Krauts und Rüben – Wie der letzte linke Kleingärtner mit der Trockenheit umgeht

Die traurigen Kartoffeln

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 41
Kolumne Von

Diese Kolumne schreibt sich von selbst: Hitze, Sonne, Wetter. Und wieder von vorne. Dabei ist doch statistisch gesehen alles im Lot. Es hat genug geregnet in ­diesem Jahr. Nur die Verteilung war das Problem. Ich kann mich noch gut an die Bilder von Überschwemmungen in verschiedenen ­Gegenden der Republik erinnern. Dabei sind wir Kleingärtner besonders von der Dürre betroffen. Während unseren entfernten Verwandten, den Bauern, zumindest mediale Aufmerksamkeit zuteil wird und Dürre­hilfen im Gespräch sind, lässt man uns mal wieder links liegen. Wir sollen leer ausgehen. Ins Gespräch gebracht hat der Deutsche Bauernverband diese ­Sofortsubvention. Wer sonst. Das ist genau der Verband, der seit Jahrzehnten die derzeit praktizierte Art von Landwirtschaft ver­antwortet. Okay, offiziell bestimmt die Kanzlerin den Agrarminister und damit indirekt unsereiner als Wähler. Aber mal Hand aufs Herz: Bereits die Landwirtschafts­ministerien der Länder gleichen, von Ausnahmen abgesehen, inhaltlich Vertretungen des Bauernverbandes. Ebenso das Bundes­agrarministerium.

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Es gab in der deutschen Nachkriegsgeschichte nur eine einzige Ausnahme: Als 2001 Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) die ­Faxen dick hatte von der sogenannten BSE-Krise und seinen Agrarminister Karl-Heinz Funke (SPD) zum Rücktritt drängte und statt­dessen Renate Künast von den Grünen ins Amt berief. Zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte bestimmte nicht der Deutsche Bauernverband, wer an der Spitze dieses Ministeriums stehen sollte. Und zum ersten Mal hatte eine Frau dieses Amt inne. ­Besonders lustig waren die Auftritte von Künast beim Deutschen Bauerntag. Der Bauernverband musste eine Landwirtschaftsministerin einladen und sie eine Rede halten lassen. Alleine die Mimik der Agrarpatriarchen als Reaktion darauf war köstlicher als selbst bei diesen Temperaturen das von mir geliebte Schokoladeneis sein kann. Künasts Amtszeit endete 2005 mit der Abwahl der rot-grünen Bundes­regierung.

Man könnte sich durchaus mit Dürrehilfen für Bauern anfreunden, wenn damit eine Abkehr vom Landwirtschaftsmodell des Bauernverbands – größere Höfe, Hochertragssorten – verbunden wäre (siehe auch Seite 6). Klar, Hochertragssorten bringen hohe Erträge. Wenn es genügend Sonne gibt, zum richtigen Zeitpunkt regnet und genügend Stickstoff in den Boden eingebracht wird. Wenn alle Koordinaten stimmen, ist die Ernte prächtig. Trifft das aber nicht zu, wie beispielsweise derzeit beim Regen, der sich der »armen, deutschen Erde« verweigert, dann fällt auch der schöne Hochertrag aus.

Angenehmer sind mir da die Positionen des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter, der die Steuerzahler nicht mit ständigen Forderungen nach mehr Subventionen belästigt, sondern gerne Schritte finanziert sähe, die die Überproduktion an Milch verringern. Es ist volkswirtschaftlich billiger, Bauern zu unterstützen, die weniger produzieren, als die zu subventionieren, die immer mehr produ­zieren. Insbesondere nach dem Wegfall der EU-Milchquote 2015, die für die Hüter der reinen Lehre immer schon so etwas wie Sozialismus im staatlichen Gewand war, schnellte die Milchproduktion nach oben und damit wuchsen auch die weltweiten Sojafutterströme nach Europa an. Wohlgemerkt, der Bundesverband der Milchviehhalter ist kein Bio- oder Ökoverband. Seine Mitglieder wirtschaften überwiegend konventionell und machen allerhand marktkonforme Vorschläge für eine nachhaltigere Landwirtschaft.

Zurück in meinen Mikrokosmos des Gemüsegartens: Was tun bei der Hitze? Auf keinen Fall tagsüber im Garten arbeiten. Wer das macht, hat kein Hirn. Am besten arbeitet es sich morgens um 4.30 Uhr. Eine kühlere Stunde gibt es derzeit nicht. Das Problem ist nur, dass das eigentlich viel zu früh für mich ist. Aber genauso wie sich die Pflanzen auf die Hitze einstellen und deutlich weniger Wasser verbrauchen, allerdings auch deutlich weniger wachsen, muss sich auch der Kleingärtner umstellen, in den sauren Apfel beißen und früh aufstehen. Es fällt schwer, aber der Gedanke an die Gluthitze tagsüber kann dieses Unterfangen erleichtern. Ebenso blöd, wie am Tage im Garten zu arbeiten, wäre es, die 300 Quadratmeter Gartenfläche komplett zu benetzen. Auf den Gedanken kann man nur kommen, wenn einem das Hirn bereits weggebrannt wurde. Ich reduziere das Benetzen auf wenige Pflanzen: Salatgurken, Stangenbohnen und meine neu gesetzten Pflänzlein. Letzteres war ein riskantes Unterfangen bei der Hitze.

Ich musste die selbst vor­gezogenen Rote-Beete- und Grünkohlpflanzen vereinzeln, damit es im Herbst und Winter mehr Ertrag gibt. Und das ist bei dieser Hitze ein Problem. Aber siehe da, bis auf zwei Grünkohlpflanzen haben alle den Stress schadlos überstanden und im trockenen Boden Tritt gefasst, der von mir punktuell gewässert wurde.

Nur meine vier Kartoffelbeete schauen mich mit traurigen, hängenden und einigen bereits abgetrockneten Stengeln an. Sie hätten gerne Wasser. Bekommen sie aber nicht, weil es mir zu viel ist. Höchstens ein paar Tränen. Sie sollen sich zusammenreißen und warten, bis es wieder regnet. Irgendwann wird es schon so weit sein.