Der Mord an einem Vietnamesen in Berlin

Der Blockwart regelt das

Am Mittwoch voriger Woche wurde in Marzahn ein vietnamesischer Zigarettenverkäufer brutal mit Messerstichen getötet. Die Polizei kann kein rassistisches Motiv erkennen.

Anzeige

Straßenlampen in futuristischem Design blicken wie große Augen von den Laternenmasten herab. Kleine Wege führen zwischen Plattenbauten, Rosenbeeten und Läden hindurch, vorbei an einem Kinderspielplatz. Die Sonne bren­nt vom Himmel, es ist heiß. Hier im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, an der Allee der Kosmonauten und in der Nähe des kürzlich geschlossenen Ki­nos »Sojus«, lebte früher das Establishment der DDR. Lenin wohnt immer noch hier. Faul liegt er auf dem Boden des Zigarettenkiosks in der Mitte des Platzes, streckt sich und schließt die Augen. Sein Herrchen lehnt an einem Stehtisch und prostet ihm mit seiner Bierflasche zu. Mit ernsterer Miene sagt der Mann: »Ja, ich denke, ich habe den Mörder gekannt, sein Hund hat manchmal mit Lenin zusammen gespielt.«

Wenige Meter vom Zigarettenladen entfernt wurde am Tag zuvor ein junger vietnamesischer Zigarettenverkäufer niedergestochen. Vor dem Supermarkt um die Ecke, gleich neben dem Rosenbeet, wartete er morgens um 10 Uhr auf Kundschaft. Ein Mann kam auf ihn zu und wol­lte ihm die mit geschmuggelten Zigaretten gefüllte Tüte wegnehmen, ohne zu bezahlen. Die beiden stritten, der »Kunde« rief die Polizei. Er halte einen »Illegalen« fest. »Regelt ihr das oder muss ich das selber machen?« soll er der Berliner Morgenpost zufolge am Telefon gesagt haben. Kurz vor dem Eintreffen der Beamten stach er nach dem Polizeibericht mit einem Messer auf den Zigarettenhändler ein und flüchtete. Als die Polizei ankam, lag der junge Vietnamese blutend am Boden.
Sanitäter konnten den Schwerverletzten zunächst noch reanimieren. Bei der Operation in einer Berliner Klinik erlag der junge Mann jedoch seinen Verletzungen.
In den vergangenen Monaten habe der Vietnamese in Marzahn mit seiner Freundin zusammen gelebt, sie sei im siebten Monat schwanger. »Er war ein total Netter«, sagt der Verkäufer im Kiosk. »Er war Stammkunde bei mir, und als Konkurrenz, obwohl er ja auch Zigaretten verkaufte, habe ich ihn nie gesehen.« Den mutmaßlichen Täter Tino W., den Polizisten kurz nach der Tat in seiner Wohnung festnahmen, kennt der Kiosk­verkäufer ebenfalls. Ob die Tat rassistisch motiviert war, traut er sich im Gespräch mit einer Zeitung nicht einzuschätzen. Allerdings sagt er, er glaube, W. habe den Mord zuvor geplant.
Auch anderen Anwohnern zufolge hat der mutmaßliche Mörder seine Tat schon länger angekündigt. Nach einem Bericht des Berliner Kurier soll er mehrfach zu Bekannten gesagt haben, dass »diese Fidschis« endlich verschwinden sol­len. Die Berliner Morgenpost online will erfahren haben, dass er ankündigte, »selbst etwas dagegen zu unternehmen, wenn die Behörden schon nichts tun«. Doch die Polizei ermittelt wegen Totschlags. »Es gibt keine Hinweise für eine rassistische Tat«, sagte der Leiter der zuständigen Mordkommission, Thomas Scherhand, am Freitag der Jungle World.

In vielen Medienberichten wird das Bild eines drogensüchtigen Irren als Täter gezeichnet. Der stellvertretende Bezirksvorsitzende der »Linken«, Björn Tielebein, will das aber differenzierter sehen. »Natürlich möchte ich über die Hintergründe der Tat nicht spekulieren, da hat die Polizei noch viel zu klären. Aber der Täter hat sich da schon eine spezielle Opfergruppe ausgesucht, und dem liegt ein rassistisches Bild zugrunde«, sagt der Lokalpolitiker der Jungle World. In Marzahn hätten sich in letzter Zeit Übergriffe auf die vietnamesische Minderheit gehäuft. Erst im Februar habe es beispielsweise einen Überfall auf die vietnamesische Besitzerin eines Blumenladens gegeben. »Das Problem ist die Wahrnehmung, die die Mehrheitsgesellschaft von den Viet­namesen hat«, sagt Tielebein. Es gebe das Bild des Migranten als »Bürger zweiter Klasse«. »Das führt so weit, dass manche denken, es sei legitim, selbst zur Waffe zu greifen.« »Latenter Rassismus und Hass« herrschten in der Bevölkerung.
Bei dem 35jährigen Tino W. handelt es sich meh­reren Einschätzungen nach »nicht um einen rechten Gesinnungstäter«. Die Tat zeige vielmehr die Auswirkungen und die Gefahr von Alltagsrassismus, sagt etwa Johannes Becker vom Antifaschistischen Bündnis Marzahn-Hellersdorf (ABM). »In der Öffentlichkeit steht der Täter jetzt als einzelner Irrer da«, sagt Becker, »über die Einstellung, die der Tat zu Grunde liegt, wird aber nicht geredet.« Das Bild vom »Fidschi, der den Staat bescheißt«, sei weit verbreitet. Doch die Gesellschaft delegiere das Problem an den »sozialen Rand«. Auch dass Vietnamesin­nen und Vietnamesen häufig keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis hätten und daher nicht gleichberechtigt seien, werde nicht beachtet. Und dass diese Voraussetzungen eine Blockwartmentalität und die Neigung zur Selbstjustiz förderten, auch nicht. Deswegen, und aus Anteilnahme mit den Hinterbliebenen habe das ABM eine Mahnwache für den Ermordeten in Marzahn organisiert.

Am Sonntag hängen dicke Wolken über den Hochhäusern am Helene-Weigel-Platz. Es nieselt vom dunklen Himmel herab. Rund 100 Personen versammeln sich zur Mahnwache – Antifas, Bewohner von Marzahn, Punks, die vom in der Nähe stattfindenden Festival »Resist to Exist« vorbeischauen, und Berliner aus den unterschiedlichsten Bezirken, die aus der Zeitung vom Tod des jungen Mannes erfahren haben. Nur Viet­namesen sieht man kaum.
»Die Tat hat uns total schockiert«, sagt eine der wenigen Vietnamesinnen. Mehr möchte sie nicht sagen. »Vietnamesen wollen sich selten äußern, da sie nicht zwischen die Fronten kommen wollen«, erklärt die Person neben ihr. Tamara Henschel ist Mitarbeiterin des Vereins Reis­trommel, der sich für die vietnamesische Minderheit in Berlin und in den neuen Bundesländern »unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus« einsetzt. »Aber es sind auch deswegen we­nige da, weil der Aufruftext nicht ins Vietnamesische übersetzt wurde«, erklärt Henschel. Sie selbst habe eigentlich gerade Urlaub, so wie die meisten Mitarbeiter der Migrantenvereine.
Gegen halb vier bewegt sich die Menge vom Treffpunkt zum Tatort. Ein Transparent mit der Aufschrift »In Gedenken dem Ermordeten. Kein Mensch ist illegal« führt den Trauerzug an. Der Regen wird stärker. Die Rosen, die am Treffpunkt verteilt wurden, lassen die Köpfe hängen. Im hinteren Teil des Trauerzugs geht der Viet­namese Vu, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. »Ich bin extra quer durch Berlin hergefahren und demonstrie­re gegen Gewalt. Ich habe in der Zeitung von der Mahnwache gelesen«, sagt er. Vietnamesen, die hier wohnen, kenne er nicht. In fließendem Deutsch sagt er, auch er finde, dass auffallend wenige bei der Mahnwache dabei seien.
Durch die Unterführung an der Allee der Kosmonauten, vorbei am Spielplatz und dem Kiosk, zieht die kleine Demonstration weiter zum Supermarkt. Neben Kerzen, einem Häufchen Sand und einem Stein befindet sich hier nun in Gedenken an den ermordeten Vietnamesen ein weiteres kleines Blumenbeet aus niedergelegten Rosen.