Das Selfie-Museum in Berlin

Im Museum der Netz-Narzissten

Am 22. Februar hat das erste Selfie-Museum in Berlin eröffnet. Ein Besuch in »The WOW! Gallery« im Bezirk Prenzlauer Berg.
Reportage Von

Künftige Zivilisationen werden sicherlich rätseln über das absurde Ausmaß an menschlichem Egoismus im Spätkapitalismus: Milliarden Zettabyte an ­digitalen Selbstporträts, gesichert in Clouds und Datenzentren, gespeichert auf Festplatten, Flashdrives und USB-Sticks, ergänzt durch bizarre Accessoires wie Selfiesticks und Smartphone-Halteklammern, während die Welt mit ökologischen und humanitären Katastrophen zu kämpfen hat. Früher war es die Höhlenmalerei, später der Holzschnitt, im digitalen Zeitalter ist das Selfie der kulturelle Ausdruck schlechthin. Noch nie hat die Menschheit sich so häufig visuell dokumentiert, noch nie waren Kameras so omnipräsent: Jeder kann Regisseur und Filmstar, Fotograf und Model zugleich in der eigenen Timeline sein. Hunderte Millionen Selfies werden weltweit pro Tag online gepostet. Es ist die hohe Zeit des Netz-Narzissmus.

»Ich bin immer mehr begeistert, was die jungen Menschen da hinbekommen, was sie für eine kreative Kraft haben.« Torsten Künstler, Geschäftsführer The WOW! Gallery Berlin

Dem Magazin Time zufolge eröffnete 2015 das erste Selfie-Museum, die »Art in Island Gallery«, in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Mittlerweile gibt es ähnliche Stätten in Köln, Wien, Budapest, New York und Los Angeles. Der Begriff »Museum« wird in diesem Kontext großzügig ausgelegt. Vielmehr handelt es sich um Social-Media-Spielplätze samt Instagram-Kulissen, Facebook-Fassaden und Twitter-Tapeten – je nach Plattformgeschmack. Ein Besuch wird zum teilbaren Erlebnis, das gleichzeitig im digitalen und analogen Raum stattfindet. Aber wo Selfies klassischerweise einen Moment, einen Besuch oder ein Treffen – sprich: um etwas für die Erinnerung festzuhalten – aufzeichnen und festhalten, ist hier das Foto selbst der Anlass seiner Entstehung.

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Nun hat auch Berlin diesen nächsten Schritt in der kulturellen Entwicklung der Menschheit geschafft – mit »The WOW! Gallery« in der Greifswalder Straße im durchsanierten Prenzlauer Berg. Der Bezirk, der jedes Hipster-Stereotyp bedient, scheint dieser Art von Museum einen optimalen Standort zu bieten. Für sechs Monate bietet der Pop-up-Laden den Besucherinnen und Besuchern 25 interaktive Installationen auf 1 000 Quadratmetern. Mit Sprüchen wie »Der Mega-Booster für dein Insta & Co« und »Bei uns bist du der Star« wirbt die Galerie. Für 29 Euro (ab 14 Jahren) können die Besucherinnen und Besucher 90 Minuten lang in die Erlebniswelt eintauchen, für einen ganzen Tag kostet es 39 Euro.

Kitsch und Künstler

Torsten Künstler (über 560 Follower auf Instagram) ist Geschäftsführer und Initiator der Installation. Zusammen mit einem Künstlerkollektiv aus Filmschaffenden, Kameraleuten und Produktdesignern hat der 51jährige das Projekt realisiert. Als Regisseur ist Künstler in der Filmwelt etabliert, sein Name mag sogar bekannt vorkommen: Mit seinem langjährigen Freund Til Schweiger hat er neun Filme gemacht. Zuletzt: »Conni & Co. 2 – Rettet die Kanincheninsel« im Jahr 2017 (IMDB-Bewertung: 2,5/10) und »Hot Dog« im Jahr 2018 (IMDB-Bewertung: 3,6/10). Sein Freund Schweiger sei aber noch nicht zu Besuch gewesen, er sei zur Zeit auf den Malediven, erzählt Künstler.

Die Berliner Galerie kann mit den Malediven natürlich nicht mithalten, wenn es um verführerische, Neid erweckende Fotomotive geht. Erst recht nicht bei einem Besuch an einem kalten, nassen Morgen im Februar. Der Regen prasselt hart, die Straßenszenerie ist deprimierend. Doch am Eingang erwartet einen sofort der angekündigte Glanz – und dahinter gleich die erste Fotogelegenheit: eine Kletterecke. ­Gegenüber findet man professionelle Lichtspiegel zum Schminken und Stylen. So changiert das Ambiente irgendwo zwischen Modelstudio und Kinderspielplatz.

Dabei scheint Berlin-Kitsch ein besonderer künstlerischer Schwerpunkt der Galerie zu sein. Eine der ersten Kulissen, der man begegnet, ist ein sogenannter Späti – anderswo bekannt als Kiosk oder Trinkhalle –, natürlich mit einem Neonschild ausgewiesen, das auf Instagram gut wirkt. Mit kaugummibunten Wänden und übergroßen Produkten in den Regalen wirkt der Laden eher wie ein begehbares Stück Pop Art als der sonst übliche Spätverkauf.

Die Späti-Szenerie wird schnell von einem Mauerspringermotiv nebenan in den Schatten gestellt: Mit Hilfe eines Trampolins kann man über einen Nachbau des einstigen »antifaschistischen Schutzwalls« hüpfen, im Hintergrund sind das Brandenburger Tor und der Fernsehturm zu sehen. So wirkt die Kulisse wie ein Plakat für ein Udo-Lindenberg-Musical.

Im Souterrain, wo sich die meisten Installationen befinden, werden die Sets etwas abstrakter – mit neonfarbenen Rastern, die offenbar dem Science-Fiction-Film »Tron« nachempfunden sind, Bällebädern mit aufblasbaren Flamingos und Engelsflügeln zum Anprobieren. Ein besonderes Highlight für die Besucherinnen und Besuchern scheint der Konfettiregen zu sein.

Selfiestuhl

Wirkt von fern nicht ganz so aufregend: verschiedene Kulissen in der Galerie

Bild:
Nicholas Potter

Alle machen ihren Film

Schnell stellt sich die Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? Torsten Künstler zumindest sieht Parallelen zwischen der Kunstwelt und der Social-Media-Sphäre. »Ich war vorher skeptisch«, gibt er zu. »Aber ich denke mich rein in die Welt der neuen Generation und bin immer mehr begeistert, was die jungen Menschen da hinbekommen, was sie für eine kreative Kraft haben.« Damit sind Instagram-Stories, Snapchat-Selfies und Facebook-Posts gemeint, doch Künstler erkennt darin mehr: »Sie sind alle Filmemacher – und das muss die alte Welt verstehen. Das ist eine äußerst kreative und innovative Generation. Und wir wollen ihnen Bühnen geben, damit sie für kleines Geld Studio-Atmosphäre haben.«

Die Kritik, dass Tausende Selfies vor den gleichen Kulissen nun nicht mehr so kreativ und innovativ seien, behauptet Künstler schon zuvorgekommen zu sein. »Das habe ich überprüft und überdacht, hoffentlich ausreichend. Wir haben die Ausstellung so gemacht, dass sich die Lichtfarben ändern. Das ist ein Faktor, den wir anbieten können«, kontert er. »Unsere Sets sind aber auch so, dass der junge Künstler sich da drin ja selber inszeniert. Wenn man ­einen Film sieht, sind das sowieso immer die gleichen Straßen, auf denen gedreht wird. Was innerhalb und auf der Bühne passiert, das liegt allerdings immer bei den jungen Künstlern, Influencern und Instagrammern selbst«.

»Ich habe ein paar geile Sets erwartet. Meine Erwartungen wurden aber komplett übertroffen.« Alexandra, Besucherin

Der Name »WOW!« schreit Begeisterung heraus – und die ist hier keineswegs fehl am Platz. Sofort fällt einem auf, wie glücklich alle wirken, egal ob Gäste oder Mitarbeitende. Der Galerie-Mitarbeiter Sebastian (500 Follower) ist einer davon und hilft Besucherinnen und Besuchern, Fotos zu machen. Davor arbeitete er in einem Hostel, erzählt der 28jährige aus Chile. Er habe weiterhin mit Menschen arbeiten wollen und sich deswegen für diesen Job beworben, ein Social-Media-Typ sei er aber eigentlich nicht.

Bei den Gästen sieht das anders aus. »Viele Besuchende sind Influencer, ­deren Image auf Social Media ihnen sehr wichtig ist«, erklärt Sebastian. »Sie nehmen es sehr ernst und bringen große

Kameras, eigene Lichter und unterschiedliche Kleider mit. Es gibt aber auch viele Familien mit Kindern. Das habe ich nicht erwartet.« Eigene Kameras sind aber kein Muss für einen Besuch in der Galerie. »Wir haben ein 360-Grad-Fotogerät, mit dem man coole matrixartige Fotos machen und die danach herunterladen kann«, erzählt Sebastian. Zudem kann man für 69 Euro einen professionellen Fotografen für 90 Minuten buchen.

Mega, aber fordernd

Um zehn Uhr morgens an einem Mittwoch sind nur wenige Besucherinnen und Besucher anzutreffen, darunter ein weiterer neugieriger Journalist von der Berliner Morgenpost. Am Wochenende sei mehr los, sagt Künstler. »Richtig voll kann man aber noch nicht sagen«, so der Geschäftsführer weiter. »Das braucht seine Zeit.«

Zwei frühe Vögel sind Desiree und Alexandra, beide 33 und aus Berlin. »Das ist mega«, ruft Alexandra und zeigt sich zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit. »Ich habe ein paar geile Sets erwartet. Meine Erwartungen wurden aber komplett übertroffen.« Desiree ist Model, ihre Freundin Alexandra Fotografin, sie trägt eine professionelle Kamera mit einem beeindruckend großen Objektiv. Ein richtiges Fotoshooting sei das allerdings nicht, Spaß sei das Hauptziel heute.

»Ich bin kein Influencer«, sagt Desiree. »Aber I do it for the gram.« Ihr englischer Akzent kann nicht überzeugen, ihre Pose schon. Desiree hat 5 000 Follower auf Instagram. »Das ist nicht viel«, sagt sie bescheiden. »Bei 20 000 geht es erst richtig los.« Alexandra ist fleißig am Knipsen, Desiree nimmt eine neue Pose ein. »Ich schwitze«, keucht Desiree, »es ist körperlich sehr fordernd«, und springt in ein Bällebad für das nächste Motiv.

Kurz danach kommt ein Trio junger Frauen. Die 20jährige Verena (1 400 Follower), die 19jährige Bianca (600 Follower) und die ebenfalls 19jährige Leticia (500 Follower) kommen aus Österreich. »Es ist sehr cool hier«, sagt Verena ­begeistert. »Es ist echt faszinierend«, stimmt Bianca ihr lächelnd zu. »In Österreich haben wir nichts Vergleichbares«, ergänzt Leticia. Die drei versuchen, ihre Handys am Rand des besagten Bällebads zu positionieren – alles für das perfekte Foto.

Ich (null Follower) bin neugierig, möchte nicht bloß ein passiver Beobachter in dieser Reportage sein – und versuche mein Glück auf dem Instagram-Laufsteg. Als Stylist und Fotografin lade ich die Berliner Varietékünstlerin und selbsternannte Tunte Deliria Tremenz ins Selfie-Studio ein. Mit sich schleppt sie mehrere Taschen voller Pelzmäntel, Matrosenmützen, Latzhosen und mehr. Und: Das Shooting macht tatsächlich ein bisschen Spaß. Ich setze eine Perücke auf und tauche ins Bällebad ein. Ich ziehe eine Diskojacke an und tanze durch den Konfetti-­Regen. Und ich hüpfe vom Trampolin hinter dem Horizont über die Mauer.

selfiekonfetti

Starqualitäten gefordert. Posieren im Konfettiregen

Bild:
Nicholas Potter