An die Laterne!

Nationalistische Welle in der Türkei von deniz yücel

Noch heiliger als ihre Nationalfahne ist den Türken allenfalls die Jungfräulichkeit ihrer ledigen Töchter. Die fahnen- und atatürkproduzierende Industrie ist gegen jede Krise gefeit, es gibt kaum eine Hinterhofklitsche, die sich nicht mit der Fahne schmückte, und für den Fall, dass eine Fahne vom vielen Flattern zerschlissen und verblasst ist, regelt ein Gesetz, wie sie ehrenvoll entsorgt werden kann. Auf den Müll werfen ist verboten, man muss sie in einer bestimmten Weise falten und verbrennen, dazu am besten mit einer neuen Fahne salutieren und die Nationalhymne anstimmen, die ebenfalls die Fahne besingt.

Als im August 1996 ein Demonstrant an der griechisch-türkischen Demarkationslinie auf Zypern den Halbmond vom Mast entfernen wollte, wurde er von türkischen Soldaten erschossen. »Die Hände, die nach unserer Fahne greifen, werden gebrochen«, rechtfertigte die damalige Außenministerin Tansu Çiller die Tötung des Mannes. Zwei Monate zuvor war auf einem Kongress der prokurdischen Demokratiepartei des Volkes die türkische Fahne heruntergerissen worden. In der Folge wurden drei Funktionäre der Partei umgebracht und ihre gesamte Führung wurde verhaftet. Auch beim späteren Verbotsverfahren spielte der Vorfall eine Rolle. Und die Medien reagierten mit einer beispiellosen Kampagne: Sie forderten dazu auf, aus Protest die Fahne zu hissen, was landauf, landab millionenfach geschah.

Damals, so ließe sich einwenden, tobte der Krieg im kurdischen Südosten. Aber er ist vorbei, seit die kurdische Guerilla PKK 1999 ein Ende des bewaffneten Kampfes verkündete. Doch am Bosporus scheint sich, EU-Beitritt hin oder her, nichts geändert zu haben. Weil beim kurdischen Newrozfest am 20. März in Mersin zwei Halbwüchsige auf einer türkischen Fahne herumtrampelten und sie zu verbrennen versuchten und gleichzeitig auf der Kundgebung in Diyarbakir Porträts von Abdullah Öcalan gezeigt wurden, wird die Türkei abermals von einer nationalistischen Hysterie erfasst.

Wieder baumelt aus Millionen Wohnungen und Geschäften die Fahne, während überall Aufmärsche zur »Achtung der Fahne« veranstaltet werden, bei denen schon mal Bilder von Öcalan oder Bücher des Romanciers Orhan Pamuk verbrannt werden. Nur im letzten Moment konnte in der vorigen Woche in Trabzon ein Lynchmord an vier jungen Leuten verhindert werden, die Flugblätter zur Unterstützung der im Hungerstreik befindlichen Gefangenen aus der linksradikalen DHKP-C verteilt hatten. Unterdessen hat die Armee die größte Offensive gegen die kurdische Guerilla seit fünf Jahren begonnen. Zuvor hatten hochrangige Generäle behauptet, dass Kämpfer der PKK aus dem Nordirak zurückgekehrt seien.

Dass in der Türkei noch immer gefoltert wird, dass regelmäßig Frauen aus Gründen der »Ehre« ermordet werden, dass Polizisten und Politiker frei herumlaufen, deren Verstrickungen in Mafiageschäfte erwiesen ist, und so manches mehr ertragen die Türken teilnahmslos – wenn sie es nicht sogar gutheißen. Auch die Krise von 2001, als Millionen Menschen auf einen Schlag verarmten, nahm niemand zum Anlass, mit den System Tabula rasa zu machen.

»Wann werden wir erwachsen?« fragte der nationalistische Hürriyet-Autor Fatih Altayli am Ende einer seiner täglichen Kolumnen. Erst dann, wenn man die Fahne Fahne sein lässt.

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