Spike Lees »Da 5 Bloods« über schwarze Veteranen des Vietnamkriegs

Make America America Again

Spike Lees »Da 5 Bloods« zeigt, dass Afroamerikaner nicht den Vietnamkrieg brauchten, um traumatisiert zu werden.

Wenn es eine Sache an Spike Lees Vietnamkriegsfilm »Da 5 Bloods« zu bemängeln gibt, dann einzig und allein, dass ihm als Produktion von Netflix der Start im Kino versagt bleibt. Das ist freilich nicht Spike Lee selbst anzulasten, sondern der derzeitigen Mutlosigkeit Hollywoods. Diese Mutlosigkeit ist es, die nun auch Lee, wie zuvor schon Martin Scorsese, in die Arme der Streaming-Anbieter treibt. Der Kinosaal und »Da 5 Bloods«, sie hätten ­einander redlich verdient. Denn Spike Lee präsentiert sich in Bestform und springt virtuos zwischen dem Vietnam der späten Sechziger und der Gegenwart und verwebt Archivaufnahmen, digitale Aufnahmetechnik, Fotografien, Super-8-Aufnahmen und 16mm-Film miteinander. Anstatt – apropos Scorsese – die Hauptdarsteller für Rückblenden digital verjüngen zu lassen, setzt Spike Lee sie unverändert sowohl in den Gegenwartsszenen wie auch in denen der Vergangenheit ein. Das klingt zwar gewagt, geht aber gerade deshalb als ästhetische Strategie voll auf.

Die Vereinigten Staaten, so wird im Film gesagt, führten seit ihrer Gründung einen Krieg gegen sich selbst, und dieser Krieg scheine bis heute anzudauern.

Drei Minuten, länger braucht Spike Lee nicht, um in der rasant montierten Eröffnungssequenz von »Da 5 Bloods« ein Panorama der Vietnamkriegsära in den USA zu entwerfen. Interviewfetzen und Statements von Muhammad Ali, Bobby Seale, Angela Davis und Malcolm X werden mit Ansprachen Lyndon B. Johnsons und Richard Nixons kontrastiert. Dazwischen explodieren Granaten, Kampfflieger ziehen am Himmel vorbei und plötzlich hebt, wir schreiben das Jahr 1969, die erste bemannte Mondrakete ab und Neil Armstrong verkündet ­einen großen Sprung für die Menschheit. Derweil sterben Vietnamesen und GIs im vietnamesischen Dschungel, jeder dritte der dort kämpfenden US-amerikanischen Soldaten ist schwarz. Aber getötet wird auch im eigenen Land, Tausende Kilometer von Vietnam entfernt. Weiße Rassisten töten schwarze Bürgerrechtler, die Nationalgarde erschießt friedlich demonstrierende Kriegsgegner an der Kent State University, führende Funktionäre der Black Panther Party kommen bei Hausdurchsuchungen auf dubiose Weise ums Leben.

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Spike Lee unterlegt diese Sequenz passend mit Marvin Gayes Protestklassiker »Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)«. Die Vereinigten Staaten, wird später einmal im Film gesagt, führten seit ihrer Gründung einen Krieg gegen sich selbst. Dieser Krieg dauere bis heute an – ein Eindruck, der sich derzeit eher noch verstärkt.

Nach der Auftaktsequenz springt der Film in die Gegenwart, nach ­Ho-Chi-Minh-Stadt, ehemals Saigon. Vier schwarze Kriegsveteranen kommen im Jahr 2020 nach Vietnam zurück. Sie wollen die sterblichen Überreste ihres gefallenen Kameraden Stormin’ Norman – er war eine Art Huey P. Newton (ein Mitbegründer der Black Panther Party) in ihrem ­Bataillon – zu dessen Familie in die USA überführen.

Das erste Wiedersehen im Hotel suggeriert, jeder aus dem Quartett habe seinen persönlichen Amerikanischen Traum auf die ein oder andere Weise doch noch verwirklichen können. Da ist Eddie (Norm Lewis), der joviale Geschäftsmann mit Cowboyhut, der gemütliche Familienmensch Melvin (Isiah Whitlock Jr.), der Intellektuelle Otis (Clarke Peters) und schließlich Paul (Delroy Lindo), ein Bikertyp mit Bandana und Lederweste. Doch Irritationen lassen nicht lange auf sich warten. Die vier Männer dürfen schnurstracks ins Nachtleben von Ho-Chi-Minh-Stadt eintauchen, wo sich McDonald’s- und KFC-Schnellrestaurants neben Nachtclubs drängen, in denen man unter dem Motto »Apocalypse Now« unter dem Logo des gleichnamigen Films von Francis Ford Coppola Party machen kann. Fehlt bloß noch, dass ­jemand die quietschgelben Cocktails, die permanent im Bild sind, als Agent Orange bezeichnet.

Party like it’s 1969: Zurück in Vietnam gehen die Veteranen erst einmal zur »Apocalypse Now«-Party

Bild:
David Lee / Netflix

Die Zeiten ändern sich, und doch wiederum nicht. Denn während die freie Marktwirtschaft das sozialistische Vietnam im Sturm erobert hat, sind die vier Veteranen, so stellt sich schnell heraus, heute im doppelten Sinn Besiegte. Mussten sie in den Sechzigern für ihr Land, obgleich es sie nur als Bürger zweiter Klasse ­akzeptierte, die sogenannte kommunistische Gefahr bekämpfen, frisst sie heute jene Freiheit auf, die sie mit ihren Einsätzen zu verteidigen dachten. Nicht nur vergiftet der Rassismus unverändert ihren Alltag, sie sind arm, verschuldet, seelisch wie körperlich vernarbt. Otis schluckt permanent Opioide und Paul outet sich irgendwann als einer, der es gerne sähe, wenn Amerika wieder groß­artig gemacht würde. Auch das noble Vorhaben der Heimführung des ­gefallenen Fünften im Bunde erweist sich als Vorwand. Vor allem lockt die verbliebenen Veteranen eine Kiste Goldbarren, die sie damals zufällig in einem Flugzeugwrack entdeckten und vergruben, mit dem Versprechen, sie nach dem Krieg gemeinsam zu bergen. Was die vier Männer auf dieser Expedition erwarten wird, lässt sich nicht in Kürze zusammenfassen.

Der britische Schauspieler Delroy Lindo (in der Rolle des Paul) stiehlt allen die Schau und man darf nur hoffen, dass er mit Darstellerpreisen überhäuft werden wird. Spike Lee lässt derweil wie einst Howard Hawks im atemlosen Plot eine irre Wendung auf die nächste folgen. Neben Hawks’ Inszenierungen steht »Da 5 Bloods« auch in der Tradition von John Hustons Film »The Treasure of the Sierra Madre« (»Der Schatz der ­Sierra Madre«, 1948), in dem eine Goldader für eine Gruppe gesellschaftlicher Außenseiter zur trügerischen Hoffnung auf ein besseres Leben wird. Irgendwann taucht in Lees Film Jean Reno als rassistischer Franzose mit »MAGA«-Kappe auf, der mit seinem weißen Anzug an den französischen Nazikollaborateur aus Steven Spielbergs »Raiders of the Lost Ark« (»Jäger des verlorenen Schatzes«, 1984) angelehnt ist, seinerseits eine Hommage an Hustons Film. Daneben finden sich wohldosierte Spuren von William Friedkins Urwaldirrfahrt »Sorcerer« (»Atemlos vor Angst«, 1977, seinerseits ein ­Remake von Henri-Georges Clouzots »Lohn der Angst«, 1953).

Die Metaphysik des Vietnamkrieges, sei sie opulent inszeniert wie in Coppolas »Apocalypse Now« oder analytisch-kühl dargestellt wie in Stanley ­Kubricks »Full Metal Jacket«, interessiert Spike Lee hingegen weniger. Am nächsten aus der Riege der großen Vietnamkriegsfilmer stehen ihm vermutlich Oliver Stone und Michael Cimino. Ein interessantes Pendant zu Lees Film ist außerdem der verstörende »Dead Presidents« (1995), der schändlich übergangene Film der Brüder Albert und Allen Hughes aus den Hochzeiten des New Black Cinema. Sie lassen wie Cimino das Trauma Vietnam in die US-amerikanische Gegenwart hineinragen. Die schwarzen GIs in »Dead Presidents«, denen die US-amerikanische Gesellschaft jegliche Kompensation für ihr Kriegsleid verwehrt, flüchten sich in Drogensucht und Kriminalität. »Da 5 Bloods« geht aber noch einen Schritt weiter: Der Film lässt keinen Zweifel daran, dass es nicht bloß ein singuläres Trauma ­namens Vietnam ist, das in den USA ungemildert fortwirkt.

Fäuste in die Höhe. Kämpferisch ging es am Set zu, ganz links Regisseur Spike Lee

Bild:
David Lee / Netflix

Es ist ein traumatischer Komplex, man könnte auch sagen, ein Jahrhunderttrauma der US-amerikanischen Gesellschaft, das Spike Lee hier mit der unmittelbaren Gegenwart in Beziehung setzt, nämlich dass es in den sechziger Jahren einen kurzen Moment gab, als eine radikale Umgestaltung der USA tatsächlich möglich schien.

So schlägt das Ende des Films eine hoffnungsvolle Brücke zur »Black Lives Matter«-Bewegung und zugleich zurück in die sechziger Jahre, zu ­Archivmaterial einer Rede von Martin Luther King Jr. aus dem Jahre 1967. King zitiert darin Langston Hughes, einen kommunistischen Poeten der Harlem Renaissance: »O, yes, I say it plain / America never was America to me / And yet I swear this oath, America will be.« King entlehnte diese Verse aus Hughes’ Gedicht »Let America Be America Again«, das eine entschiedene Antwort auf jenen so traurigen wie falschen Slogan des derzeitigen US-Präsidenten gibt. Die USA lassen sich schwerlich zu alter Größe restaurieren, da es schlichtweg wenig zu restaurieren gibt. In Hughes’ Gedicht dagegen heißt es weiter: »O, let America be America again / The land that never has been yet / And yet must be / The land where every man is free / The land that’s mine / The poor man’s, Indian’s, Negro’s, ME.« Darin sind sich Hughes, King und Spike Lee einig. Doch ­dieses Amerika gibt es noch nicht. Es gilt es erst noch zu verwirklichen.

Da 5 Bloods (USA 2020). Regie: Spike Lee. Buch: Danny Bilson, Paul De Meo, Spike Lee, Kevin Willmott. Darsteller: Norm Lewis, Isiah Whitlock Jr., Clarke Peters, Delroy ­Lindo. Der Film kann bei Netflix gestreamt werden.