Warum Deutschland gegen Österreich immer verlieren wird

Die Schmach und der Schmäh

Die deutsche Nationalmannschaft mag gegen die österreichische noch so viele Tore erzielen, ohne Schmäh werden die Deutschen immer verlieren.

Eines der bekanntesten Prosastücke der jüngeren deutschen Literatur trägt den schönen Titel »Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter«. Nicht zufällig ist der Autor dieses furiosen Werks, Peter Handke, Österreicher. Ich bin auch Österreicher, wobei ich mir das seit vielen Jahren immer wieder überlege. Denn Österreicher zu sein, zumal in Deutschland, hat nicht nur Vorteile. Nein, es ist nicht der ewigdämliche und wiederkehrende Treppenwitz, dass die Österreicher einen verhinderten Kunstmaler als Führer exportiert haben (worauf die immer gleiche, ewigdämliche Antwort kommt: Bei uns war er im Obdachlosen­asyl, bei euch in der Reichskanzlei), sondern die soziale Ausgrenzung, die man als Österreicher erfährt, wenn man mit Deutschen über Fußball redet. Österreich gilt als nicht satisfaktionsfähig. Auch der Erfolg, den der Sportclub Rapid Wien im Jahr 1941 feierte, als er Deutscher Meister wurde, war nach 1945 etwas schwieriger zu vermarkten.
Kaum ein Österreicher interessiert sich für die in den kommenden Wochen im eigenen Land stattfindende Europameisterschaft im Bolzen. Doch Vorsicht: Die tun nur so. Hans Krankl ist Nationalheld, aber das hat in Österreich noch nie etwas bedeutet. Viel wichtiger ist, was Heldentum bedeutet. Hans Krankl hat vor 30 Jahren die deutsche Nationalmannschaft im argentinischen Cordoba besiegt. Interessanterweise kennt fast jeder deutsche Fußballfan, insbesondere der, der sich über die Lächerlichkeit der österreichischen Spielqualitäten lustig macht, die »Schmach von Cordoba«. Eine Schmach ist etwas, was man eigentlich nicht wieder gutmachen kann. In den ver­gangenen 30 Jahren gab es immer wieder Länderspiele, in denen die deutschen Spieler 90 Minuten lang in Ballbesitz waren und das österreichische Tor ununterbrochen getroffen wurde. Trotzdem skandierten die österreichischen Fans mit hinterfotzigem Gesang unterlegt den guten alten Schlachtruf »Immer wieder, immer wieder, immer wieder Cordoba«. Mit anderen Worten: Es ist uns komplett egal, ob ihr und wie oft ihr gegen uns gewinnt. Ihr könnt vielleicht ein Spiel gewinnen. Aber den Krieg haben wir gewonnen.

Man macht sich einen historischen Triumph nicht dadurch kaputt, dass man dem Gegner eine zweite Chance lässt. Wann immer auch deutsche Spieler auf österreichische Fußballer treffen, sehen die Österreicher komplett desinteressiert aus. Sie bewegen sich nicht, trippeln lustlos am Ball. Ihr Gesamtengagement beschränkt sich höchstens auf subtile Ehrenbeleidigungen. Österreichische Spieler im Mannkontakt mit deutschen Spielern flüstern ihnen nicht, wie andere, ins Ohr, dass ihre Mutter und Schwester Halbgewerbliche seien, sondern sagen ganz leise nur: »Cordoba«. Das genügt, um das Nervenkostüm der deutschen Fußball-Aggressoren zu ruinieren. Das ist ungeheuer schlau und erklärt auch, warum die Österreicher trotz Europameisterschaftsrummel so tun, als ob ihnen Fußball komplett egal wäre. Das ist eine geniale Taktik.
Fußball ist Krieg. Aber was nützt es, wenn man den gewinnt, wenn sich der Gegner auf dem Schlachtfeld nicht wehrt, sondern sich mit gelangweiltem Gesichtsausdruck lustlos zusammenfalten lässt? Die Österreicher machen das, weil sie den Deutschen nicht nur den Triumph nicht gönnen, sondern auch, um sie zu deprimieren. Das klappt seit Cordoba ausgezeichnet. Und deshalb ist die deutsche Mannschaft der österreichischen auf immer und ewig unterlegen.
Die Schmach von Cordoba kann nur mit etwas durchbrochen werden, was Deutschen naturgemäß nicht liegt: mit subtiler psychologischer Kriegsführung statt knallhartem Draufhauen. Dabei wäre das gar nicht so schwer. Es gibt ein paar Zauberwörter, mit denen man jeden österreichischen Spieler komplett aus der Fassung bringt. Flüstert man nur eines der Wörtchen »Lands­krona«, »1990«, »Färöer«, »Nielsen«, dann ist der Gegner auf 180. Dann könnten die Deutschen locker Tore schießen und sagen, die Österreicher hätten Widerstand geleistet, aber mehr sei nicht drin gewesen.
Bei ihrem ersten Länderspiel überhaupt gewann nämlich die färöische Elf am 12. September 1990 im schwedischen Landskrona mit 1:0 gegen die österreichische Nationalmannschaft, Torschütze war Torkil Nielsen. Landskrona ist das Stalingrad des österreichischen Fußballs, ein nationales Trauma, das die wenigen Erfolgserlebnisse österreichischer Fußballer vollkommen neutralisiert. Aber schaffen das Deutsche? Kriegen sie das hin? Ich fürchte, nein. Da steht die sportliche Ehre im Weg. Es muss doch auch so gehen! Nein, es geht nicht so. Und deshalb gilt, egal, was passiert: Österreich ist im Fußball unbesiegbar. Wir fangen nämlich gar nicht erst an.

Wolf Lotter ist Mitbegründer und Redakteur der Zeitschrift »brand eins«.

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