Die Geheimnisse von Wikileaks

Die anonyme Welt der Geheimnisverräter

Die Macher der Whistleblower-Plattform Wikileaks sehen ihr Projekt als eine radikale Form von Öffentlichkeit. Wer sie wirklich sind und wie sie arbeiten, wollen sie allerdings lieber im Dunkeln lassen. Diese Geheimniskrämerei bringt immer mehr Glaubwürdigkeitsprobleme mit sich.

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Nicht erst seit der Veröffentlichung des lange von der US-Armee unter Verschluss gehaltenen Videos eines Hubschrauberangriffs im Irak, bei dem unter anderem zwei Reporter der Nachrichtenagentur Reuters getötet wurden, ist Wikileaks ein Begriff. Die Plattform für die anonyme Veröffent­lichung geheimer Dokumente hatte bereits zuvor Aufsehen erregt mit der Publikation von Material wie dem Vertrag zwischen Toll Collect und der Bundesregierung und dem Bericht über den Zusammenbruch der isländischen Kaupthing-Bank, der den größten Korruptionsskandal des Landes aufdeckte.

Das Projekt sieht sich selbst als »Zulieferer für den investigativen Journalismus«, weil es Personen, die unethisches Verhalten von Regierungen oder Unternehmen enthüllen wollen, ein System anbietet, mit dessen Hilfe sich massenweise geheime Informationen und Analysen veröffentlichen lassen, die auf keinen Absender zurückzuführen sind.
Diese Anonymisierung soll Einsender vor Enttarnung und Verfolgung schützen. Gerne betonen die Betreiber von Wikileaks, ihr Server stünde nicht ohne Grund in Schweden, weil dort der Quellenschutz für Journalisten Verfassungsrang habe. Wie ernst dieses Grundrecht in Skandinavien genommen wird, musste bereits die Augsburger Staatsanwaltschaft im Zuge ihrer Ermittlungen wegen antisemitischer Hetze gegen das Mitglied der Pius-Bruderschaft Richard Williamson erfahren. Versuche, die schwedischen Journalisten vorzuladen, die das Aufsehen erregende Interview geführt hatten, misslangen, weil die Pressevertreter nach den Gesetzen ihres Landes von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht zu Aussagen gezwungen werden können.
Dummerweise genießen die Quellen von Wikileaks in Schweden allerdings keinerlei Schutz. Das liegt an einer Besonderheit des dortigen Medienrechts: In den Genuss des Quellenschutzes können zwar seit dem 1. Januar 2003 nicht nur Printmedien, Fernseh- und Hörfunksender, sondern auch Online-Publikationen kommen. Dafür müssen sie allerdings ein zehn Jahre gültiges Veröffentlichungszertifikat bei der schwedischen Medienanstalt, einer dem Kulturministerium untergeordneten Behörde, beantragt und erhalten haben. Wikileaks jedoch hat dieses Zertifikat nicht beantragt und daher auch nie erhalten. Die Plattform würde nach dem derzeitigen Stand der Dinge auch keines bekommen, da sie die Bedingungen nicht erfüllt. Um das Zertifikat zu erhalten, muss ein Service ungehindert öffentlich zugänglich sein, einen Bezug zu Schweden haben, sich also beispielsweise explizit an schwedische User richten, und es muss ein Redaktionsbüro und einen Redakteur geben. Außerdem muss eine Person benannt werden, die juristisch für die Veröffent­lichungen verantwortlich zeichnet. Es sind also gleich mehrere Kriterien nicht erfüllt, denn es ist nicht einmal bekannt, wer genau hinter Wiki­leaks steht, ganz zu schweigen von einem Büro, einem Redakteur oder der expliziten Ausrichtung auf schwedische User.
Warum die Macher so tun, als gelte der schwedische Quellenschutz trotzdem, ist unklar, zumal sie eigentlich die juristische Lage genau kennen müssten. Denn immer wieder verweisen sie darauf, an der Entwicklung eines neuen Mediengesetzes in Island mitgearbeitet zu haben, in dem Journalisten und Whistleblowern besonderer Schutz garantiert wird. Bedenklich ist dieser nur vorgegaukelte Informantenschutz auch deshalb, weil der andere Teil der Sicherheit durch Anonymität – nämlich das technische System, bestehend aus Servern und Software von Wikileaks – von außen nicht einsehbar und damit unklar ist, ob denn wenigstens diese Komponenten sicher sind, wie behauptet wird.

Was die Macher von Wikileaks aber definitiv im Griff haben, ist ihre eigene Anonymität. Bei dem Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer hinter dem Projekt steht, sind in den vergangenen Wochen Journalisten aus aller Welt gescheitert. Fest steht nur, dass einer der beiden Männer, die regelmäßig als Sprecher auftreten, ein Deutscher namens Daniel Schmitt ist, wobei zumindest der Nachname nur ein Pseudonym ist. Der andere, international bekanntere Sprecher von Wikileaks agiert dagegen mit großer Wahrscheinlichkeit unter seinem bürgerlichen Namen. Julian Assange, ein australischer Programmierer, der in den neunziger Jahren vermutlich Mitglied einer Hackergruppe namens International Subversives war, gehört zu den Gründern des Whistleblower-Dienstes. Als Wikileaks im Januar 2007 startete, erklärte die Gruppe, unter anderem von »chinesischen Dissidenten«, Journalisten, Mathematikern und Start-up-Experten aus den USA, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika gegründet worden zu sein. In einem am 1. April veröffentlichten Interview mit Stefan Mey vom Medien-Ökonomie-Blog erklärte Julian Assange, einige der ursprünglichen Gründer seien »Flüchtlinge aus China und anderen Ländern«. Wiki­leaks habe fünf Leute, die rund um die Uhr arbeiten, etwa 800 Mitarbeiter, die sporadisch etwas machen, »und dazwischen ein breites Spektrum«.
Das das tägliche Arbeitspensum dieser Freiwilligen ist mindestens erstaunlich, wenn die Angaben von Wikileaks stimmen, wonach die Plattform in den vergangenen Jahren 1,2 Millionen Dokumente veröffentlicht habe. Steven Aftergood, Autor des renommierten »Blogs Secrecy News«, einer Publikation der Federation of American Scientists, kritisiert die »Förderband-Mentalität«, mit der Wikileaks alles veröffentliche: »Transparenz ist für mich ein Mittel zum Ziel, dem Ziel eines belebten politischen Lebens, wo Institutionen verantwortlich handeln und Möglichkeiten bestehen, sich zu engagieren. Für Wikileaks scheinen Transparenz und Veröffentlichungen die Ziele an sich zu sein.« Aftergood lehnt die Zusammenarbeit mit Wikileaks ab.

Andere dagegen arbeiten mit Wikileaks, ohne es zu wissen. Das 1976 gegründete Magazin Mother Jones veröffentlichte vor einigen Wochen eine Geschichte über die Ungereimtheiten bei dem Whistleblower-Wiki. Das alternative Non-profit-Magazin, das von Abonnements, Spenden und zu einem geringen Teil von den Anzeigen lebt, die dem strengen Standard genügen, hatte recherchiert, wer tatsächlich im Wikileaks-Beirat ist.
»Als ich die honorigen Menschen kontaktierte, die als Beiräte aufgelistet waren, stellte sich heraus, dass einige gar nicht wussten, wieso sie dort aufgeführt wurden, oder nur eine vage Idee hatten, warum sie auf dieser Liste gelandet waren«, schreibt Autor David Kushner.
Zu den Namen, mit denen sich die Plattform schmückt, gehört Namgyal Khamsitsang, ein früherer Berater des Dalai Lama. Er behauptete, definitiv kein Beirat zu sein, er könne sich aber immerhin daran erinnern, vor einigen Jahren eine kryptische E-Mail von Wikileaks erhalten zu haben. Noam Chomsky hingegen, der als freiwilliger Admin der Facebook-Seite angegeben wird, wurde anscheinend nicht einmal gefragt, ob er dies denn auch wirklich wolle. Gegenüber Kushner erklärte er knapp: »Ich weiß davon nichts.« Der als Beirat aufgeführte australische Journalist Phillip Adams sagte, sich »aus Zeitmangel und aus gesundheitlichen Gründen schon sehr früh zurückgezogen« zu haben.
Ben Laurie, einer der führenden Experten für digital security, weiß dagegen sehr wohl, dass er Mitglied des Beirats ist. Schließlich wurde er gebeten, bei der Entwicklung eines Systems zu helfen, das den Einsendern strengstmögliche Anonymität garantiert. Daraus wurde nichts. Laurie ist eigenen Angaben zufolge auch nur auf dem Papier Beirat. Ihm zufolge ist Julian Assange »ein sehr seltsamer Kerl«, der außerdem ziemlich paranoid sei.
Dazu passt auch eine abenteuerliche Geschichte, die mutmaßlich Julian Assange selbst verbreitet hat. Sie begann am 24. März mit einer alarmierend klingenden Twitter-Mitteilung: »Wenn uns etwas passiert, wisst Ihr, warum: wegen des Videos vom 5. April. Und Ihr wisst auch, wer verantwortlich ist.« Zwei Minuten später wurde getwittert, dass zwei Männer des State Departement mit Diplomatenausweisen »unserem Editor nach Island gefolgt« seien. Die nächste Meldung lautete: »Eine Person wurde für 22 Stunden inhaftiert. Computer wurden durchsucht.« Es folgte ein Appell: Wer »mehr über die Operation gegen uns« wisse, möge https://secure.wikileaks.org/ kontaktieren. »Wir haben geheime Fotos gezeigt bekommen, und während der Inhaftierung wurden spezifische Fragen über den Luftschlag gestellt.«
Was zum Topthema bei Blogs und Twitter wurde, war zwei Tage zuvor, am 22. März, geschehen: Ein minderjähriger Isländer und mutmaßlicher Mitarbeiter von Wikileaks wurde verhaftet. Assange, der sich damals oft in Island aufhielt, ließ keinen Zweifel daran, dass die Verhaftung in Zusammenhang mit Wikileaks stehe. Dem Jungen seien beim Verhör Fotos vorgelegt worden, die ihn und weitere Personen bei einem Treffen zeigten. Dabei ging es angeblich um die Veröffentlichung des Bagdad-Videos.

Isländische Medien recherchierten die Geschichte nach und kamen zu einem Ergebnis, das nicht für die Version von Assange spricht. Der isländische Teenager war tatsächlich verhaftet und verhört worden. Allerdings nicht allein, sondern gesetzesgemäß im Beisein seines Vaters und eines staatlichen Sozialarbeiters von der Polizei.
Vorgeworfen wurde ihm nicht, mit Wikileaks gearbeitet zu haben, sondern ein Einbruch in einer Farbenfabrik, in der sein Vater arbeitet. Der Teenager war bereits im Januar wegen eines Einbruchs verhaftet worden, der in Island Schlagzeilen gemacht hatte. Damals hatte er seinem eigenen Arbeitgeber, einer isländischen Investmentfirma, Finanzunterlagen gestohlen und die Dokumente anschließend nicht etwa bei Wiki­leaks veröffentlicht, sondern zu verkaufen versucht.
Und so wurde das Thema Wikileaks nach Informationen des Journalisten Stigur Helgason von der Tageszeitung Frettabladid beim Verhör auch nicht angesprochen, bis der Junge plötzlich ungefragt angegeben habe, das von ihm mitgeführte Notebook gehöre nicht ihm, sondern der Vereinigung. Der Teenager befindet sich mittlerweile in einer Rehabilitationseinrichtung. Und für die Anwesenheit von US-Geheimagenten in Island gibt es isländischen und US-amerikanischen Zeitungen zufolge keinerlei Hinweise.
Diese Entwicklungen wurden von Wikileaks nicht weiter kommentiert. Kritikfähigkeit gehört anscheinend nicht zu den Stärken der selbsternannten Whistleblower-Elite: Julian Assange warf Mother Jones nach Erscheinen des Artikels über Wikileaks öffentlich »rechtsextremistische Realitätsverzerrung« vor.