Geschmackspolitische Betrachtungen über Angela Merkel

Frau und Karriere

Angela Merkel als Prototyp weiblich-deutscher Führungskraft. Eine ge­schmacks­politische Betrachtung.

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Wer sich im antifaschistisch runderneuerten Schröder-Deutschland, das im Namen von Adornos ethischem Imperativ Krieg gegen die Gefahr eines »neuen Auschwitz« zu führen und noch das barbarischste Kleinvolk im Geiste eines »Europas der Nationen« zu »befreien« sich getraute, irgend­wie unwohl fühlte, der mag auf Angela Merkel gewisse Hoffnungen gesetzt haben. War doch Schrö­ders stolze Berufung auf die deutschen Leh­ren aus der Vergangenheit zwecks Legitimation gefühliger Anteilnahme an allen möglichen europä­ischen Schandtaten untrennbar vom burschikos-hemdsärmeligen Habitus des »Auto-Kanzlers«, der eben auch innenpolitisch markig auf den Tisch zu hauen vermochte, um als virile Inkarnation der Konsensdemokratie soziale Zwistigkeiten nach dem Muster des paternalistischen Mittelstandsunternehmers zu versöhnen. Schröder als potenter »Macher«, als sozialdemokratisches »Alpha­tierchen« und als nicht von kalter Vernunft, sondern von basisdemokratischem Urinstinkt ge­steuerter »Mann des Volkes«: Bei so viel politisch gelebtem Vitalismus kam manchmal auch abgedankten Liberalen der Frühstückskaffee und mit ihm das politische Gewissen hoch. Schneller und bereitwilliger wurde denn auch selten ein Kanzler hierzulande dem Vergessen anheim gegeben.
Merkels geschmackspolitischer Vorteil gegen­über Schröder war nicht so sehr ihr Frausein – das diente lediglich als Rohstoff einiger singulär missglückter Titanic-Karikaturen, die Merkels sym­pathische Indifferenz gegenüber Mode und Medialität mit ähnlicher Häme thematisierten wie Kohls Wohlgenährtheit –, sondern das unge­wohn­te Gefühl, unter all den Moral-, Emotions- und Kraftprotzen des Fernsehalltags sei hier plötz­lich jemand aufgetaucht, dem man länger als fünf Minuten zuhören könne. Hinzu kam, mit welch erstaunlicher Konsequenz Merkel es schaffte, gerade nicht auf all jene Tickets zu setzen, die ihr kurzlebigen Erfolg bei einzelnen Wählergruppen verschafft hätten: Bis heute geriert sie sich weder als frauenpolitische Wortführerin einer bislang weitgehend ungegenderten Partei, noch wirft sie sich als genuine Ostdeutsche in die Brust, die allem Erfolg zum Trotz ihre Herkunft nicht vergessen habe und tiefsinnigen Anteil an der gefühlten Marginalisierung ihrer dauerbeleidigten Sandkastengenossen nehme. Beides kann man böswillig als geschickten Umgang mit individuellen Mängeln auslegen: Als »Frau« stünde sie, Titanic-Leser wissen es, neben Condoleezza Rice sowieso nicht besser da, und mit Anbiederung ans habitualisierte Zone-Bewusstsein, des­sen Exzesse politisch nun einmal nicht recht mehrheitsfähig sind, mag man als Regional­politiker Karriere machen, fällt im internationalen Zusammenhang aber wegen zu viel Provinzialität zwangsläufig durch. Eben deshalb waren es Merkels Überwindung ihrer regionalen Wurzeln wie auch ihre in der publizistischen Öffentlichkeit vollzogene Loslösung vom väterlichen Mentor Kohl, die ihr langfristig Sympathien sicherten.

Die im Vergleich wahrscheinlich geringen, aber doch schätzenswerten zivilisatorischen Fortschritte, die durch Merkel auf der politischen Büh­ne hierzulande Einzug gehalten haben, sollten nicht übersehen werden: Wie angenehm nimmt sich gegenüber einem patzigen Kanzler-Chef mit Bildzeitungs-Exfrau eine Kanzlerin aus, deren Ehemann so nüchtern und bescheiden auftritt, dass er sie nicht einmal bei ihren wichtigsten Ter­minen begleitet. Und wie berührend ist es mitzuerleben, wenn Merkel trotz diverser Talkshow-Coachings und kommunikativen Drills noch heute mitunter nicht verbergen kann, dass sie von ihrer ganzen Mentalität her im Grunde keine öffentliche Person ist und weit eher dazu neigt, sich zu verhaspeln, als lässig im Strom banaler Rede mitzuschwimmen. Merkels zeitweilig zum Bonmot gewordene Unauffälligkeit schließlich, die der deutsche Volkszorn politischen Repräsentanten ähnlich missgönnt wie ein auf entwickelte Genussfähigkeit hinweisendes Körpergewicht, macht sie inmitten einer Fernsehlandschaft aus Fratzen und Grobianen nachgerade zur Licht­gestalt. Das alles sind Petitessen, aber an diese, nicht ans große Ganze, heftet sich nun einmal der Geschmack.
Gerade eine geschmackspolitische Betrachtung, die sich, eben weil es ihr um Geschmack geht, vor zu großer Anlehnung an deutsche Befindlich­keiten hüten muss, kann es sich jedoch nicht versagen, auch auf Merkels Defizite hinzuweisen. Der zu Beginn ihrer Kanzlerschaft mehrfach gezogene Vergleich mit Margaret Thatcher vermag solche Defizite hervortreten zu lassen. Wie Thatcher steht Merkel nicht für »weibliche«, »weiche« Themen und »emotionale Intelligenz«, sondern für Karrierebewusstsein, instrumentell gehandhabten Konformismus und eine Tendenz zur Gefühlskälte in versorgungsstaatlichen Fragen. Wie Thatcher hat Merkel zunächst als Naturwissenschaftlerin Karriere gemacht, und wie Thatcher erscheint sie keineswegs als Marionette eines männlichen Beraterstabs, sondern stiftet gerade dadurch geschlechterpolitische Konfusion, dass sie eine »unfraulich« neoliberale Politik durchaus nicht krampfig und schamhaft, sondern selbstbewusst exekutiert.

Dass Merkel trotzdem eher als »Mutter der Na­tion« denn als »Eiserne Lady« in Erinnerung bleiben wird, liegt an den mentalitätsgeschichtlichen Unterschieden zwischen dem Land der Volksdemokratie und dem Land des monarchisch gestützten Parlamentarismus. Kalt und individualistisch wie in Großbritannien nämlich ist der Kapitalismus hierzulande nie aufgetreten. Während sich in der zynischen Gleichgültigkeit, die an Thatcher sogar viele ihrer Anhänger beängstigte, die genuin kapitalistische, aber eben auch wirtschaftsliberale Zumutung artikulierte, wonach jeder sein Leben selbst zu leben habe, ohne Hilfe durch Staat oder autoritäre Wohlfahrtsorganisationen, und buchstäblich für sich alleine leben und sterben müsse, verkörpert Merkels staatsmännische Schroffheit die Autorität des Volks­staats, der den Menschen hart, aber herzlich klarmacht, dass es für jeden besser sei, wenn es niemandem gut gehe. Während in Großbritannien unter Thatcher die sozialen Unterschiede dras­tisch wie nie zu Tage traten, damit aber eben auch als unversöhnte sichtbar wurden, werden sie unter dem Bilde Merkels, die raffgierige Manager ebenso im Namen des Volkes abmahnt wie asoziale Faulenzer, im Sinne eines Volksgemeinschaftsideals gekittet, das Individualismus nicht einmal als Zerrbild zulässt, sondern pathisch denunziert. Nur in Großbritannien, wo es Oberhausabgeordnete gibt, die an Außerirdische glauben, und die Unterhäusler sich in launigen Streitgesprächen mit Bleistiften bewerfen, konnte jemand wie Thatcher, die an der Spitze jeder anderen Nation als gewählte Volksfeindin erschei­nen würde, auf buchstäblich ehrfürchtige Weise verehrt werden. Merkel dagegen demonstriert, dass der destruktive Individualismus der Britin hierzulande in einen autoritären Paternalismus überführt werden muss, der zwar noch zerstörerischer, dafür aber gemeinschaftsstiftend ist.
Insofern ist Merkel eben doch die Fortsetzerin von Schröder. Und insofern ist ihr Frausein eben doch konstitutiv für ihr Amt: Thatcher wurde in Deutschland, wie ein Blick auf zeitgenössische Karikaturen belegt, als buschhaariges, klauenbewaffnetes Monster, als entsexualisierte, aber dafür politisierte Femme Fatale wahrgenommen. Merkel bleibt demgegenüber immer die Mutti, der man es nicht übel nimmt, wenn sie nicht immer wie aus dem Ei gepellt aussieht, solange nur ihr Eintopf schmeckt.