Griechische Basketball-Fans am 1. Mai in Berlin

Nicht-marginalisierte Fan-Militanz

Zwei traditionell verfeindete griechische Fan-Gruppen werden am 1. Mai in Berlin aufeinandertreffen.

Am Tag der Arbeit zum 1. Mai ­werden etwa 2 500 griechische Basketballfans in der deutschen Haupt­stadt erwartet. Sie sind ­entweder Anhänger von Panathinaikos Athen oder von Olympiakos Piräus. Beide Teams treffen in der mächtigen O2-Arena im Berliner Stadtteil Friedrichshain beim so genannten Final-Four-Turnier aufeinander. Im Halbfinale, am 1. Mai, um genau 21.00 Uhr. Das Final Four ist die Endrunde der besten vier Teams im europäischen Vereinsbasketball, eine Art Champions League, wie sie im europäischen Fußballsport ausgetragen wird.
Neben den beiden Teams aus Griechenland sind auch noch ZSKA Moskau und der FC Barcelona dabei. Doch das ist eigentlich Nebensache, denn die Berliner Alarmstimmung betrifft allein die Griechen.
Eigentlich haben die Berliner Ordnungskräfte am Tag der Arbeit ohnehin genug zu tun. Gleich drei Demonstrationszüge haben sich zum 1. Mai angemeldet. Jetzt aber kommen auch noch die griechischen Fans mit ins Spiel, denen der berechtigte Ruf, zu den militantesten in ganz Europa zu gehören, vorauseilt.
Das derzeit in Athen und Berlin gleichermaßen gehandelte Basketballszenario läuft in etwa so ab: Erst gemeinsame Demonstration der Griechen mit den deutschen Autonomen in Kreuz­berg zum 1. Mai um 18.00 Uhr, anschließend rüber über die Oberbaumbrücke zum Spiel von Panathinaikos gegen Olympiakos, und schließlich nach dem Spiel (ist ja bekanntlich vor dem Spiel) noch gegenseitiges Verhauen der Griechen. Warum eigentlich?
Nostalgiker bequemen für den traditionellen Konflikt der Anhänger von Olympiakos und Panathinaikos noch immer gerne den Begriff Klassenkampf. Und bis in die achtziger Jahre hatte das sogar eine gewisse Berechtigung.
Olympiakos wurde 1925 im Hafen vor Athen, dem Ort Piräus, gegründet. Vornehmlich von so genannten kleinen Leuten, Hafenarbeitern zum Beispiel und vor allem griechischen Flüchtlingen aus Kleinasien, die von den Türken vertrieben worden waren. Als Trikotfarbe wurde die Signalfarbe Rot gewählt, lange Zeit auch Symbol für die politische Überzeugung der Vereinsangehörigen. Die Fans von Olympiakos nennen ihren Verein und sich selber gerne »Thrilos«, die Legende. Das Wappen des Clubs schmückt ein mit einem Olivenzweig verzierter griechischer Adoleszent. Sein Image als der Club der kleinen Leute vermag Olympiakos bis heute aufrechtzuerhalten und vor allem rentabel zu verwerten. Gelenkt werden die Roten seit 1993 von Sokrates Kokkalis, einem der wirtschaftlich mächtigsten Unternehmer Griechenlands.
Der 70jährige Vereinsboss, dessen Vater im griechischen Bürgerkrieg von 1945 bis 1949 Mitglied der linken (Gegen-)»Regierung der Berge« war, studierte einstmals in Moskau sowie an der Humboldt-Universität Physik.
Panathinaikos Athen wurde dagegen bereits 1908 gegründet. Die Grünen gelten als der Club des klassischen Bildungsbürgertums der Stadt Athen. Ihr Trikot ziert ein dreiblättriges Kleeblatt. Der Verein ist im Besitz der mächtigen Vardinoyannis-Familie, die ursprünglich im griechischen Reedereiwesen ihr Geld machte.
Wann immer die beiden Traditionsvereine gegeneinander spielen, egal in welcher Sportdisziplin, gibt es viel Zündstoff. Seit den achtziger Jahren, als die profitinteressierten Mogule in den Vereinsführungen von Olympiakos und Panathinaikos auftauchten, ist das Links-Rechts-Schema als einfaches Erklärungsmuster für die mitunter militante Dauerrivalität allerdings obsolet. Und trotzdem sind die Feindseligkeiten damit natürlich nicht beendet. Allerdings reichen die zentraleuropäischen Erklärungsmuster für die Gewalt der Fans auch nicht aus, um den griechischen Hooliganismus zu begreifen.
Die starke, homogene und oft gewaltbereite Gruppe der griechischen Fans ist weder sozial noch ökonomisch marginalisiert, meist stammen die Hools aus den Athener Stadtteilen der Mittelschicht. Exzessiver Alkoholkonsum oder eine hohe Arbeitslosenquote, in Deutschland oft bemühte Klischee-Erklärungen, spielen keine Rolle. Die Sozialstruktur der gewaltbereiten Fans erinnert stark an das Milieu, das im Dezember 2008 in Athen und anderswo in Griechenland bei den politischen Demonstrationen für Aufruhr sorgte.
Wohl auch deshalb gab es nicht wenige Solidarisierungsaktionen mit den Demonstranten und vor allem mit dem von der Athener Polizei erschossenen 15jährigen Schüler Alexis Grigoropoulos; übrigens ein bekennender Panathi­nai­kos-Anhänger. Parolen wie »Bullen-Schweine-Mörder«, »Jetzt werdet ihr überall auf Feuer treffen« oder »15 Jahre alt – und er ist tot. Heute er, morgen unsere Kinder« waren und sind noch immer auf zahlreichen Fanbannern in den großen Sportstadien und Hallen in ganz Griechenland zu lesen. Hauptsächlich bei Olympiakos Piräus, AEK Athen und Paok Saloniki, und vor allem immer wieder im OAKA-Stadion. Das ist das Athener Olympiastadion, in dem Panathinaikos seine Heimspiele in der griechischen Fußballliga austrägt.
Griechischen Studien und Polizeiberichten zufolge kam die zunächst zaghafte, dann aber immer heftigere Repolitisierung der griechischen Fans gar nicht mal so überraschend. Querverbindungen zwischen gewaltbereiten griechischen Fußball- und auch Basketballfans und der autonom-anarchistischen Szene in Athen wurden schon seit längerem beobachtet. Seit dem Mord an Alexis im Dezember wurden diese Beziehungen nur noch intensiviert.
Es scheint, als ob sich der griechische Hooliganismus also wieder deutlich im Aufwind befindet. Vielleicht sind die Fans beflügelt durch die militanten Dezemberdemonstrationen in Athen und das jüngste zu beobachtende allgemeine Ansteigen der Gewaltbereitschaft in der griechischen Gesellschaft überhaupt. Das gilt im Sport beim Fußball wie Basketball, aber auch für Volleyball. Und selbst beim im Griechen­land populären Wasserball gibt es häufiger Spiel­abbrüche, weil sich Fans miteinander prügeln – vor allem dann, wenn Olympiakos gegen Panathinaikos antritt. Die Polizei jedenfalls steht den Fans – wie den politischen Demonstranten – traditionell recht hilflos gegenüber. Sie ist schlecht oder gar nicht ausgebildet, Pläne zur Gewaltprävention oder für einen echten Dia­log (obwohl ein griechisches Wort) gibt es nicht.
Zudem stecken die griechischen Polizisten in einem Dilemma. Egal wie sie auch handeln, die Öffentlichkeit nimmt es ihnen übel: Greifen sie hart durch, werden sie als brutal kritisiert. Hält sich die Polizei zurück, gilt sie schlichtweg als inkompetent.
Nun also reisen die rund 2 500 Anhänger der ewigen Rivalen Olympiakos und Panathinaikos nach Berlin. Sie werden dann auf hochgerüstete deutsche Polizisten treffen, die sich schon seit einem Monat auf das griechische Match im Umfeld der 1. Mai-Demonstrationen in Berlin vorbereitet haben.
Die deutsche Polizei will mit den Griechen verfahren, wie sie es bei problematischen Bundes­ligaspielen praktiziert: Die Straßen rund um die O2-Arena in Berlin-Friedrichshain und bis nach Kreuzberg hinein werden von Polizisten mit Hunden gesichert und die Fans dann, räumlich getrennt, in die Halle geleitet. Zivile Eingreiftrupps sollen auffällige und bekannte griechische Hooligans schon lange vor dem Match festnehmen, damit sie sich erst gar nicht an den Mai-Demonstrationen beteiligen.
Darüber, wie die griechischen Fans auf solche Repressalien reagieren werden, kann man nur spekulieren. »Ein Lionel-Richie-Konzert wird das in der O2-Arena sicher nicht«, mutmaßte ein Offizieller der Final Four schon lange vor dem Anwurf.