Deutscher Antizionismus

Nichts gelernt und nichts vergessen

Ein Grundriss zur Geschichte des deutschen Antizionismus

Zwischen der Wannsee-Konferenz und der Gründung Israels verliert der Hass auf die Juden seine Geschichte; er wird zum Apriori, zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins der Deutschen. Als außer Johann Georg Elser kein proletarisches Subjekt zum Schutz der Juden sich erhob, als noch die Idee der kommunistischen Internationale ausgestrichen und durch »internationalen Patriotismus« ersetzt wurde, hatte sich die bürgerliche Gesellschaft mit sich selbst zur zwar negativen, so doch fugenlosen Identität vermittelt, d.h. historisch ausgemittelt und darin jedwede Idee eines Fortschritts der Menschheit im Bewusstsein der Freiheit dementiert. Der Sinn der Geschichte selbst wurde liquidiert. Danach ist jedwede »List der Vernunft«, deren Logik in der unbewussten Wechselwirkung der ihrer selbst unbewussten Subjekte bestünde, nur Projektion und mache sich, so Adorno, »der Kardinalsünde schuldig: Sinn zu infiltrieren, der nicht existent ist«, und noch der marxistoide Sermon vom »Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital« beweist, dass Adornos Frage, ob es denn »Geschichtsphilosophie ohne latenten Idealismus« geben könne, verneint werden muss. Die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, deren Schwung sich aus der Dialektik von Bourgeois und Citoyen ergab, der Marx in jugendlichem Leichtsinn dann das Telos freier Assozia­tion andichtete, hatte sich in Deutschland in der Gestalt des Soldaten verdichtet, dessen Opferbereitschaft nur durch seinen Mordwillen noch überboten wurde. Seitdem schwebt diese, wenn auch vollendet negative Versöhnung der kapitalisierten Gesellschaft als Drohung, als negative Utopie und gewissermaßen transzendentaler Horizont über jeder noch möglichen Geschichte der Menschheit. Nur die zionistische Revolution ist ungleichzeitig. Dafür hat Israel als schlechtes Gewissen wie als Vorschein der Menschheit zu büßen. Dass die Deutschen ihr Menschenmöglichstes taten, um die Nicht-Identität des Kapitals in Gestalt der Juden nicht nur physisch auszurotten, sondern sich in einem Tausendjährigen Reich ewiger Akkumulation metaphysisch einzuverleiben, dass es ihnen trotz alledem nicht gelang, sich das Privateigentum an der negativen Utopie zu sichern, stiftete einen gegen jede Erfahrung abgedichteten Hass auf die Juden und ihren unwahrscheinlichen Staat, auf Israel. Was immer sich seitdem ereignet hat, spiegelt den prinzipiellen Stillstand der Geschichte, die Angstlust der erpressten Versöhnung wider. So findet auch der Hass auf die Juden, egal, ob antisemitisch oder antizionistisch herausgebrüllt, keine neuen Worte mehr, sondern gehorcht einem manischen Wiederholungszwang, dessen Vokabular in den Werken Adolf Hitlers gesammelt vorliegt.

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Es ist sein »Politisches Testament« vom 29. April 1945, das seitdem abgearbeitet wird, sein letzter Wille, dem »internationalen Judentum und seinen Helfern« den totalen Krieg zu erklären und dafür immer wieder aufs Neue im deutschen Staat die so klassenübergreifende wie die Klassen in sich aufhebende Volksgemeinschaft zusammenzuschweißen, d.h. das Mordkollektiv, das in erlogener, präventiver Notwehr sich dagegen erhebt, dass »die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden«. Bei diesem Hass auf die Juden, der sich antikapitalistisch aufführt, aber doch nur auf die Aufhebung des Kapitalverhältnisses in unvermittelt erste Natur hofft, bei dieser schon vegetativen Aversion gegen Geld und »Mammon«, kann man unmöglich wissen, ob der DGB oder die Deutsche Arbeitsfront oder Dr. Joseph Goebbels selber spricht wie hier: »Das Geld muss wieder der Wirtschaft und die Wirtschaft wieder dem Volke dienen.« Dieser Hass, den man gemeinhin, weil ökonomisch in Phrasen wie »Brechung der Zinsknechtschaft« etc. pp. drapiert, als den Antisemitismus schlechthin bezeichnet, muss sein auch politisches Gesicht herauskehren, seinen Plan einer kapitalen Souveränität. Die antisemitische »Kritik« der Ökonomie erfordert und impliziert die antizionistische »Kritik« der Politik. Und wie sich die negative Utopie der Verwandlung von Ausbeutung und Akkumulation in die erste und fraglose Natur der Volksgemeinschaft zum Antisemitismus ausformt, so zeigt sich die barbarische Hoffnung auf die Verwandlung von Herrschaft und Souveränität in einen Staat des ganzen Volkes als Antizionismus. Das authentische Programm des Nazifaschismus besteht darin, dass Hitler von Anfang an nur insofern Antisemit sein konnte, wie er unmittelbar und zugleich als Antizionist auftrat. Als Hitler am 13. August 1920 im Hofbräuhaus unter dem Motto »Wie kannst Du als Sozialist nicht Antisemit sein?« seine erste dokumentierte Rede gegen die Juden hielt, da sprach er in einem Atemzug gegen jedwede Staatlichkeit der Juden in Palästina. Überhaupt beobachteten die Nazis überaus genau die politischen Handlungen des Jischuw. Als dann nach 1938 mehrere Auflagen der Palästina-Kommentare Alfred Rosenbergs unter dem eben nur auf den ersten Blick befremdlichen Titel »Der staatsfeindliche Zionismus« erschienen, war klar, wie überaus intensiv die Spaltung, die die Nazis am Kapital vollzogen, als sie es in »raffendes« und »schaffendes« zerlegten, eben der Spaltung der Herrschaft in einen »mechanischen« Staat einerseits, den »organischen« Souverän andererseits bedurfte. Und konsequent heißt es dann in Hitlers unveröffentlichtem, so genannten »Zweiten Buch« von 1928: »Das jüdische Volk kann mangels eigener produktiver Fähigkeiten einen Staatsbau räumlich empfundener Art nicht durchführen … «

Erst mit dem Antizionismus war der Antisemitismus vollständig. Doch derselbe deutsche Souverän, der an der Rampe von Auschwitz zur integralen Praxis seiner selbst kam, wurde zum Glück vor El-Alamein zum Stehen gebracht. Weder ist daher der Antizionismus ein bloßer Import aus den maroden Weiten des Marxismus-Leninismus, noch ließe sich in Deutschland zwischen Antizionismus und der so genannten legitimen Israel-Kritik unterscheiden. Ob vor über 30 Jahren eine von der DKP importierte ML-Broschüre mit dem Titel »Zionismus: Lüge von A bis Z« erklärte, »die Gründung eines ›Judenstaates‹ war den zionistischen Führern … lediglich ein Mittel … zur größtmöglichen Bereicherung um der Macht und des parasitären Wohlergehens … willen«, ob die Junge Welt von vorgestern und übermorgen Israel als ein »Staatswesen« denunziert, »das sich nicht auf die Gesamtheit seiner Bürger, sondern auf das gesamte jüdische Volk, wo immer sich das auch befinden mag, bezieht«, d.h. als das Staatsunwesen schlechthin, ob die Gruppe Arbeitermacht (»Liga für die Fünfte Internationale«) den Zionismus selbst für »ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung« hält – diese Propaganda von links harmoniert so innig mit der Agitation von rechts, dass man darüber fast zum Parteigänger des Liberalismus und seiner totalitarismustheoretischen Projektionen werden könnte. So heißt es in einem Buch aus dem rechten Grabert-Verlag: »Philosemitismus und die uneingeschränkte Solidarität mit Israel gehören zur bundesdeutschen Staatsräson. … 

Die extremste Form des Philosemitismus in der BRD ist der öffentlich verbreitete Hass auf das eigene Volk.« Ist also Rot gleich Braun, zumindest in Sachen Israel? Ja und nein: Denn die Konkurrenz der Genossen mit den Volksgenossen ist der Wettbewerb darum, wer der Erste sein wird, das auszusprechen, was die Mitte sich noch nicht traut, wobei sie aber im möglichen Zusammenbruch des Kapitals ihre Hemmungen verlieren könnte. Schon beschwört die Wirtschaftspresse den nächsten »Schwarzen Freitag«, d.h. eine Krise, »die sich wie ein gefährliches Gift in einem Körper ausbreitet«, während man sich nach dem »echten Wert« sehnt. Als Rhetorik der Krisenangst liegt der Antisemitismus längst bereit, auch als die panische Gier nach dem krisenenthobenen, dem absoluten Wert, den das souveräne Gewaltmonopol garantieren soll, zeigt er sich. Der Liberalismus produziert seine eigenen Extreme; es ist seine politökonomische Logik, die die Nazis als ihre Bilanz der großen Krise zogen: »Die Arier hatten das Papier, die Juden aber das Gold und den Wert.« Und daraus folgt notwendig die Denunziation des Zionismus als eines zur eigentlichen Staatlichkeit unfähigen Projekts, d.h. als so unbefugt wie impotent zu »bodenständigem Bauerntum, rechtschaffenem Arbeitertum, wehrhaftem Soldatentum und ehrsamem Bürgertum«. Kein Wunder daher, »dass die Araber stets mit dem anerkennenswerten Fanatismus einer orientalischen Rasse ihre Heimat schützen werden«.

Als die Wiedervereinigung der Antisemiten (BRD), die genötigt worden waren, sich mit Israel zu arrangieren, mit den Antizionisten (DDR), denen nur erlaubt war, die Juden in Form der »Zionisten« zu hassen, sich 1989 vollzog, waren alle formellen Bedingungen der deutschen Souveränität wiederhergestellt, die es möglich machen, Hitlers Testament doch noch zu vollstrecken, d.h. die Shoah durch ihre Vollendung und restlose Vollstreckung an Israel ungeschehen zu machen. So trifft das paradoxe Resümee erst jetzt zu, das der Politologe und Philosoph Eric Voegelin 1964 aus dem Verhältnis der Deutschen zu Hitler zog: »Nichts gelernt und nichts vergessen.« Es ist diese Permanenz des Nullpunkts materialistischer Aufklärung, in der sich der Wiederholungszwang breitmacht.