Die Kontroverse zwischen Alice Schwarzer und den Alphamädchen

Kampf ums Alphafeminat

Die jüngste Kontroverse zwischen Alice Schwarzer und dem feministisch-­publizistischen Nachwuchs verdeckt die gemeinsamen Interessen.

In ihrer Dankesrede am 4. Mai hat die mit dem Ludwig-Börne-Preis ausgezeich­nete Alice Schwarzer die jüngeren Pro­tagonis­tinnen auf der Bühne des deutsch­sprachigen Feminismus abqualifiziert: Sie wür­den einen »Wellness-Feminismus« propagieren und agierten ebenso geschichtslos wie kaltherzig. Jana Hensel und Elisabeth Raether, die Autorinnen von »Neue deutsche Mäd­chen«, sowie das Autorinnen-Trio Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl von »Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht« (der Titel ist wesentlich plakativer als das Buch selbst) hatten sich zuvor von Alice Schwarzer distanziert. Während die »Alphamädchen« sich über die Omnipräsenz von Schwarzer beklagen (»Leider ist der Feminismus in Deutschland zu einer Art ›Privatsache Alice Schwarzer‹ geworden«), sind die »Neuen deutschen Mädchen« (Hensel / Raether) von der thematischen Ausrichtung Schwar­zers abgeschreckt. Ihrer Meinung nach beschäftige sich Schwarzer nur noch mit Porno­grafie und Pros­titution sowie mit der »Unterdrückung der Frau im Islam«, wobei diese Unterstellung auf mangelnder Kenntnis von Schwar­zers Werk beruht.
Auch meinen sie, dass Schwarzer die Belange von jüngeren Frauen nicht mehr vertritt: »Die Zeit hat sie eingeholt, ihre Rhetorik ist oll, Alice Schwarzer und ihre Frauen sind Historie geworden.« Alice Schwarzer als Institution nervt auch sie: In einer Antwort auf die Börne-Preisrede schreiben Hensel und Raether in der Süddeutschen Zeitung: »Offenbar interessiert es Alice Schwarzer so wenig wie den Rest der Welt, was junge Frauen zu sagen haben.«
Dass Alice Schwarzer von den »Mädchen« plötzlich wieder in die Rolle der »ollen Emanze« gedrängt wird, hat etwas Perfides, schließlich ist es genau jene Zuschreibung, mit der die Journalistin zu Beginn ihrer Karriere ständig konfrontiert war. Doch auch wenn Schwarzer zuerst angegriffen wurde, überraschte ihre kategorische Ablehnung der Jüngeren. Denn sie selbst spricht seit Jahr und Tag davon, dass die Spaltung von Frauen in verschiedene Lager schon immer die effektivste Strategie gewesen sei, den Einsatz für mehr Gleichberechtigung zu unterminieren.
Und: Wenn man sich mit den gegenseitigen Beschuldigungen beschäftigt, beschleicht einen das Gefühl, dass künstlich Fronten aufgebaut werden. Schwarzers Vorwurf gegen die »Alphamädchen« kann man leicht entkräften. Ent­politisierten Wellness-Feminismus kann man ihnen nicht vorwerfen, höchstens mangelnden Internationalismus, wobei die Autorinnen eingangs deutlich machen, dass ihr Buch nur einige Felder abdeckt. Sie wettern gegen eine »sexistische Sprache«, schreiben über »Moneten, Mütter und Maloche« und über weibliche Partizipation in der Politik – um nur ein paar Themen herauszugreifen. »Dieses Buch ist mit einer guten Portion Wut geschrieben«, heißt es in der Einführung.
In ihrem Essay »Warum wir einen neuen Feminismus brauchen« schreibt die 24jährige Meredith Haaf auf Zeit online: »Es gehört aber auch zum Feminismus, sich intellektuell mit Themen wie Pornografie oder der Prävention von sexueller Gewalt auseinanderzusetzen. Sich nicht immer nur still über die vielen nackten Frauenhintern in der Werbung zu ärgern, sondern einfach einen Brief zu schreiben oder eine Protestaktion im Internet zu starten.« »Wir Alphamädchen« liest sich streckenweise wie die coole Version eines Schwarzer-Buchs. Die drei Musikjournalistinnen schimpfen mit viel Drive über die Sexualisierung der Frau in den Medien, führen weibliches Rapper-Beiwerk in Pelz und Bikini auf High Heels an. Bei Schwar­zer sind es dann eben Sekretärinnen in Kostüm, die auf »Pfennigabsätzen« herumstaksen. Man kann viele Parallelen finden. Während Hensel und Raether den Blick hauptsächlich (aber nicht nur) aufs Private verlegen und ihr Buch eher introspektiv, ein wenig still, daherkommt, haben die »Alphamädchen« einen Furor, wie man ihn sich schon lange mal wieder gewünscht hat.
Die mediale Beachtung ist dabei kein Nachteil. Wenn Feminismus kein Nischendasein fristen soll, kann man sich doch über das allzu oft nur auf Männer kaprizierte Medieninteresse nur freuen. Das Gleiche gilt für den Erfolg von Jana Hensel und Elisabeth Raether. Warum sollen denn Interessierte, die sich bisher nicht mit Feminismus beschäftigt, aber Hensels »Zonenkinder« gern gelesen haben, nicht auf diese Weise an die Thematik herangeführt werden? Erfolg kann eine Autorin doch nicht von vornherein disqualifizieren.
Ein Unterschied zwischen den Emmas und den Alphas besteht allerdings darin, dass, wie Haaf, Klingner und Streidl sagen, der Kampf heute weniger gegen Gesetze (wie damals gegen den § 218) als vielmehr gegen Strukturen geführt werden muss.
Die Kritik an Strukturen erfordert eine an­de­re Vorgehensweise, die aber nicht a priori leidenschaftslos oder feige ist, wie dies manchmal an­klingt. Hensel und Raether haben in »Neue deutsche Mädchen« über die subtilen Formen der Ausgrenzungen im Kulturbetrieb berichtet und kommen zu einem Ergebnis, das ebenso gut in der Emma hätte stehen können: »Im Büro (…) stoßen wir an enge Grenzen. Hier sind Män­ner noch allzu oft unsere Gegner. Sie machen die Wirklichkeit – beinahe überall – unter sich aus.«
Ihre Aussage »Unser Buch ›Neue deutsche Mädchen‹ beschreibt in autobiografischen Essays das Lebensgefühl einer Generation junger Frauen« ist jedoch problematisch. Denn Hensel und Raether beschreiben nur einen sehr kleinen Wirklichkeitsausschnitt ihrer Generation – sie geben Einblicke in das Leben zweier mate­riell privilegierter junger Frauen. Interessanter ist ihr Vorwurf an Alice Schwarzer: »Der Feminismus, dessen Parole einmal lautete, das Private ist politisch, hat das, was uns privat beschäftigt, immer als banal abgetan. Er hat das Thema Liebe und Sex den Frauenzeitschriften und der Ratgeberliteratur überlassen.« In ihrem Buch haben Hensel und Raether dann entsprechend viel über private Erfahrungen mit Männern berichtet. Doch Schwarzer unterschätzt die von ihr als »Post-Girlies« titulierten Autorin­nen, denn hinter der Haltung, erst einmal das eigene Leben zu befragen, ohne daraus weltum­spannende ideologische Konzepte zu generieren, kann Bescheidenheit und Realitätssinn ste­cken. Es ist zumindest die Ausdrucksform einer Generation, die sich in einer sehr komplex gewordenen Wirklichkeit mit Handlungsanweisungen und schnellen Deutungen zurückhält. Der Blick wird aufs Partikulare gerichtet, ist aber durch die Naheinstellung nicht unbedingt weniger scharf.
Vielleicht ist das bewusste Ausklammern von deprimierenden Zuständen jenseits des eigenen Lebens, von denen man meint, sie eh nicht ändern zu können, aber auch ein Signum allzu vorauseilender Resignation und Mutlosigkeit.Was man bei Hensel und Raether vermissen kann, ist der Blick hinaus über den Tellerrand des eigenen Milieus. Da trifft man sich mit dem gerade angesagten Fernbeziehungspartner alle naselang in Rom, Nizza, Barcelona oder Ant­wer­pen. Und: Von queeren Lebensentwürfen ist weder bei den »Alphamädchen« noch bei den »neuen Deutschen« auch nur ein Wort zu lesen. Das Thema wird nicht nur marginalisiert, es existiert schlicht nicht. Während Haaf, Klingner und Streidl die thematische Begrenztheit ihres Buchs eingeräumt haben, möchte man bei »den« neuen deutschen Mädchen zurückfragen: Gehören queere Lebensentwürfe denn nicht auch zum Lebensgefühl unserer Generation?
Dennoch stellt sich die Frage: Gibt es – inhaltlich – wirklich einen Generationskonflikt? Ist es nicht normal, dass viele gesellschaftspolitische Projekte, wenn sie von der jüngeren Generation weiterverfolgt werden, dabei einen gewissen Transformationsprozess durchlaufen? Sind Unterschiede in Diktion und Habitus wirklich essenzieller Natur? Sind diese Differenzierungen sinnvoll, um das eigene Arbeitsfeld zu konturieren und sich mittels konstruktiver Reibung aneinander identitär weiterzuentwickeln, oder wird die nötige Energie dann ins Binnensystem feministischer Auseinandersetzung verlagert, anstatt gesellschaftspolitisch wirkungs­voll nach außen eingesetzt zu werden?
Wenn man von einem »Generationskonflikt« ausgeht, steht man sich mit der medialen (Über‑) Inszenierung desselbigen nicht eher selbst im Weg? Julie Mangold, 22, Gründerin der StudiVZ-Gruppe »Feminismus ist sexy«, meint: »Als Utopie des neuen Feminismus sehe ich nicht die coole Einzelkämpferin. Hier ist mehr Solidarität unter den Frauen gefragt, vor allem im Arbeits­leben. Solange sie sich gegenseitig bekämpfen, wird dies nicht als emanzipiert begriffen, sondern als Zickenterror belächelt.« So doof das klingt, sie hat Recht. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen werden den feministischen Bewegungen schaden. Auch die Schriftstellerin Ra­bea Edel, 25, meint: »Statt des Griffs in die antifeministische Klamottenkiste (siehe F-Klasse vs. Kinderwagen-Eva) sollte besser das Alte mit dem Neuen verbunden werden.«

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