Über den »summer of rage«

Rage, rage in the UK

In Großbritannien geht die Angst vor sozialen Unruhen als Folge der Wirtschaftskrise um. Sagt der Geheimdienst.

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Der Sommer könnte dieses Jahr früher anfangen. Zumindest in Großbritannien, davon ist die Londoner Polizei überzeugt. Seit David Hartshorn, Leiter der Abteilung für öffentliche Ordnung der Londoner Polizei, dem Guardian einen summer of rage vorausgesagt hat, geht in Großbritannien die Angst vor sozialen Unruhen um. Die Wut der Opfer der Finanz- und Wirtschaftskrise werde zu einer gewaltigen Protestwelle führen, sagte Hartshorn, dies werde die britischen Sicher­heitskräfte nicht unvorbereitet treffen, versicherte er. Hartshorns Prognose stützt sich auf Be­richte des Geheimdienstes MI5, die in der vergangenen Woche teilweise bekannt wurden. Darin ist nicht nur von top-secret contingency plans der britischen Polizei die Rede, sondern auch von einer Alarmbereitschaft der Armee für Einsätze im Inneren. Die totale Überwachung des öffentlichen Raums – Großbritannien ist das am stärksten viedeoüberwachte Land Europas – mag ja für die Bekämpfung von »antisozialem Verhalten« gut sein, gegen die soziale Wut helfen nur Soldaten.
Der »Sommer der Wut« könnte also bald losgehen, und zwar zu Beginn der Protestwoche gegen den Weltfinanzgipfel der G20 in London am 1. April. Vor allem Banken, die Hauptsitze transnationaler Konzerne und diverse Finanzinstitute könnten dabei schnell zu »Zielscheiben gewaltbereiter Demonstranten« werden, sagte Hartshorn. Tatsächlich ist die Mobilisierung gegen den Weltfinanzgipfel in Großbritannien derzeit groß. Diverse Gruppen, die zu Protestaktionen aufrufen, geben sich dabei besonders kämpferisch. »Die erste Aprilwoche könnte zu einer Protestwoche werden, die die politischen Leader der Welt nicht vergessen werden«, heißt es zum Beispiel im Aufruf der Stop The World Coalition. Doch nicht dieses Bündnis aus friedensbewegten Hamas-Fans, Trotzkisten der Socialist Workers Party und der der Muslimbruderschaft nahen Muslim Association of Britain bereitet den britischen Ordnungshütern die größten Sorgen. Auch die unzähligen Gruppen ökobewegter Globalisierungsgegner, die in London Anfang April demonstrieren wollen, gelten nicht als besonders gefährlich, glaubt der britische Geheimdienst. Explizit genannt als Beispiel für die beunruhigende soziale Lage werden stattdessen die Anarchisten des Webzine »Class War«, insbesondere das Titelbild der letzten Ausgabe, dessen Schlagzeile lautet: »Wie hältst du dich während der Kreditklemme warm? Verbrenne einen Banker«. Dass ein solcher Aufruf der kleinen anarchistischen Publikation, die schon immer Stimmung gegen »die Reichen« macht, nun in einem Bericht zur Sicherheitslage der Nation als »alarmierend« bezeichnet wird, erklärt der britische Geheimdienst mit der Wut der ordinary people, die sich bald auf der Straße entladen könnte. Eine durch die Krise verarmte Mittelschicht werde sich radikalisieren, und Menschen, die bisher noch nie an sozialen Protesten beteiligt waren, könnten in diesem Jahr plötzlich auf die Barrikaden gehen. Und vielleicht Banker anzünden? Die britischen Behörden scheinen dies nicht auszuschließen, denn: »Wir reden hier nicht nur über die Probleme der Migration oder über britische Jobs für britische Arbeiter. Wir reden von Massenarbeitslosigkeit«, heißt es im Bericht. Millionen Arbeitslose, angeführt von ein paar Anarchisten, die die britischen Großstädte in Schutt und Asche legen? Mit gezielter Angstpolitik lässt sich in Zeiten der Krise besser regieren. Die britische Hochsaison kann beginnen.