Viele, viele Millionen

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Es verursachte große Aufregung, dass Andreas Baum, der Spitzenkandidat der Piratenpartei, die Schulden Berlins auf »viele, viele Millionen« schätzte, obwohl es doch etwa 63 Milliarden Euro sind. Man diagnostizierte mangelnden ökonomischen Sachverstand – zu Recht, doch sollte dies als ein weiteres Zeichen dafür gewertet werden, dass die Piraten sich schnell in die bürgerliche Politik einfügen werden. Der Vergleich mit der Gründungsphase der Grünen ist allerdings deplatziert, denn deren Kader hatten meist im Kommunistischen Bund eine halbwegs solide Schulung in marxistischer Wirtschaftstheorie absolviert. Die marxistische Krisentheorie hat oft eine leicht apokalyptische Note, so haben Linksradikale von den vier Finanzkrisen seit 1990 etwa 40 vorausgesagt. Es wurde unterschätzt, wie kunstvoll Finanzgeschäfte aufgebaut werden können und wie lange es dauern kann, bis die global players merken, dass sie eigentlich längst bankrott sind. Doch wird in der marxistischen Wirtschaftstheorie mit einem Instrumentarium gearbeitet, das es erlaubt, ökonomische Prozesse im Spätkapitalismus zu verstehen. Soweit das möglich ist, denn die Irrationalität des Marktgeschehens kann auch geschulte Analytiker verwirren. In der bürgerlichen Politik hingegen schätzt man den Analysten. Der Analyst, der nicht zufällig mit den täglichen Börsennachrichten über uns kam, verhält sich zum Analytiker so wie der Magier zum Wissenschaftler. Während der Analytiker die Ursachen der Krise untersucht, behilft sich der Analyst mit Zaubersprüchen, um die Krise zu bekämpfen.
So wie der damalige Finanzminister Peer Steinbrück im September 2008, nachdem die Bank Lehman Brothers Pleite gegangen war: »Es gibt keinen Anlass, an der Stabilität des deutschen Finanzsystems zu zweifeln.« Der Zauberspruch wirkte leider nicht. Aber man kann es ja immer wieder mal probieren, irgendwann klappt es vielleicht. So sagte der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou am Dienstag: »Ich kann garantieren, dass Griechenland allen seinen Verpflichtungen nachkommen wird.« Doch Papandreou hat das Problem, dass man seinen magischen Künsten nicht vertraut. Überdies hat Philipp Rösler, der Lord Voldemort der Bundesregierung, mit der Formel »geordnete Insolvenz« gestört. So wird es natürlich nie was mit der Krisenbewältigung. Der Tiger hätte schon sehr viel früher zugebissen, wenn Siegfried und Roy sich ständig auf der Bühne gestritten hätten. Um dem für den Fortbestand des Kapitalismus notwendigen völligen Verzicht auf die Vernunft näherzukommen, brauchen wir einen kreativen Analysten mit unkonventionellen Ideen. Andreas Baum muss ­Finanzminister werden! Und Wirschaftsminister gleich dazu. Wenn er oft genug erzählt, dass die Euro-Staaten nur »viele, viele Millionen« Schulden haben, könnte das die Märkte beruhigen, wenn ihm nicht ständig irgendwelche Rechthaber dazwischenfunken.