Die Minutemen an der US-mexikanischen Grenze

»Es herrscht immer noch Krieg«

Die Minutemen patrouillieren bewaffnet an der Grenze zu Mexiko, um illegale Einwanderer abzufangen und den Behörden zu übergeben. Die selbsternannte patriotische Bürgerwehr will die USA vor einer angeblichen Invasion der Migranten schützen.

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»Es ist ein Krieg«, sagt Britt Craig, »sie fallen in unser Land ein.« Craig ist 61. Er ist Vietnam-Veteran und sieht auch so aus. Sein linkes Auge hat er bei einem Angriff durch eine Handgranate verloren, seitdem trägt er eine Augenklappe. Er ist ein hagerer, drahtiger Mann, der mit seinem Wohnmobil, seinem Hund und seiner Neun-Millimeter-Beretta am Grenzzaun zwischen Kalifornien und Mexiko patrouilliert. Er macht das freiwillig, weil er sein Land schützen will, sagt er.
Craig ist Mitglied der »Minutemen«, einer Bürgermiliz, die es sich zum Auftrag gemacht hat, den vermeintlichen Krieg an der amerikanischen Grenze zu gewinnen. Bewaffnet und mit Feldstechern ausgerüstet, patrouillieren die Minutemen an der Grenze. Wenn sie Einwanderer sehen, rufen sie den Grenzschutz. Ihr Ziel: die »Invasion der Ausländer« zurückzudrängen.

Das Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko ist raues Terrain. Am Rand der Freeway steht ein Wagen in Flammen. Es ist ein Anblick, als würde hier nicht nur Amerika enden, sondern all das, was bislang vertraut erschien. Eigentlich können sich Touristen an der kalifornisch-mexikanischen Grenze gut amüsieren. Man kann mit der Straßenbahn von San Diego zum Grenzübergang von San Ysidro fahren und dann zu Fuß nach Tijuana gehen. In der zona roja, dem Rotlichtbezirk der Millionenstadt Tijuana mit ihren riesengroßen Slums, bekommt man alles: jede Droge und jedes illegale Medikament. Vor der Kathedrale stehen Mädchen, die nicht älter als zwölf sein können, und bieten sich für ein paar Dollar zum Sex an. Aber Tijuana ist in letzter Zeit gefährlicher geworden. Die Grenze hier sieht ein wenig aus wie die Berliner Mauer. Ein Betonmoloch mit Wachtürmen und bewaffneten Soldaten, mit Stacheldraht und viel Graffiti. Es ist so gut wie unmöglich, unentdeckt hier rüberzukommen. An der mexikanischen Grenze jedoch sterben jedes Jahr mehr Menschen als in der gesamten Zeit des Berliner Grenzwalls. Zwischen 1998 und 2004 waren es nach Angaben des amerikanischen Grenzschutzes 1 954. Wer den Übertritt versuchen will, muss in die Wüste, irgendwo östlich von San Diego und westlich von El Paso, Texas. So kommt es, dass sich in kleinen Leichenhallen, wie zum Beispiel in Tucson, Arizona, Hunderte von nicht identifizierten Körpern, Leichenteilen und Knochen ansammeln, die in der Wüste gefunden werden. Weil aber jeder Abschnitt der Grenze von mexikanischen Bandenchefs, so genannten jefes, kontrolliert wird, muss man oft einen »Coyoten« bezahlen, einen Menschenschmuggler, um über die Grenze kommen. Oftmals rauben die »Coyoten« ihre Opfer aus und lassen sie in der Wüste zurück.
Dennoch schaffen es jedes Jahr rund eine halbe Million Menschen, in die USA zu gelangen. Seit der Wirtschaftskrise gehen die Zahlen allerdings deutlich zurück, im vergangenen Jahr waren es »nur« rund 400 000. Und trotzdem bleibt die illegale Einwanderung eines der brisantesten Themen in der amerikanischen Politik. Vor allem in Zeiten der Krise, in denen die Zahl der Arbeits­losen für US-amerikanische Verhältnisse erschreckend hoch ist. Wer um seinen Job fürchtet, der sieht den »Fremden« oft als existentielle Bedrohung. Die Instrumentalisierung der Abstiegsängste der veramten Bevölkerung äußerte sich in letzter Zeit auch in konkreten politischen Maßnahmen. Jan Brewer, die Gouverneurin des Bundesstaats Arizona, unterzeichnete im April das umstrittene Gesetz SB 1 070, welches die Polizei anhält, bei Verhaftungen nach Einwanderungspapieren zu fragen und gegebenenfalls rechtliche Schritte einzuleiten (Jungle World 10/10). Das Gesetz wurde nach heftigen Protesten von verschiedenen Seiten und nach der Kritik von Staatspräsident Barack Obama überarbeitet und ist in seiner jetzigen Form verfassungskonform. Trotzdem kippte am 15. Juli die Bundesrichterin Susan Bolton wesentliche Teile des Gesetzes, was vermutlich einen längeren Rechtsstreit zwischen dem Bundesstaat Arizona und dem Weißen Haus zur Folge haben wird. Die Debatte um Einwanderung ist auch dadurch in den vergangenen Monaten immer hitziger geworden. Es geht bei weitem nicht mehr nur um die Gesetzgebung, sondern um Ängste und Gefühle. Die Gewalt gegen Migranten nimmt zu, und immer mehr Menschen demonstrieren gegen Einwanderung.
Das »Minutemen Project« wurde im Jahr 2005 von einem dekorierten Vietnam-Veteranen, Jim Gilchrist, gegründet. Er wollte die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit auf das Thema illegale Einwanderung lenken. »Ich wusste, dass ich mir eine medienwirksame Story ausdenken musste«, erzählt Gilchrist, ein korpulenter Mann mit nach hinten gekämmten, grauem Haar. Rassismus-Vorwürfe weist er vehement zurück.
»Ihr Name klingt irgendwie mexikanisch«, merkt er zu Beginn des Gesprächs misstrauisch an. Doch dann redet er sich warm: »Als wir anfingen, an der Grenze zu patrouillieren, hatten wir mehr Männer als im Revolutionskrieg. Es war ein großer Erfolg.« Den Anstoß zu seinem Projekt hätten die Anschläge vom 11. September 2001 geliefert: »Ich war zutiefst geschockt. Es gab mehr Opfer als bei Pearl Harbor. Meine Heimat wurde angegriffen.« Hätten sich die amerikanischen Behörden nur an die Einwanderungsgesetze gehalten, meint Gilchrist, dann wären die Terroristen nie ins Land gekommen. »Für mich war das mehr als nur ein Angriff von al-Qaida. Ich hatte das Gefühl, dass ich mein Land nicht wieder erkannte.« Dabei bemüht er sich, ein gewisses Verständnis für die Anliegen der Einwanderer zu zeigen: »Ich verstehe, warum sie kommen, kein Zweifel. Wer will schon in Mexiko leben, wo es täglich Massaker gibt, wo die Drogenkartelle sich blutige Bandenkriege liefern?« Aber bei sich im Land will er die Fremden nicht haben. Ob eine Zwangsdeportation der immerhin 30 Millionen illegalen Einwanderer, die sich bereits im Land befinden, für ihn die richtige Lösung wäre? »Sagen wir lieber Umsiedlung, das klingt netter«, findet er. »Wollen wir wirklich all die Millionen Menschen auf der Welt, die verarmt oder mit ihrer Regierung unzufrieden sind, zu uns einladen? Das wäre die Anarchie. Das wäre das Ende der Zivilisation.« Deshalb habe er die Minutemen gegründet. »Ich habe das Bedürfnis, mein Land zu schützen, wie damals, in Vietnam.«

Der Name der Gruppe stammt aus dem amerikanischen Revolutionskrieg. Die Minutemen waren damals die ersten, die den Kampf gegen die britischen Soldaten aufnahmen. Es handelte sich bei ihnen um eine kleine, mobile Miliz, die binnen weniger Minuten einsatzbereit sein konnte, daher der Name. Die meisten ihrer Mitglieder waren sehr jung.
Gilchrist war 55, als er sein Projekt ins Leben rief. Besonders beliebt hat er sich damit nicht gemacht. Immer wieder wird er bei öffentlichen Veranstaltungen angepöbelt und ab und zu mit leeren Bierdosen beworfen. Er wurde von George W. Bush ebenso kritisiert wie von dem ehemaligen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox. Latino-Gangs in den USA haben sogar ein Kopfgeld auf die Minutemen ausgesetzt, 25 000 US-Dollar pro Mann.
Britt Craig ist stolz darauf. »Mein Leben ist wie ein gottverdammter Cowboy-Film«, knurrt er. »Ich fühle mich wie ein kleiner Junge.« Craig ist ein border scout. Im Gegensatz zu Gilchrist, der sich im Büro um die Organisation und die Presse­arbeit der Gruppe kümmert, patrouilliert Craig jeden Tag an der Grenze. Er wohnt in einem heruntergekommenen Wohnmobil, mitten in der Wüste, in Sichtweite des rostenden Grenzzauns. Sein einziger Begleiter ist sein Hund Buddy, benannt nach dem Rock’n’Roll-Sänger Buddy Holly.
Stundenlang dauert die Fahrt durch die Wüste. Vor einiger Zeit hatten die Minutemen hier ein Camp, aber der Besitzer des Grundstücks hat sie vertrieben. Nur noch ein paar Wohnwagen stehen herum. An den Wochenenden gesellen sich Freiwillige dazu und helfen mit. Wie bewaffnete Touristen stehen sie am Grenzzaun, funken sich gegenseitig an und spielen Krieg in der Wüste. Doch ansonsten ist das hier ein einsames Geschäft. Britt Craig ist alleine. Der letzte Krieger an einer armseligen Grenze. »Das hier sind die Badlands«, erklärt Craig. »Das absolute Ende der Welt. Es ist ein hartes Gebiet. Aber wunderschön.« Er besitzt eine Jagdlizenz. »Wenn mich jemand fragt, bin ich zum Jagen hier.« Was passiert eigentlich, wenn illegale Einwanderer entdeckt werden? »Dann rufen wir die Border Patrol«, sagt Craig, den Grenzschutz. Er spricht mit Südstaatenakzent und öffnet ein Schließfach, holt seine Neun-Millimeter-Pistole heraus, eine Beretta 92SF. Das ist die Zivilistenversion der M9, der Dienstwaffe der Army. Die Waffe, erklärt er, sei eine exakte Nachbildung der Waffe, die er damals im Dschungel benutzte.
Überhaupt scheint das »Minutemen Project« eine Nachbildung längst vergangener Kriege zu sein. Craig wollte sich eigentlich für neun Jahre bei der Armee verpflichten, doch nachdem er sein Auge verloren hatte, wurde er als kampfunfähig eingestuft. Er leidet bis heute darunter, nicht genug geleistet zu haben. »Ich komme aus einer Familie von Kriegern«, erklärt er. »Schon mein Vater ist seinerzeit in Texas hinter Pancho Villa hergeritten. Krieg ist unser Familiengeschäft«, erklärt er stolz. »Haben Sie das alte Testament gelesen?« fragt er: »Gott steht auf einen guten Kampf.«
Ob er die Waffe jemals gebraucht hat? Ja, sagt Craig. Einmal sei auf ihn geschossen worden. »Ich stand auf meinem Autodach. Dann hörte ich ein Zischen und einen Gewehrschuss. Ich hab mich flach hingelegt und bin vom Dach heruntergekommen, so schnell wie eine Echse.« Und er habe zurückgeschossen, »blind und wütend in die Nacht, ein Magazin nach dem anderen«. Getroffen habe er dabei niemanden, versichert er.
Den Minutemen geht es, behaupten sie, nur ums Gesetz. »Das Gesetz ist wie Musik«, sagt Craig. »Wir müssen uns alle auf einen Rhythmus einigen, sonst herrscht das Chaos.«

Auf beiden Seiten der Grenze stehen verlassene Häuser. Die dort herrschende Gewalt hat die Bewohner vertrieben. Craig zeigt sich fest von seiner Theorie überzeugt, dass die illegalen Einwanderer in den sechziger Jahren von Großkonzernen nach Amerika gebracht worden sein, um die Gewerkschaften zu schwächen. »Sklavenarbeit«, nennt er das. »Illegale Einwanderung ist nichts anderes als der Sklavenhandel des 21. Jahrhundert.« Damit trifft er einen richtigen Punkt. Ohne Einwanderer würde die Wirtschaft in den Grenzstaaten Arizona, Texas und Kalifornien zusammenzubrechen. Die Unternehmer brauchen die billigen Arbeitskräfte, während Politiker mit diesem Thema ihre Wahlkämpfe bestreiten. Ernst nimmt das Problem hier eigentlich niemand. Außer den Minutemen.
Britt Craig will demonstrieren, wie einfach es ist, über den Zaun zu klettern. »Eine echte Grenze kann man das eigentlich nicht nennen«, sagt er. Ab und zu sind Lumpen im Sand zu sehen, die Grenzgänger binden sie sich um die Füße, um keine erkennbaren Fußspuren zu hinterlassen. Einheiten des Grenzschutzes schleppen Autoreifen hinter ihren Jeeps her. Sie hinterlassen filigrane Muster im Sand. Wenn das Muster unterbrochen ist, dann wissen sie, dass jemand über die Grenze gekommen ist. Manchmal, sagt Craig, habe er sogar kleine Kinder gesehen, die Drogen über die Grenze schmuggeln: »Wenn sie mit ihrer Lieferung fertig sind, kommen sie zu den Minutemen, kriegen eine kalte Cola und lassen sich zurück in ihre Heimat transportieren.«
Für Männer wie Britt Craig und Jim Gilchrist herrscht immer noch Krieg. »Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Vietnam denke«, gibt Gil­christ zu. »Ich sehe immer noch einen Jungen vor mir, der im Bombenkrater im Sterben lag. Er weinte und rief nach seiner Mutter. So etwas vergisst man nicht.« Für Gilchrist war Vietnam die vielleicht intensivste Erfahrung seines Lebens. Im Gegensatz dazu ist alles andere blass und farblos. »Der Krieg verändert einen«, sagt er. »Das macht es für Kriegsveteranen schwer, auf andere Menschen zuzugehen.« Ob das ein Argument dafür sein soll, bewaffnet gegen Einwanderer vorzugehen, lässt er offen. Für die Minutemen ist die kalifornisch-mexikanische Grenze ein Kampfgebiet. Gilchrist scheint durch den Einsatz gegen die »Invasoren« in erster Linie die Intensität der Erfahrungen im Krieg zu suchen. Anerkennung vom Staat und von der Gesellschaft sind ihm weniger wichtig: »Wenn das, was wir tun, dem Rest von Amerika egal ist, kann ich auch nichts dafür.«