Marcel Walldorf erzählt, wie er auf die Idee kam, ein Kunstwerk über eine pinkelnde Polizistin zu machen

»Lieber Geschlechtsorgan als Staatsorgan«

Die Dresdner Kunsthochschule stellt derzeit eine lebensgroße Plastik einer Polizistin in Kampfmontur aus, die hockend auf den Boden pinkelt. Das Werk des Kunststudenten Marcel Walldorf hat große Empörung hervorgerufen, Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) hält das »sogenannte Kunstwerk« für eine »Beleidigung der Polizistinnen« und für eine »Verletzung der Menschenwürde«. Walldorf erhielt für seine Figur einen Kunstpreis der Leinemann-Stiftung und dank eines Berichts in der Bild-Zeitung jede Menge Aufmerksamkeit.

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Haben Sie einen Pinkel-Fetisch, einen Uniform-Fetisch oder beides? Oder wie kamen Sie auf die Idee mit der pinkelnden Polizistin?
Nein, beides nicht, das hat nichts mit Fetisch zu tun. Ich kann gar nicht viel dazu sagen, wie ich auf die Idee kam – außer, dass man schon viele Polizisten irgendwo beim Pinkeln gesehen hat, und Polizistinnen eben nicht. Da habe ich mich eben gefragt, wie das bei einer Polizistin aussehen würde, und habe das dann gebaut. Staatskritik oder dergleichen war eigentlich nicht meine Intention. Wenn das staatskritisch interpretiert wird, ist das ja schön, aber mir ging es vorranging um die Bildidee.
Wie die Bild-Zeitung berichtete, ist die Gewerkschaft der Polizei angesichts der Installation sehr empört, der sächsische Innenminister hat scharf protestiert, Bild-Leser bezeichnen Sie in Kommentaren als perversen Pseudo-Künstler, und einen Preis haben Sie für »Petra« auch noch bekommen. Haben Sie damit gerechnet, dass Ihnen die »Pinkelnde Petra« derart zu Erfolg verhilft?
Überhaupt nicht. Das Ding ist ja schon ein Jahr alt und wird jetzt das vierte Mal ausgestellt. Es war schon in Dresden, Leipzig und Berlin zu sehen, in Berlin sogar zum 1. Mai, was eigentlich ganz lustig war. Aber das hat damals nicht so hohe Wellen geschlagen, das ist erst jetzt passiert.
Warum? Weil Sie jetzt den Preis bekommen haben?
Nein, durch die Bild-Zeitung. Die hat das wohl im Zuge der Preisverleihung erfahren und das dann zum Skandal aufgebauscht.
Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihr Werk für wenig mehr als eine pubertäre Provokation halten?
Nichts (lacht). Das ist für mich dann einfach dumm. Da steckt schon mehr dahinter als eine pubertäre Provokation, ich mache dieses Kunstdingens ja schon ernsthaft (lacht). Wenn man ein bisschen länger darüber nachdenkt, kann man hinter der Installation schon ganz andere Missstände festellen als meine angeblich kranke oder verschrobene Sexualität – von der Arbeit auf den Künstler zu schließen, das ist doch Schwachsinn.
Und was ist Ihre Interpretation des Werks? Dass der nackte Hintern der Beamtin das mensch­liche Antlitz der Polizei zeigt?
Irgendwie muss man das ja schmücken. Aber ich halte es nicht für meine Aufgabe, meine Arbeit zu interpretieren. Was die Audienz daraus macht, ist deren Sache. Und die Publikumsmeinungen gehen ja sehr weit auseinander.
Und wenn ich Sie doch inständig um eine Selbst­interpretation bitte?
Mir ist ein Geschlechtsorgan prinzipiell lieber als ein Staatsorgan. Das habe ich schon der Bild-Zeitung gesagt, aber die hat das leider nicht gedruckt… Meiner Meinung nach geht es schon darum, dass die Polizistin in einer Maschinerie funktioneren muss, um Leute, die nicht funktionieren, zum Funktionieren zu bringen, und in dem Moment, in dem sie nicht in ihrer Rolle funktioniert und da hinpinkelt, funktioniert sie wiederum als Mensch mit Bedürfnissen.