Homestory

Homestory #46

Homestory Von

Vorige Woche war es mal wieder so weit. Der Aufzug, der ansonsten zuverlässig die Angehörigen Ihrer Lieblingszeitung in das Stockwerk der Redaktionsräume befördert, streikte. Das gute Stück hat bereits mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel und mittlerweile ist es ein wahres Sensibelchen. Insbesondere ist es überaus wetterfühlig. Mal ist es ihm zu heiß, mal zu kalt. Nun, da der Winter naht, simuliert es Frostbeulen und verweigert sich noch öfter als im Sommer.

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Das ist überaus lästig. Nicht nur muss man sich dann vier Stockwerke zu Fuß nach oben quälen, darüber hinaus gelangen wichtige Lieferungen nicht mehr in die Redaktionsräume. Mit Entsetzen ­erinnern sich die schwer Betroffenen aus der Redaktion noch daran, wie unser Aufzug im heißen Frühsommer vorgab, einen Hitzschlag erlitten zu haben, und sie bei 35 Grad im Schatten eine tonnenschwere Last von Zeitschriften nach oben schleppten, die eingetütet und an die Abonnenten versendet werden mussten. Ja ja, das macht superfit, und vermutlich ist es auch gut fürs Klima, wenn der alte Aufzug nicht verschwenderisch Stromverbraucht, von den exorbitanten positiven Auswirkungen auf die Russland-Sanktionen betreffs Gas, Öl, Kohle und so weiter mal ganz abgesehen. Aber gerade in Zeiten wie diesen, in denen das Proletariat wegen Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Kaufkraftverlust wieder einmal jeden Cent umdrehen muss, sind die aufzugsausfallbedingten Nebenkosten nicht zu unterschätzen: die abgenutzten Schuhsohlen beispielsweise und die zusätzlich benötigten Kalorienmengen, wo doch die Lebensmittelpreise sowieso schon ungeahnte Höhen im Himalaya-Format erklommen haben.

Doch dieses Mal kam die Rettung nicht erst nach wochenlanger, Plattfüße verursachender Treppauf-Ttreppab-Quälerei, sondern schon innerhalb von zwei Tagen. Das kompetente Team zur Aufzugpflege verpasste dem alten Kasten ein paar Streicheleinheiten, hier und da ein Spritzerchen Öl und einige neue Teile für dies und das. Und schon saust das gute Stück mitsamt seiner beglückten menschlichen Fracht wieder munter auf und ab. Bis zum nächsten sensibilitätsbedingten Streik.