Kommunismus und Tischtennis. Ein Porträt von Ivor Montagu

Die Liebe zum Zelluloid

Ivor Montagu hatte drei Leidenschaften: Tischtennis, Film und Kommunismus. Ein Porträt des Mannes, der Ping-Pong in Europa bekannt machte.
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Die politische Bedeutung von Tischtennis lässt sich sehr gut an Forrest Gump illustrieren, denn die von Tom Hanks dargestellte Figur brillierte bei der Ping-Pong-Diplomatie. Und dies wiederum ist ein Ausdruck, der es bis in die Lehrbücher der Internationalen Politik geschafft hat.
Mit Ping-Pong-Diplomatie wird historisch die Annäherung der USA an die Volksrepublik China in den frühen siebziger Jahren umschrieben, die politisch nur gelingen konnte, indem die chinesische Seite einen US-Tischtennisspieler nach Peking einlud. Erst nach dieser vorsichtigen Annäherung auf einem vermeintlich harmlosen und scheinbar unpolitischen Feld konnten die Reisen von US-Präsident Richard Nixon zum damaligen Generalsekretär der KP China, Mao Zedong, folgen.
Warum es ausgerechnet die Sportart Tischtennis war – und nicht etwa Baseball oder Fußball –, lässt sich aus chinesischer Sicht leicht erklären: Tischtennis ist dort ein Volkssport, der aber auch international Verbreitung gefunden hat.
Wie aber dieser so einfach scheinende Sport in den Westen gelangte, ist eine Geschichte, die auch viel mit Politik zu tun hat. Nachdem ein erster Anlauf gescheitert war, diesen Sport zunächst in England, später in anderen Teilen Europas und auch den USA populär zu machen, fühlte sich der junge Ivor Goldsmid Samuel Montagu zum Missionar berufen. Der Sohn von Louis Montagu, dem zweiten Baron Swaythling, einem der reichsten Bankiers Londons und ­einem angesehenen jüdischen Bürger der britischen Hauptstadt, spielte leidenschaftlich gerne Tischtennis.
Ivor Montagu war erst 19 Jahre alt, als er 1923 zusammen mit dem Boulevardblatt Daily Mirror ein Tischtennisturnier organisierte: 40 000 Teilnehmer in 40 Hallen sorgten für den ungeahnten Erfolg des neuen Sports.
Erst ein Jahr zuvor hatte sich in London die »Ping Pong Association« gegründet. Doch weil der Name »Ping Pong« markenrechtlich geschützt war, musste sich der Verband umbenennen: »English Table Tennis Association«. Als vier Jahre später, 1926, der Weltverband »International Table Tennis Federation« (ITTF) gegründet wurde, nämlich im Clubhaus des Tennisvereins Gelb-Weiß 1900 in Berlin-Wilmersdorf, war Ivor Montagu natürlich wieder dabei: Er wurde erster ITTF-Präsident und blieb es bis ins Jahr 1967, über 40 Jahre lang.
Das Spiel mit dem Zelluloidball war aber nur eine von mehreren Leidenschaften des talentierten Sohnes aus jüdischem Hause. Seine zweite große Passion hatte auch mit dem Thermoplast zu tun: nämlich mit dem Film.
Früh schon schrieb er für den Observer und den New Statesman Rezensionen. Genauer: Er war der erste Filmkritiker dieser Blätter. 1925 gründete er zusammen mit Sidney Bernstein die London Film Society.
Bald begann er Filme zu produzieren, beispielsweise für H.G. Wells und Charles Laughton. Mit Alfred Hitchcock drehte er unter anderem »The Man Who Knew Too Much« (1934). Der erste Film, bei dem Montagu selbst Regie führte, handelte vom Tischtennis: ein kleiner Lehrfilm. Eng befreundet war Montagu mit dem sowje­tischen Regisseur Sergej Eisenstein. Den vermittelte er 1930 nach New York und auch nach Hollywood. Von Eisenstein angeregt, versuchte er auch, eine Theorie des Kinos zu entwickeln, die aber wirkungslos blieb.
Seinen guten Freund Charly Chaplin inspirierte Montagu zu einem seiner besten Filme. In einer Nazibroschüre hatte Montagu nämlich diesen Satz über Chaplin gelesen: »Dieses kleine jüdische Stehaufmännchen ist so ekelhaft, wie es langweilig ist.« Das teilte er Chaplin mit, und dem erschien diese Hetze Grund genug, um »The Great Dictator« (1940) zu drehen.
Die dritte Leidenschaft des Ivor Montagu war größer als die für den Film und fast so groß wie die für Tischtennis: der Kommunismus. Zunächst trat er der Sozialistischen, bald der Kommunistischen Partei Großbritanniens bei. Sein filmisches Schaffen stellte er in den Dienst der Partei: Die Filme »Defence of Madrid« (1936) und »Peace and Plenty« (1939) handeln vom spanischen Bürgerkrieg.
In den dreißiger Jahren war Montagu sogar kurzzeitig als möglicher Generalsekretär der britischen KP im Gespräch. Der Absolvent des Kings College in Cambridge hatte zwar mit seiner aristokratischen Familie gebrochen und wollte unabhängig leben, »in einer Weise, in der er sich als Proletarier fühlen« konnte, wie die Times 1984 in ihrem Nachruf schrieb. Aber den Sohn eines Barons und Bankiers wollte die KP dann doch lieber nicht an ihrer Spitze.
An Montagus kommunistischem Engagement lag es gewiss nicht. Bis zu seinem Tod 1984 war er Parteimitglied, trieb für die KP Geld auf, drehte viele Propagandafilme, und vermutlich ließ er sich sogar als Spion für die Sowjetunion anheuern. Ganz sicher ist dies nicht, aber viele Indizien sprechen dafür, dass er für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU das amerikanisch-britische Venona-Projekt ausspionierte, mit dem sowjetische Nachrichten entschlüsselt werden sollten. Auf jeden Fall war Ivors Bruder Ewen Montagu Spion, allerdings für den britischen Dienst MI6.
Geschadet haben die Gerüchte über seine Tätigkeit Ivor Montagu nie. Er blieb auch nach dem Krieg der unangefochtene Präsident der ITTF. Bis 1967 nämlich, und die Interpretation, dass mit der Ping-Pong-Diplomatie zwischen den USA und der VR China Montagus Saat aufgegangen sei, ist zumindest nicht unplausibel.
Seit 1926 und bis zum heutigen Tag erhält das siegreiche Männerteam bei der Mannschafts-WM den Swaythling-Cup. Das ist ein 1926 gestifteter Pokal, benannt nach der Spenderin Lady Gladis Goldsmid Montagu Swaythling, die damit ihrem Sohn etwas Gutes tun wollte.