Preissturz im Heroinhandel

Der Stoff, aus dem die Schnäppchen sind

Würde der Geschäftsklimaindex unter Heroindealern eruiert, wäre das Ergebnis erschreckend. Der Preis für die Droge ist extrem niedrig.

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Schwankt der Goldpreis ein wenig, sinkt er gar oder steigt er nach einem saisonalen Tief nicht wieder zurück auf das alte Niveau, so sehen manche Händler, wie in diesen Tagen, bereits ihre letzten Gewissheiten schwinden. Fällt der Ölpreis, wie in den vergangenen Wochen, nach einem spektakulären Zwischenhoch wieder auf ein früher gewöhnliches Niveau, rufen andere den »Ölpreis-Schock« aus. Was eine wirkliche »Preistalfahrt« ist, das zeigt unterdessen, von vielen Analysten unbemerkt, ein Stoff, der international gehandelt wird, dem schon einmal der Krieg erklärt wurde und der für die Lebenshaltungskosten mancher Verbraucher wesentlicher ist als Schmuck und Kraftstoff zusammen. Die Rede ist vom Heroin.

Der letzte Preissturz, der bis heute nachwirkt, ereignete sich während der Schlafmohnsaison 2001/2002. Die Taliban waren im Jahr 2001 zeitweise aggressiv gegen die Drogenherstellung vorgegangen, woraufhin viele Heroinprodu­zenten in Afghanistan hektisch ihre jahrelang auf­gefüllten Lager räumten. Der Ausverkauf ­beschleunigte sich nach den Anschlägen vom 11. September und den absehbaren Gegenschlägen der USA noch weiter – und verursachte beim Heroinpreis weltweit einen freien Fall. Statt für 700 Dollar wurde das Kilo Rohopium in Afghanistan plötzlich für nur noch 90 Dollar gehandelt. Heroin wurde so günstig, dass es in Afghanistan, Pakistan und dem Iran teilweise das traditionell bevorzugte Opium ablösen konnte. Und während die Nachfrage im mittleren Osten auf diese Weise wuchs, erreichte der Stoff, der noch in den achtziger Jahren höhere Grammpreise erzielt hatte als Gold, den europäischen Markt nun erstmals als Discountware.
Heutzutage deckt Afghanistan mehr als 90 Prozent des weltweiten Heroinbedarfs. Weil der »Quasi-Monopolist«, wie die Uno das Land in ihrem Drogenbericht 2007 bezeichnete, aber im Gegensatz zu den Erdölexporteuren von der OPEC kaum Preisabsprachen zu Wege gebracht hat, sinken die Preise weiterhin.
Das Geschäftsklima in der Branche, der mehr als die Hälfte der afghanischen Landwirte angehören, wird durch die Präsenz der Nato-Truppen bislang kaum getrübt. Dass die Taliban sich heute vor allem dadurch finanzieren, dass sie den Schlafmohnbauern Schutzzölle abpressen, ist ein Gemeinplatz. Viele der mächtigen Unterstützer des Präsidenten Hamid Karsai tun allerdings nichts anderes. Als der ehemalige Vertre­ter der amerikanischen Anti-Drogen-Behörde in Afghanistan, Thomas Schweich, kürzlich im Magazin der New York Times beschrieb, wie die afghanische Regierung eine effektive Eindämmung des Opiumanbaus hartnäckig verhindert habe, konterte Karsai, in seiner Amtszeit seien mehr Drogenbarone und Schmuggler verurteilt worden als je zuvor. Den blühenden Geschäften hat das allerdings nur geringfügig geschadet – alles andere wäre der Stabilität der afghanischen Wirtschaft auch nicht zuträglich gewesen.
Bei den internationalen Truppen besteht Un­einigkeit darüber, ob und wie man sich des Themas annehmen soll. Um das Vertrauen örtlicher Bauern nicht zu verspielen, informierten britische Soldaten in der südafghanischen Provinz Helmand 2006 sogar auf Flugblättern darüber, dass sie nichts mit den vereinzelten Feldvernichtungen durch die US-Armee zu tun hätten. So nimmt der Anbau weiter zu.
Drogenforscher wie Janet Kursawe vom Hamburger Institut für Nahost-Studien gehen davon aus, dass die globale Heroinnachfrage bei unter 7 000 Tonnen pro Jahr liegt. Das Jahr 2007, in dem nach einer Rekordernte allein in Afghanistan 8 200 Tonnen Heroin hergestellt wurden, stellte den Weltmarkt demnach erstmals vor die ungewohnte Situation einer Überproduktion. Um die riesigen Mengen dennoch abzusetzen, kreierten Händler, wie Kursawe erzählt, kurzerhand neue Produkte: Auf dem iranischen Markt ist seither ein neues Heroinkonzentrat mit der Produktbezeichnung »Crack« erhältlich (der Name ist im Westen schon an eine andere Droge vergeben). Konsumenten überleben die Abhängigkeit sel­ten länger als einige Monate. Bis dahin ist die Nachfrage jedoch groß.

Das für Europa bestimmte Heroin hingegen, dessen Weg größtenteils über eine Schmuggelroute durch den Iran, die Türkei und die Länder des Balkans führt, wird seit einigen Jahren schwächer nachgefragt. Dem Heroin haftet, obgleich es in Punkto Rauschwirkung noch immer die »Nummer 1« ist, wie ein Berliner Suchtberater sagt, das Image einer Loser-Droge an. Zur alternden Zielgruppe stoßen daher nur wenige jüngere Konsumenten hinzu.
Das Angebot auf dem Schwarzmarkt ist dafür umso größer. Der Heroinpreis in Berlin könne »kaum noch billiger werden«, erklärte die damalige Berliner Drogenbeauftragte Elfriede Koller im Jahr 2001, als die Kosten für einen »Schuss« gerade auf 60 Mark gesunken waren. Dieselbe Menge ist heute für fünf bis zehn Euro zu haben.
Heroin sei inzwischen eine der billigsten ­Drogen überhaupt, erzählen die Mitarbeiter der Suchtberatung Königsberger 11 – der regelmäßige Konsum sei bei Heroin sogar günstiger als bei Cannabisprodukten. Ein positiver Effekt: Die Süchtigen müssen nicht mehr laufend große Scheine zum Kottbusser Tor oder zu den anderen einschlägigen Verkaufsorten tragen, ein paar Münzen reichen aus. Der Zwang zur Beschaffungskriminalität ist im Vergleich zu früheren Jahren deutlich geringer. Allerdings hätten gleichzeitig die möglichen Einnahmequellen für Süchtige abgenommen, gibt ein Sprecher des Drogennotdiensts zu bedenken. Auf dem Berliner Drogenstrich beispielsweise seien die Preise par­allel zu den Heroinpreisen gefallen. Geschlechtsverkehr gebe es dort inzwischen für zehn bis 15 Euro. Und geklaute Handys seien auch nicht mehr so viel wert wie früher.
Wenn der Heroinpreis sinkt, schrumpft auch die Gewinnmarge der Händler. Eine Möglichkeit für Dealer, auf die Situation zu reagieren und ihre Gesamteinnahmen dennoch einigermaßen konstant zu halten, besteht darin, ihre Kunden­basis zu verbreitern, d.h. weg von Einzellieferungen als Hausdealer, hinein in die offene Szene. Dort sind die Vertriebswege kürzer. Die verschärfte Konkurrenz erhöht jedoch wiederum den Druck auf die Preise. Rentabel bleibt der Verkauf an die Endverbraucher letztlich nur für diejenigen, die es schaffen, sehr große Mengen zu vertreiben. Und das sind wenige.

Die meisten versuchen, ihr Sortiment um profitablere Drogen zu erweitern, wie Drogenhilfseinrichtungen beobachten. Als lukrativ gelten momentan vor allem Amphetamine oder Cannabisprodukte. Allerdings, die »kulturellen« Grenzen zwischen den einzelnen Marktsegmenten sind für Straßenhändler nur schwer zu überwinden, wie man in der Geschäftsstelle der Bundesdrogenbeauftragten erfährt. Wer Partydrogen suche, gehe nicht zu einem Dealer, der selbst Heroin spritzt.
Eine andere Methode, um den Profit pro Gramm auch bei sinkenden Preisen zu erhalten, setzt bekanntlich beim Produkt selbst an. Was auf der Straße als Heroin verkauft wird, enthält genau genommen selten mehr als 30 Prozent der Droge. Der Anteil kann, wenn die Marktbedingungen es erfordern, jederzeit weiter gesenkt werden. In trauriger Regelmäßigkeit kommen Heroin-User deshalb zu Tode, weil sie an Stoff mit einem ungewöhnlich hohen Reinheitsgrad geraten sind, ihn aber in der Annahme dosiert haben, sie kochten sich, wie üblich, größtenteils Puderzucker, Laktose oder Paracetamol auf. Dabei sind die Chemikalien, die dem Heroin beigemischt werden, nicht gerade wirkungslose Substanzen. Das farblose Strychnin zum Beispiel, das wegen seiner kristallinen, dem Heroin ähn­lichen Form gelegentlich verwendet wird, kann schon in geringer Dosierung die Muskeln lähmen. Aber es ist äußerst günstig zu haben.
Der Straßenpreis für Heroin könnte womöglich sogar niedriger sein, wenn nicht noch der deutsche Staat den Markt nach Kräften verzerren würde. Schon für 300 Euro bekommt man in Essen oder Leipzig Heroin in einer Menge, auf die eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr steht. Das entspricht dem Strafmaß für Vergewaltigung oder Raub. Da Heroin-User aber im Allgemeinen nur ihre eigenen Venen zerstechen und sich Süchtige nur schwerlich durch Strafen abschrecken lassen, erklären viele Strafrichter die harte Linie des Gesetzes inzwischen weniger rechtlich als viel häufiger offen ökonomisch: Die Strafpolitik des Staates verteuere das »schädliche Gut«, und dies nicht nur im monetären Sinne. Ohne den Verfolgungsdruck, so beschreibt ein Hamburger Richter den Sinn seiner Arbeit, würde das Geschäft mit Heroin noch lukrativer sein. Das Risiko, bestraft zu werden, müssten Dealer nämlich »einpreisen«.
Wenn der Weltmarktpreis sinkt, verpufft dieser Effekt jedoch schnell wieder. Die Absurdität, dass jeder zehnte Häftling in deutschen Gefängnissen nicht wegen eines Angriffs auf eine andere Person, sondern wegen Drogenbesitzes oder Drogenhandels einsitzt, während hinter Gittern jede erdenkliche Art von Droge erhältlich ist, bleibt hingegen bestehen.
Im Mikrokosmos des Knasts herrschen wiederum ganz eigene Marktbedingungen. So bringt die staatliche Drogenpolitik, quasi als Nebenprodukt, noch ein echtes wirtschaftliches Kuriosum hervor: den letzten Ort in Deutschland, wo Heroin wirklich teuer ist.