»Es wird in Kürze einen Beatles-Platz geben«

Günter Zint

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Das St. Pauli-Museum beherbergt eine einzigartige Sammlung rund um Hamburgs bekanntes Vergnügungsviertel. Mitte der neunziger Jahre öffnete es am Spielbudenplatz und zog später ins Schanzenviertel um. Nachdem das Projekt zwischenzeitlich fast aufgegeben worden war, bezog das Museumsteam um den einstigen Star-Club-Fotografen, Apo-Aktivisten und unermüdlichen Dokumentaristen Günter Zint jetzt wieder Räumlichkeiten auf dem Kiez, in der Hein-Hoyer-Straße 56. Mit Günter Zint sprach Jan-Frederik Bandel.

Was genau ist eigentlich das St. Pauli-Museum?

Das St. Pauli-Museum ist ein Kollateralschaden meiner Sammelwut. Ich bin seit 1962 auf St. Pauli und habe nicht einen Container rausgehen lassen, der nicht von mir gefilzt wurde. Die Fluktuation bei den Kneipen ist hier recht groß, viele wechseln im Halbjahresrhythmus, und da gab es viele Container. Als mir das in Hamburg aus dem Ruder lief, hab’ ich mir einen großen Bauernhof gekauft mit über 1 000 Quadratmetern Lagerraum.

Hier in Hamburg haben wir nur kleine Räume, da stellen wir nur gezielt zu bestimmten Themen aus. Wir haben hier auch einen Arbeitsraum, wo die gesamten Bestände digitalisiert werden. Das sind – nur für den Bereich St. Pauli – weit über eine Million Gegenstände, die jetzt alle erfasst und nummeriert werden müssen.

Aber dein Sammelschwerpunkt sind schon die Sechziger?

Wir haben Sachen von 1650 an. Wir haben auf Pergament die erste Genehmigung der Hamburger Schlachter für die Vorstadt St. Pauli, viele Sachen über die Geschichte der Großen Freiheit: Das war ja die Grenze zu Dänemark. Dort herrschte Religions- und Gewerbefreiheit. Wer in Hamburg nicht arbeiten oder seinem Glauben nachgehen durfte, konnte das auf der Großen Freiheit.

Wir haben Theater- und Konzerthausprogramme: Um die Jahrhundertwende gab es hier zwölf Theater rund um den Spielbudenplatz. Es war ein kulturelles Zentrum Europas. Die feinen Hamburger kamen nach St. Pauli, um sich Strauß oder Lehár anzuhören. Der Spielbudenplatz ist auch die Geburtsstätte des deutschen Zirkuswesens.

Aber in der öffentlichen Wahrnehmung sind die sechziger Jahre natürlich sehr wichtig, weil hier damals sehr viel passiert ist – natürlich nicht nur in St. Pauli: der Aufbruch der Musikbewegung, der Außerparlamentarischen Opposition und so weiter. Die Subkultur hat sich in Hamburg von der »Palette« bis zum »Star-Club« in etlichen Kultkneipen breitgemacht, da hat sich eine neue Kultur mit eigenen Figuren und Lebensformen entwickelt. Ich war damals Exi oder Gammler, heute bin ich ein Beatle mit Schiebedach, die Haare wachsen einfach nicht mehr zu, und bekennender Sponti.

Das St. Pauli-Museum ist für dich auch ein politisches Unternehmen?

Jedes Aufbegehren gegen die Obrigkeit ist ein politischer Akt. Alles, was hier auf St. Pauli passiert, ist hochpolitisch. St. Pauli ist ein Mikrokosmos unserer Gesellschaft. Wir haben hier auf ein paar Quadratkilometern sämtliche Schichten vom Millionär bis zum Obdachlosen. St. Pauli ist immer eine Zone der Toleranz geblieben.

Ich bin hier zwar für viele eine linke Zecke, und manche hier sind für mich rechte Arschlöcher. Aber die nenne ich dann auch so. Man lässt hier raus, was man denkt. Die Gewalt auf St. Pauli, die man in den Medien ständig sieht, spielt sich in kleinen Gruppen ab. Und die Zuhälterei ist ohnehin auf dem absteigenden Ast. Durch die Legalisierung der Prostitution können die Frauen heute einfach die Polizei rufen, wenn es Ärger gibt.

Das eindeutige Seximage, das St. Pauli seit den sechziger, siebziger Jahren hat, stimmt längst nicht mehr: In den Musikclubs hier sind jedes Wochenende Tausende junger Menschen, und in den Bordellen herrscht teilweise gähnende Leere. Das »Paradise of Sex« zum Beispiel ist gerade mal zu 20 Prozent belegt, weil ganz Hamburg mittlerweile ein Puff ist. Guck dir mal die Bild-Zeitung oder die Morgenpost an: Die verdienen jeden Tag einen Haufen Geld mit diesen Modellanzeigen. Das passiert zu großen Teilen in ganz normalen Wohnungen. Dieses Sexbusiness hat sich von St. Pauli wegverlagert, aber die Öffentlichkeit hat’s noch nicht kapiert: Weil’s die Herbertstraße noch gibt – wo auch nur jedes dritte Fenster belegt ist.

Das Verhältnis der Stadt zum Kiez war immer ambivalent.

Stimmt. Renate Durand, die Betreiberin vom »Salambo«, sagte immer: Hamburg verhält sich zu St. Pauli wie die Mutter zum unehelichen Kind. Wenn ein neues Theater eröffnet wird oder sonst was Schönes ist, zeigt man’s vor, sonst versteckt man es lieber. Man muss den Kiez kennen, um ihn zu lieben. Wenn man den Klischees aus Dieter Wedels »König von St. Pauli« glaubt, ist man mit dem Klammerbeutel gepudert. Die guten Bürger brauchen immer böse Menschen, um sich wirklich gut zu fühlen. Und diesen Anlass liefert St. Pauli perfekt.

Was ist die Perspektive für die Bestände des St. Pauli-Museums?

Ich bin nächstes Jahr Rentner – ich weiß nicht, wer das übernehmen soll. Wenn alles digitalisiert ist, werde ich der Stadt ein Angebot machen. Das wäre sehr viel günstiger als das Tamm-Museum im Hafen. Und interessanter als diese Kriegsschiffe, Bomben und Hakenkreuze.

Wenn die Stadt meine Sammlung nicht kaufen will, gehen die digitalen Daten ans Museum für Hamburgische Geschichte, und ich werde die Sammlung leider zerteilen müssen. Was die schlechtere Lösung wäre.

Du hast seit Jahrzehnten so ziemlich alles fotografiert, was auf dem Kiez passiert ist. Ist dein Fotoarchiv eigentlich Teil der Sammlung?

Leider nicht. Mein Archiv umfasst vielleicht vier Millionen Fotos. Und das ist natürlich ein Horror: Ich kann ja meinen Kindern nicht vier Millionen Stück Altpapier vererben.

Zurzeit zeichnet sich um St. Pauli eine Art Sixties-Revival ab, an dem du nicht unmaßgeblich beteiligt bist…

Wir haben eine Arbeitsgemeinschaft gegründet namens »Beat City«. Dazu gehören eine Menge Leute aus jener Zeit: Der Musikmanager Ulf Krüger zum Beispiel, ich, aber auch die Tourismusbehörde ist mit drin. Wir sind dabei, eine Idee zu entwickeln, wie man diese Musikgeschichte der sechziger Jahre aufarbeiten kann – gemeinsam mit den Tourismusbehörden in Liverpool. Es wird in Kürze auch einen Beatles-Platz geben.

Neulich waren zwei junge Dänen in Hamburg, die fanden es sehr traurig, dass beim ehemaligen »Star-Club« nur noch der Gedenkstein steht, den ich dort hab’ aufstellen lassen. Die meinten, da muss mehr hin. Ich hab’ das gar nicht so ernst genommen, sondern nur gesagt: Ja, ja, macht mal. Aber die Jungs hatten gerade eine Softwarefirma an Bill Gates verkauft und damit eine Menge Geld verdient. Davon haben sie jetzt das Gelände gekauft. Es wird natürlich nicht einfach der alte »Star-Club« wieder aufgebaut, es wird ein innovatives Zentrum für junge Musiker.