Kampagne gegen Susanne Schröter

Diskursganoven

Die Islamforscherin Susanne Schröter wird als Rassistin verunglimpft, weil sie Kopftuchkritikerinnen zu einer Konferenz eingeladen hat. Das Muster ist bekannt: Was einem nicht gefällt, wird als rechtspopulistisch diffamiert.

Die Professorin Susanne Schröter ist wegen einer von ihr geplanten Veranstaltung zum islamischen Kopftuch an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main von einer studentischen Gruppierung auf Instagram unter dem Hashtag »schroeter_raus« des an­timuslimischen Rassismus bezichtigt worden. Damit wurde der mittlerweile reflexartige Vorwurf, dass Kritik an islamischen Sittenkomplexen nichts anderes als aufbereiteter Hass sei, zum x-ten Mal wiederholt. So weit, so vorhersehbar. Doch während die bisherigen Opfer solch diffamatorischer Kampagnen in der Regel mit den Anfeindungen alleingelassen worden sind, gab es diesmal von vielen Seiten Zuspruch für die Angegriffene – von den Kollegen, in den Medien und auch seitens des Präsidiums der Universität. Dieses beharrte in einer Stellungnahme darauf, dass die Hochschule ein Ort offen geführter Auseinandersetzungen sei. Dabei wurde den Protestierenden allerdings noch zugestanden, als »Diskurspolizei« aufgetreten zu sein, obwohl angesichts des erpresserischen Tonfalls ihres Internetauftritts vielmehr von Diskursganoventum die Rede hätte sein müssen.

Die studentische Hetze gegen Susanne Schröter ist die schlichte Praxis einer Lehre, die wenig wissen, aber viel fühlen möchte.

Dass die Konferenz abzusagen und der Ethnologin die Professur zu nehmen sei, wurde von der Initiative gerade wegen des fragenden und vorsichtigen Untertitels der Veranstaltung – »Symbol der Würde oder der Unterdrückung?« – gefordert. Eben weil Widerstreitendes dort aufeinandertrifft, sollte die Konferenz nicht stattfinden. So nimmt neben prominenten Kritikerinnen islamischer Geschlechterordnung und Sittsamkeit, den Publizistinnen Alice Schwarzer und Necla Kelek, auch Khola Maryam Hübsch daran teil. Die Journalistin tritt seit Jahren in Talkshows auf und spricht in ihren Büchern und Interviews beispielsweise gern über die Auffassung, Mohammed sei der erste Feminist gewesen; außerdem ist sie Angehörige der Ahmadiyya-Gemeinde. Mitglieder des Darmstädter Ablegers der Sekte hatten im Januar 2015 die 19jährige Lareeb Khan ermordet – wegen vorehelichem Sex. Die Täter, die Eltern der jungen Frau, sind zu le­benslanger Haft verurteilt worden. Der Anwalt des Vaters hatte vor Gericht dafür plädiert, den »kulturellen Hintergrund« seines Mandanten strafmildernd zu beachten. Hübsch ist Tochter des 2011 verstorbenen Ostermarschierers, Kommunarden, Islam-Konvertiten und Kopftuchpropagandisten Hadayatullah Hübsch, der die demütige Bedeckung von Frauen zur Pflicht erklärte und dem rechtsextremen Spektrum häufiger die Vorzüge islamischer Moral zu ver­mitteln versuchte, so etwa 2006 im Interview mit der Zeitschrift der Jugendorganisation der NPD.

Die Dominanz der Gendertheorie, die lange moralisch unangefochten bestand und Dialog gar nicht erst zuließ, bröckelt.

Dass Schröter Vertreterinnen antagonistischer Positionen zur Debatte lädt, ist angesichts des kulturalistischen Monologs, der bei solchen universitären Tagungen bislang üblich war, ein Signal, dass die gendertheoretische Dominanz, die in dieser Frage lange moralisch unangefochten bestand und den Dialog gar nicht erst zuließ, bröckelt. Genau dies scheint die studentische Initiative zum Protest motiviert zu haben, der als solcher selbstredend nichts Neues ist. Der Unterschied zu den maoistischen Störenfrieden, die in den siebziger Jahren ihren Kommilitoninnen mit den jeweils neusten Erfolgsmeldungen aus dem Krieg der Völker gegen den Imperialismus auf die Nerven gingen, ist freilich, dass diese damals nicht die Lehre an der Hochschule zumindest teilweise hinter sich wussten. Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn das eigentlich Erstaunliche am Aufruhr wegen des Aufruhrs gegen Schröter ist, dass die vorgetragenen Einwände nichts anderes postuliert haben, als das, was seit Jahren aus gewissen universitären Bereichen zur Sache zu vernehmen ist. Was in den zahlreichen medialen Stellungnahmen bislang gerade nicht thematisiert wurde, ist, dass besagte Studierende lediglich das zum Pamphlet gemacht haben, was ihnen in so manchen Lehrveranstaltungen ihrer Stu­diengänge wie selbstverständlich eingebläut worden ist, und was in ihren Online-Gefühlsgemeinschaften, die sich akademisch wie aktivistisch auf der Höhe der Zeit wähnen, vorgekaut wird.

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Der Jargon, für den Begriffe wie »antimuslimischer Rassismus« und die komplementäre Rede von unterdrückenden »Strukturen« und »gesellschaftlichen Markern« unerlässlich sind, bezeugt, dass die Universität nun mit einer Strömung konfrontiert ist, deren Ideologie sie selbst ausgebrütet hat. Schließlich wird exakt so genau dort formuliert, wo das wissenschaftliche Interesse kümmerlich ausgeprägt, die Moral dafür gut ausgebildet ist. Die in der Kampagne maßgeblich verwendete Floskel »Weil wir für uns selbst sprechen können« oder die auf ein Pappschild geschriebene Parole »Weil mein Kopftuch meine Sache ist!« korrespondiert mit dem bescheidenen Abstraktionsniveau so mancher Lehrveranstaltungen zum Thema. Wer die entsprechenden Kursinhalte kennt, weiß, was in diesen als »Rassismus« gilt. Aus der vermeintlichen Einsicht, verstanden zu haben, was »Diskriminierung« ist, ergibt sich zudem unweigerlich der Impetus zu handeln – denn weshalb sollten es Studierende bei der bloßen Annahme belassen, dass etwas in ihrem Radius mutmaßlich »rassistisch« sei, ohne dagegen vorzugehen? Auch der akademische Aufruf für »Bündnisse«, der in den vergangenen Jahren immer öfters zu vernehmen war, ist nichts anderes als der Ruf nach Intervention. So drängt es den Nachwuchs aus seiner eigenen, universitär geschulten Unlogik und in vermeintlicher moralischer Sicherheit, »Ungerechtigkeit« zu bekämpfen, nach vorne.

Die studentische Hetze gegen Susanne Schröter ist die schlichte Praxis einer Lehre, die wenig wissen, aber viel fühlen möchte, und die Störaktionen zudem für »Interventionen« und den Ausdruck von »Solidarität« und praktischen »Allianzen« hält. Diese Taktik ist längst erprobt, und der Blick in die einschlägigen universitären Fachgebiete lohnt auch hier. Das deutsche Gender-Studies-Personal etwa verschaffte seinem abgespaltenen rassistischen wie misogynen Bedürfnis lange Zeit dadurch ein Ventil, dass es sich an Ayaan Hirsi Ali, Seyran Ateş, Necla Kelek und anderen ausließ, die zu irgendwie »unechten« Migrantinnen erklärt und deren missliebige Meinungen als »rechtspopulistisch« diffamieret wurde. Man muss die Positionen der vorgenannten Autorinnen nicht teilen, um zu erkennen, weshalb sich deutsche Gender-Forscherinnen geradezu magisch von diesen abgestoßen fühlen, während dasselbe akademische ­Milieu bis heute nicht eine einzige wissenschaftliche Studie zu den Weiblichkeitsbildern von Murad Wilfried Hofmann, Hadayatullah Hübsch, Abdullah Wagishauser oder Pierre Vogel zu Papier gebracht hat – obschon es mit Sicherheit gewinnbringend wäre, zu erfahren, was jene einflussreichen Herren über Sexualität, männliche Vorherrschaft und freie Partnerwahl denken. Die überproportionale negative Aufmerksamkeit gegenüber unerwünschten Frauen einerseits und das auffällige Schweigen bezüglich patriarchaler Männer andererseits hat System, und die zugehörige Taktik ist eine habituelle wie praktische. Es gehört in diesen Kreisen zum guten Ton, sich abfällig über die vorgenannten Autorinnen zu äußern. Zugleich wird die Unterstellung, dieses oder jenes sei dem »Rechtspopulismus« dienlich, so oft wiederholt, bis sich das Gerücht verselbständigt hat – in der Hoffnung, die damit Gemeinten auf Dauer zu diskreditieren. Die Bewertung der »Schrö­ter-raus«-Kampagne als intendierter Rufmord ist folglich legitim.

Im 2017 neu aufgelegten gendertheoretischen Kopftuch-Lob »Verschleierte Wirklichkeit« von Christina von Braun und Bettina Mathes findet sich die Aufnahme einer vollständig verhüllten, Niqab tragenden Person, deren Konturen unter der unförmigen Textilaufschichtung kaum mehr erkennbar sind. »Die Kunst, zu sehen, ohne gesehen zu werden« steht nobilitierend daneben. Auf der Ins­tagram-Präsenz der studentischen Initiative, die nun unter dem Namen »Wir bleiben laut« auftritt, ist kürzlich die Zeichnung einer Niqab-Trägerin moderneren Zuschnitts veröffentlicht worden. Diese streckt dem Betrachter in einer öden Geste die Mittelfinger entgegen. Darüber steht: »This woman, who sees without being seen, frustrates the colonizer.« Inwiefern das eine die Folge des anderen darstellt, dürfte seit der gescheiterten Hetz­­kampagne gegen Susanne Schröter zumindest deutlicher geworden sein.

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