Über die politisch korrekte Ausgabe von »Huckleberry Finn« 

Politische Korrekturen

Eine demnächst in den USA erscheinende Ausgabe des Romanklassikers »Huckleberry Finn« wird ohne das umstrittene N-Wort auskommen.

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Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen Wort ist eine große Angelegenheit – es ist ein Unterschied wie zwischen Blitz und Glühwürmchen«, schrieb Mark Twain 1888 in einem Brief.
Hundertzwanzig Jahre später stehen von Mark Twain mit Bedacht gewählte Worte zur Disposition, und der kleine Verlag New South Books in Alabama hat seinen ersten eigenen Medien­skandal. Mit seiner Ankündigung einer neuen Edition von Mark Twains »Adventures of Tom Sawyer and Huckleberry Finn« hat er in den USA eine neue Debatte um Zensur und political correctness entfacht. Die für Mitte Februar angekündigte Neubearbeitung führt die beiden bislang meist separat erschienenen Romane »The Adventures of Tom Sawyer« (1876) und »Adventures of Huckleberry Finn« (1884) zu einem Band zusammen. Doch die einschneidende und umstrittene Veränderung ist die Entscheidung, das Wort »nigger« durch das Wort »slave« zu ersetzen, »injun« nunmehr durch »indian« sowie »half-breed« durch »half-blood« zu ersetzen.
Der Herausgeber Alan Gribben, Anglistikprofessor an der Auburn University in Montgomery, Alabama, begründet seinen Eingriff in den Text mit dem Unbehagen, das nicht nur ihm, sondern vielen heutigen Lesern die Begegnung mit den herabsetzenden Bezeichnungen für amerikanische Ureinwohner und Sklaven verursacht. Gerade bei öffentlichen Lesungen, bei denen das Wort »nigger« verständlicherweise schwer über die Lippen geht, sei er bereits seit längerem dazu übergegangen, dieses durch »slave« zu ersetzen, und er sei damit auf große Zustimmung beim Publikum gestoßen.
Für Gribben stellt das »pejorative N-Wort«, das er in »Huckleberry Finn« 218 Mal gezählt hat, eine Barriere zwischen dem Buch und seinen zumeist jungen Lesern dar. So ist das Werk wegen seiner Sprache an vielen Schulen von den Leselisten entfernt worden und nimmt bis heute jedes Jahr einen der obersten Plätze auf der von der American Library Association herausgege­benen Liste der am häufigsten aus Schulen und öffentlichen Bibliotheken entfernten bzw. zum Entfernen beantragten Bücher ein.
Die Befürworter der zensierten Ausgabe argumentieren, dass bislang viele Lehrer die – sicherlich fruchtbare und erhellende – Auseinandersetzung mit der problematischen Sprache des Romans gescheut und stattdessen lieber ganz darauf verzichtet hätten, das Buch im Unterricht zu behandeln. Die von Gibben besorgte Aus­gabe könne dem so wichtigen Roman den Weg zurück in die Klassenzimmer ebnen.
Die überwiegend kritischen Stimmen hingegen betrachten die Bearbeitung als einen unerlaubten Eingriff in die Freiheit des Künstlers sowie die Authentizität des Kunstwerkes und sehen in der Bearbeitung einen Verstoß gegen den ersten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der die Rede- und Pressefreiheit garantiert und jede Form der Zensur ausdrücklich verbietet.
Die Befürworter weisen den Zensurvorwurf mit der Begründung zurück, dass diese spezielle Ausgabe schließlich nur eine Alternative zur selbstverständlich weiterhin erhältlichen unzensierten Ausgabe darstellt. Auch die Twain-Forscherin Judith Lee springt ihrem Kollegen Gribben bei: Zwar sei die Sprache Twains ironisch gemeint, doch erfordere das Erkennen von Ironie gewisse »fortgeschrittene interpretatorische Fähigkeiten«. Für das allgemeine Publikum sei daher die bereinigte Version besser geeignet. Die Los Angeles Times spricht in diesem Zusammenhang von »Twain-lite« für die Massen, und die Kolumnistin Kathleen Parker wirft dem »wohlmeinenden Häretiker« Gibben Überheblichkeit gegenüber den Lesern vor, denen er nicht zutraut, den historischen Kontext des Romans zu begreifen.
Der schwerer wiegende Vorwurf hingegen ist der der Geschichtsklitterung. »Mark Twain und unsere rassistische Vergangenheit zensiert« lautete eine der Schlagzeilen, mit der auf der Website change.org eine Petition zur Zurücknahme der neuen Edition läuft. Gibben sei nicht nur ein weißer Mann, der sich anmaßt, im Interesse von schwarzen und indigenen Amerikanern zu handeln, mit der Tilgung der rassistischen Bezeichnungen würden weiße Amerikaner einer echten Debatte über die rassistische Vergangenheit der USA auszuweichen versuchen. Nicht die verletzenden Worte »nigger« und »injun« seien das Problem, sondern der beschämende Umgang mit den so Bezeichneten. Dies lasse sich nicht durch die Eliminierung des heute als peinlich empfundenen Vokabulars kompensieren.
Wer an der Sprache Twains herumlaboriere, verkenne die treffsichere Ironie, mit der der Autor seine Figuren und deren Zeit gezeichnet habe, argumentieren die Verfechter der Werktreue. Die realistische Darstellung des Südstaaten-Milieus, zu der auch die von Twain in die Literatur eingeführte Verwendung der Umgangssprache zu zählen ist, ist als Anklage gegen Sklaverei, Rassismus und Lynchjustiz zu verstehen. »Das Buch ist ein antirassistisches Buch. Wer seine Sprache verändert, verändert seine Aussagekraft«, so Cindy Lovell, Direktorin des Mark Twain Boyhood Home and Museum in Hannibal, Missouri.
»Huckleberry Finn« ist, ähnlich wie der Roman »Uncle Tom’s Cabin«, in dem das N-Wort ebenfalls Verwendung findet, eine Anklage gegen Rassismus und Sklaverei, die ausgerechnet diejenigen nicht rezipieren können, die sich an der als rassistisch empfundenen Sprache stören. Der Hintergrund der Erzählung ist die historische Situation der USA um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Sklaverei in den Südstaaten noch legal war. Die drastische Sprache liefert ein Abbild ihrer Zeit: die Geringschätzung der Sklaven und Indianer kommt darin ebenso zum Ausdruck wie das Leid der so Bezeichneten. Wer die Sprache verändert, verharmlost dieses Leid.
»Huckleberry Finn« handelt vor allem von der Überwindung des alltäglichen Rassismus, den sogar ein Junge mit einem »guten Herz und einem deformierten Gewissen« (Mark Twain) wie Huck zunächst nicht infragestellt. Erst im Laufe ihrer gemeinsamen Reise lernt Huck seinen Begleiter immer mehr zu schätzen und als Menschen wahrzunehmen, weshalb dieser mit Fortschreiten der Erzählung auch immer seltener als »nigger« und immer häufiger mit seinem Namen – Jim – bezeichnet wird. Die Wechselwirkung zwischen Sprache und Denken, die dem Ruf nach politisch korrekten Sprachregelungen zugrunde liegt, wird hier von Twain subtil, aber wirkungsvoll vorgeführt. Hinzu kommt, dass der Roman einen Erzähler hat, nämlich Huck selber. Die Verwendung des N-Wortes gehört zu seinem von Twain sorgfältig rekonstruierten Soziolekt wie die nachlässige Grammatik und die an der Aussprache orientierte Orthographie. Niemand würde auf den Gedanken kommen, Hucks falsche Verwendung von unregelmäßigen Perfektformen oder seine doppelte Verneinung zu korrigieren, um jungen Lesern die Irritation zu ersparen, die durch eine mangelhafte Grammatik ausgelöst werden könnte.
Gribbens Idee ist im Übrigen nicht neu: Bereits in den achtziger Jahren erschien eine Ausgabe von »Huckleberry Finn«, die ebenfalls »nigger« durch »slave« ersetzte, allerdings konnte sie sich in Schulen und Bibliotheken nicht durchsetzen und verschwand relativ ­unbemerkt wieder aus den Regalen. Möglicherweise führt die hitzige Debatte, die das Erscheinen der nun bereinigten Ausgabe begleitet, gerade dazu, dass das dieses Mal nicht passiert.