Der letzte linke Kleingärtner, Teil 28

Huhn tot, Kürbis gut

Krauts und Rüben Von

Da kullern die Tränen: Während ich diese Kolumne schrieb, verstarb mein mit über sieben Jahren ältestes Huhn. Ich habe es neben den anderen auf dem Hühnerfriedhof in meinem Garten beerdigt. Schluchz. Seit Tagen hatte es in einer Ecke gesessen und nur wenig zu sich genommen. Statt sich um die erkrankte Kollegin zu kümmern, fraßen die anderen Hühner ihr noch das Futter weg und zeigten keinerlei Anteilnahme. Hühner nähern sich im Grad ihrer Verkommenheit manchen Menschen an. Oder umgekehrt? Vielleicht haben die Tierrechtler, für die Tiere und Menschen auf einer Stufe stehen, doch recht. Ich will es nicht glauben, aber wer weiß.

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Die Hälfte der verbliebenen vier Hühner ist zugebenermaßen dumm. Ich habe ihnen extra einen Legekäfig in den Stall gestellt, in dem drei Hühner in abgetrennten Boxen sitzen und ihre Eier legen können. Zwei nutzen diesen Komfortservice. Die anderen beiden sind zu doof dafür. Zunächst scharren sie die Einstreu an Sägemehl und Heu weg, dann setzen sie sich auf den blanken Betonboden des Hühnerstalls und legen ihre Eier. Unfassbar doof. Gibt es eigentlich Hühnerschulen, so wie es Hundeschulen gibt? Wenn jemand etwas weiß, bitte bei der Redaktion melden.
Aber Hühner sind nicht die einzigen Zweibeiner mit geistigem Nachholbedarf. Zurzeit werden manche Kleingärtner in den Zeitungsspalten der Republik erwähnt oder tauchen in regionalen Fernsehsendungen auf. Dort präsentieren sie mit stolzgeschwellter Brust ihre Riesenkürbisse, messen den Umfang, ermitteln das Gewicht und zeigen sich mit ihren pflanzlichen Ungetümen in der Öffentlichkeit. Ich würde mich dafür schämen und sähe meine große Kleingärtnerehre verletzt. Solche Riesenkürbisse mit 50 oder gar über 100 Kilogramm Gewicht verdienen nur die Bezeichnung Schrott. Mit ihnen gewinnt man zwar Wettbewerbe, aber die sind gärtnerischer Unfug. Auch an manchen Schulen werden solche sinnentleerten Wettbewerbe veranstaltet. Dort kommt es auf Gewicht und Umfang an, aber nicht ansatzweise auf Qualität, Geschmack und Haltbarkeit. Es gibt einen einzigen Grund, warum man in seinem Garten einen größeren Kürbis anpflanzt: um Kindern für Halloween eine Freude zu machen. Dazu wird der Kürbis ausgehöhlt und mit Löchern versehen, durch die nachts Kerzen leuchten. Das sieht schaurig aus und manche Menschen haben Spaß daran.

Ein Kürbis ist eine wunderbare Frucht. Ein bis fünf Kilo reichen, manchmal gerät einer etwas aus dem Ruder und liefert mehr. Auch gut. Aber wer um alles in der Welt soll 50 Kilogramm Kürbis essen? Diese Sorten sind nur auf Gewicht und Größe gezüchtet, nicht auf Geschmack. Ich bevorzuge den Anbau des roten Hokkaido, der viele Fruchtansätze liefert und wie alle Kürbisarten einen guten Boden, viel Sonne und eine Menge Wasser benötigt. Das Ergebnis entschädigt für alle Mühen. Wobei ich meine Kürbisse nach dem Aufgehen in Ruhe lasse und nur selten gieße. Dadurch entgehen mir einige Kilo Kürbismasse, aber als Kleingärtner will ich ernten und keine Wettbewerbe gewinnen – auch keine mit den Nachbarn. Der rote Hokkaido schmeckt leicht nussig, man kann ihn sogar mit Schale essen. Er ist eine hervorragende Grundlage für Suppen, wobei ich ihn lieber als Gemüse esse oder, in Scheiben geschnitten, im Backofen auf einem mit Öl eingeriebenen Blech garen lasse. Je nach Geschmack und Laune kann man ihn mit Kräutern aller Art versehen. Und wenn man es hinbekommt, ihn kühl und trocken zu lagern, hält er sich bis zum Februar oder März des nächsten Jahres. Aber Vorsicht, man sollte seine gelagerten Kürbisse regelmäßig kontrollieren. Denn bei einem Kürbis, der einmal anfängt zu faulen, droht der Totalverlust. Er muss sofort verarbeitet werden, sonst löst er sich biologisch bald komplett auf. Selbstverständlich kann man ihn als Suppe oder in Scheiben geschnitten auch einfrieren – vorausgesetzt man hat eine Gefriertruhe oder einen Gefrierschrank, ein kleines Gefrierfach reicht nicht aus.

Wie der Fußballfan die Weisheit »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel« kennt, so weiß der Kleingärtner, dass nach der Ernte vor der Ernte ist. Zurzeit gewinnt man das Saatgut für die Aussaat im nächsten Frühjahr. Dazu nimmt man zum Beispiel ausgewachsene Bohnenkörner oder die Kerne aus dem Inneren der Gurken und Kürbisse, trocknet sie und lagert sie wie im Gärtnerleben üblich kühl und trocken – siehe oben. Nachbau nennt man dies. Der funktioniert nur mit samenfesten Pflanzen, die bei der Aussaat im nächsten Jahr die gleichen Eigenschaften haben, also keine Hybridsorten sind. Diese liefern zwar einen hohen Ertrag, aber nach der Wiederaussaat im Folgejahr nur noch kümmerliche Erträge.
Wegen des Todesfalls im Hühnerstall endet diese Kolumne mit einer Gedenkminute. Vielen Dank für die Anteilnahme.