Der Twist, der nicht aus Gummi war

Berlin Beatet Bestes. Folge 39. Bob Gerry: Der Liebestraum als Twist (1962).

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Es ist ein widersprüchliches Unterfangen, sich für das Abseitige und Sonderbare in der Popmusik zu interessieren, schließlich geht es in der Popmusik, wie der Name schon sagt, um das Populäre. Diejenigen, die sie produzieren, orientieren sich am allgemeinen Geschmack des Publikums und versuchen, diesen so gut wie möglich zu treffen. Ohne den angepeilten Konsens gibt es keine Popmusik. Andererseits scheitert eben ein großer Teil der Produktionen immer wieder an dieser Aufgabe und bringt gerade in der Niederlage Seltsames zustande.
Diese Single des Billiglabels Baccarola kaufte ich als 14jähriger in einem Buxtehuder Trödelladen. Als ich die Platte auf meiner neuen, vom Konfirmationsgeld gekauften Stereoanlage abspielte, war ich gespannt auf den Titel. Mit unheimlich viel Hall verstärkt, setzt der Sänger ein: »Aufgepasst, Brüder und Schwestern, macht die Fenster zu und stopft Watte in die Türritzen, jetzt kommt ein Twist!« Dann schreit er: »Das ist der schöne alte Liebestraum von Liszt als Twist./So mancher Komponist versucht den Twist, aber keiner kann’s so gut, wie Papa Liszt.«
Im Mittelteil lassen ein hämmerndes Klavier und ein kreischendes Saxophon das Gitarrensolo fast völlig verschwinden. Der ganze Song ist so verdammt schnell und überdreht, dass selbst mir damals klar war, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Dies war zwar kein richtiger Rock’n’Roll, aber trotzdem irgendwie cool.
Ein wichtiges Standbein deutscher Independent-Labels der fünfziger und sechziger Jahre waren die sogenannten Billiglabels. Auf ihnen erschienen preiswerte Coverversionen aktueller Hits, die von zumeist unbekannten Interpreten eingespielt wurden. Anstatt vier kosteten diese Singles nur zwei Mark. Wie man einen Rock’n’Roll-Song richtig singen und spielen sollte, wussten die auf Schlager programmierten Interpreten und Orchester natürlich nicht. Bob Gerry und das Orchester von Werner Thompson taten dennoch ihr Bestes, um dieser wilden Teenagermusik zu genügen, und es muss ihnen Spaß gemacht haben, denn dies ist die verrückteste Version dieser ohnehin wildesten deutschen Twistnummer. Es ist ein unerhörter Streich, dieses zarte Klavierstück von Franz Liszt derart unter Spannung zu setzen.
Die Originalversion von »Liebestraum als Twist« wurde von Charly Cotton And His Twist-Makers eingespielt. Hinter Charly Cotton verbirgt sich Christian Bruhn, einer der erfolgreichsten Schlagerkomponisten und Produzenten der Nachkriegszeit. Christian Bruhn, geboren 1934, arbeitete in den fünfziger Jahren zunächst selbst für das Billiglabel Tempo. Coverversionen dieses Hits gab es in vielen Ländern, u.a. in Spanien, Frankreich, England, sogar in Mexiko.
Christian Bruhns Ausflug ins Rampenlicht währte allerdings nicht lange. Zusammen mit Günther Loose schrieb er Hits wie »Marmor, Stein und Eisen bricht« und »Ein bisschen Spaß muss sein«. Auch die Titelmelodie der Trickfilmserie »Wickie« stammt von Bruhn.Von 1991 bis 2009 war er Aufsichtsratvorsitzender der Gema. Was aber aus Bob Gerry geworden ist, ist nicht bekannt.