Über rechte Hools in Frankreich

Weiße gegen bunte Kurve

Beim Überfall auf die Fankurve des eigenen Vereins starb ein PSG-Fan – der rechtsradikalen Hool-Szene hat die Politik kaum etwas entgegenzusetzen.

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Im Bericht der Boulevardzeitung Le Parisien über den Tod des 37jährigen Fußballfans Yann Lorence ist nur wenig über den Verstorbenen zu erfahren. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines französischen Vaters wurde in der Nacht vom 18. zum 19. März für klinisch tot erklärt. Zu diesem Zeitpunkt lag der arbeitslose Koch bereits seit 20 Tagen im Koma.
Am 28. Februar war Yann Lorence von rund 30 Personen mit Schlägen und Tritten traktiert worden, als er bereits am Boden lag. Doch die Darstellung seiner Fußballkumpane, wonach er beim Bierholen »in der Nähe eines Getränkeverkaufs« niedergeschlagen worden sei, erwies sich schnell als unhaltbar: Der nächste Kiosk befand sich zu dem Zeitpunkt, als der 37jährige, zu Boden ging, über 400 Meter entfernt. In unmittelbarer Nähe des Orts, wo er niedergeschlagen wurde, befinden sich jedoch die gegnerischen Zuschauerränge – jene der Tribune Auteuil genannten Nordkurve im Parc des Princes, dem am südwestlichen Stadtausgang von Paris erbauten Stadion des PSG. Die Zuschauer in dieser Nordkurve waren zu dem Zeitpunkt, als sich das fragliche Geschehen ereignete, von einer gegnerischen Gruppe, einer Mischung aus Neonazis und Fußballhooligans, zu der auch Yann Lorence gehörte, attackiert worden und hatten sich gewehrt.
Der Begriff »gegnerisch« sollte eigentlich fehl am Platze sein, denn beide Zuschauerkurven, deren Besucher miteinander kämpften, gehören zum selben Verein. Am Abend jenes 28. Februar empfing der Pariser PSG den Club Olympique de Marseille. Doch die Spannung, die sich an jenem Abend schon vor Spielbeginn in offener Gewalt entlud, hatte sich nicht zwischen Paris- und Marseille-Fans aufgebaut. Vielmehr waren es die Fans aus der Tribune Boulogne genannten Südkurve des PSG, die jene in der Nordkurve angriffen. Das Klima der Gewalt zwischen beiden war schon in den Monaten zuvor notorisch gewesen und manche Anhänger sagten später, dass »irgendwann etwas Gravierenderes passieren musste«.
Beide Kurven lassen sich prägnant charakterisieren: Sie liegen nicht nur topographisch links (Auteuil) respektive rechts (Boulogne) von den Fernsehkameras, wenn diese auf das Tor gerichtet sind. Die Fangemeinde aus der Südkurve des Stadions, der Tribune Boulogne, ist älteren Datums; sie zog schon früh auch als gewaltbereit geltende Fans aus den sozialen Unterklassen an. Die Nordkurve für die Auteuil-Anhänger, benannt nach einem Stadtteil im östlich angrenzenden 16. Pariser Bezirk, wurde ab 1991 als eigene Fangemeinde aufgebaut. Damals stieg der Privatfernsehsender Canal+ beim PSG ein. Er brachte Geld mit, um neue Fanclubs aufzubauen. Die neue Nordkurve mit ihren nunmehr eigenständigen Clubs unterschied sich von ihrer Rivalin dadurch, dass ihre Zusammensetzung von Anfang an gemischter war: Leute aus Einwandererfamilien und Vorstadtbewohner fühlten sich hier mehr zu Hause.
Gegen die Tribune Auteuil, die auch frühere Boulogne-Anhänger anzog, riefen Fanclubs der Südkurve zum »Widerstand« auf. Ein Teil von ihnen radikalisierte sich politisch nach rechts, durch Kontakt mit – parteigebundenen oder ­außerparlamentarischen – rechtsextremen Gruppierungen, um den Erhalt einer »weiß dominierten« Kurve zu reklamieren. Diese sollte vor dem drohenden Aufgehen in einer »Rassenmischung« im Stadion »gerettet« werden.
In den darauffolgenden Jahren wurden die Kontakte von Fans aus dieser Szene zu militanten rechtsradikalen Gruppen, etwa dem Bloc identitaire und seinem Umfeld, enger. Anhänger der Tribune Boulogne wurden etwa am 9. Mai vergangenen Jahres bei einer alljährlich an diesem Datum stattfindenden Gedenkdemonstration von Neonazis im Süden von Paris beobachtet. Gedacht wurde Sébastien Deyzieus, eines Mitglieds der zeitweise mit der militanten Szene sympathisierenden Jugendorganisation des Front National, FNJ, das sich im Mai 1994 einer Festnahme durch Polizeibeamte mittels Flucht aus einem Fenster des fünften Stocks entziehen wollte und dabei starb. Bei der letztjährigen Demonstration im vergangenen Jahr griffen Boulogne-Fußballfans Passanten mit schwarzer Hautfarbe an. Ihr Demoblock wurde aber wiederum von Auteil-Fans gewaltsam attackiert. In deren Nordkurve findet man inzwischen des Öfteren auch Mitglieder und Sympathisanten aktivistischer Antifagruppen, etwa der autonomen Antifa Scalp.
Yann Lorence gehörte zu diesem Milieu der Südkurve, auch wenn es in seinem Fall keinen Hinweis auf politische Betätigung im engeren Sinne gibt. Höchstwahrscheinlich war er ein einfacher Hooligan, der eher Gefallen an Bier und Prügelei denn an ideologischen Debatten fand. Der Darstellung in den Medien, die ihn als friedliebenden Menschen beschreiben, widersprechen jedoch Kenner der Szene und Fußballfans entschieden. Im Internet findet sich noch ein älteres Video von einem Auswärtsspiel des PSG im burgundischen Auxerre, auf dem man ihn als einen der Angreifer in der ersten Reihe Prügel austeilen sieht. In den vergangenen Jahren soll sich Lorence etwas zurückgezogen haben – was anscheinend so viel bedeutete, dass er mitprügelte, aber nicht mehr in der ersten Reihe stand.
Lorence ist der zweite tote PSG-Fan innerhalb von gut drei Jahren. Am 23. November 2006 war der 25jährige Boulogne-Fan Julien Quemener durch einen Schuss aus der Waffe des Polizisten Antoine Granomort getötet worden. Die angespannte Stimmung während eines Matchs des PSG gegen den Gastclub Hapoël Tel Aviv hatte sich nach Spielende in einem Lynchversuch gegen einen jungen französisch-jüdischen Fan entladen.
Die Mutter des 2006 getöteten Fans, Françoise Quemener, warf jüngst den Vereinsverantwortlichen vor, nichts Wirksames gegen die Gewalt in den Stadien unternommen zu haben; auf den einschlägig bekannten Rängen gebe es weniger Kontrollen als zuvor. Der Tod ihres Sohnes sei »umsonst gewesen«. Gleichzeitig wollte sie deutlich zwischen einer »kleinen rassistischen Minderheit« und dem überwiegenden Rest unterscheiden. In den Debattenforen zum Thema wird dies indessen zum Teil anders diskutiert. So wird etwa darauf hingewiesen, »dass alle immer sagen: Wir werden nur von einer verschwindend kleinne Minderheit schlecht gemacht«, während das Verhalten vieler Fans in den Gruppen mit Hooligan-Anteil sich in Wirklichkeit gleiche.
Der Vereinsvorstand beschloss nach dem 28. Februar, für die laufende Spielsaison keine Karten für Auswärtsspiele mehr an die Fans zu verkaufen. In Auxerre hatte der Präfekt auf Weisung von Innenminister Brice Hortefeux ohnehin angeordnet, das Spiel müsse ohne Publikum stattfinden. Kurz vor dem Gastspiel in Nizza verkündete der dortige Hooliganclub der »Ultras« von Nizza seine Selbstauflösung.
Innenminister Hortefeux seinerseits setzt auf noch stärkere Polizeipräsenz in und um den Stadien – die bereits in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut worden ist, am 28. Februar waren rund 1.300 Beamte zugegen, was das Geschehen nicht verhindern konnte – sowie auf das Verbot und die Auflösung »risikobehafteter« Fanclubs. Diese Maßnahme ist jedoch im Hinblick auf ihre Wirksamkeit umstritten. Im Frühjahr 2008 hatte der bis dahin größte Fanclub der Südkurve, der Kop Boulogne, unter erheblichem äußerem Druck seine Auflösung bekannt gegeben. Vorausgegangen war die Affäre um das unrühmliche Transparent bei einem Spiel gegen Lens, bei dem die Einwohner der armen Region Nord-Pas de Calais pauschal als »arbeitslos, Alkoholiker und Inzestkinder« bezeichnet worden waren. Doch nach der Auflösung der Clubstruktur wurde festgestellt, dass das Risiko- und Gewaltpotential nur noch größer geworden sei, weil sich nunmehr kleine hochmobile Gruppen mit ausgeprägter Gewaltbereitschaft gebildet hätten.
Die für Sport zuständige Staatssekretärin Rama Yade fordert unterdessen namentlich ausgestellte Eintrittskarten. Die heutige Vereinsleitung will sich, nach einer Spielsaison ohne Kartenverkauf für Auswärtsspiele, bis Herbst Zeit für weitere Beschlüsse lassen. Bis dahin hat der Verein seine geschäftlichen Beziehungen zu mehreren Fanclubs vorerst eingestellt. PSG-Präsident Robin Leproux spricht gleichzeitig davon, auf die Dauer wolle er »auf keinen Fall die Stadien leeren, sondern im Gegenteil vollere Stadien haben«.