht bekannt, folgt man ihren Angaben, muss es ein paar Jahre vor dem Jahr eins der westlichen Zeitrechnung gewesen sein. Ein kluger Schachzug von kultureller Aneignung beziehungsweise Umdeutung.

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Eigentlich ist über »kulturelle Aneignung« seit der Ausgabe 35 ihrer Lieblingszeitung aus dem Jahre 2016 alles gesagt, in der die Kritik an der Aneignung eines angeblich Fremden als Idee bezeichnet wurde, die den Vorstellungen der Ethnopluralisten zumindest verwandt ist. Genützt hat es nichts, die Empörung in sozialen Medien über Dreadlocks auf Häuptern Weißer, nicht authentisches Essen oder zweckentfremdete Bräuche wie Tänze oder Musikstile geht weiter. Wieso also nicht das besinnliche Fest nutzen, um Fett über die Weihnachtsgans und Öl ins Feuer zu gießen? Die am 22. Dezember erscheinende Ausgabe der Jungle World wird sich zumindest um dieses Thema drehen: um den Begriff der Kultur, um US-amerikanische Begriffe in deutschen Debatten, um Aneignung von linken, subkulturellen Codes durch Rechte, um schwarze Musik (und wieso sie das in dem Sinne nicht ist), um Critical Whiteness und die Kritik an ihr. Und natürlich werden wir auch die wichtigste aller Fragen klären: Hummus – ist es ein weiterer Fall von zionistischer Aggres­sion, dass Menschen in der ganzen Welt glauben, es handle sich bei dem Kichererbsenbrei um ein israelisches Gericht?

Aneignung kann tatsächlich richtig problematisch sein, wie es im Jargon derzeit heißt, zum Beispiel nämlich die Aneignung des Mehrwerts im Kapitalismus. Ist aber viel abstrakter und auch nicht so schillernd wie ein Kimono oder eine Flechtfrisur, vielleicht wird deswegen davon nicht solch ein Aufhebens gemacht. Obwohl eine andere Art von Aneignung wieder etwas sehr Gutes an sich hat – die Rede ist vom Stehlen –, wollen wir Sie doch bitten, sich nicht die Jungle World ihrer Freundin oder ihres Kollegen heimlich anzueignen, sondern stattdessen ein Abo abzuschließen, um uns den Arsch zu retten und nebenbei etwas zum Lesen zu haben. Und, da jetzt so viel vom Nehmen die Rede war: Nehmen gibt es nicht ohne Geben, und die Jungle World können Sie auch verschenken! Und sich dann mit all ihren gut informierten Freunden zünftig an Weihnachten über »cultural appropiation« streiten.