Über »gefährliche« Tiere in Deutschland

Im deutschen Reich der wilden Tiere

Giftige Raupen und todbringende Mücken fallen in Deutschland ein und sorgen für Aufregung. Dabei haben wir nur verlernt, mit der Natur zu leben.

Es sieht so aus, als würde die Hauptstadt nach 1945 ein zweites Mal fallen: »Gefährliche Giftraupe im Anmarsch«, berichtet die Berliner Tageszeitung B.Z. von der Front, während Spiegel Online gleich den ganzen Kontinent vor der bedingungslosen Kapitulation sieht: »Tigermücken erobern Europa«. Und in Lauchhammer im Landkreis Oberspreewald-Lausitz bei Cottbus sonnt sich eine unbekannte Schlange völlig unbeeindruckt auf einem Brunnen mitten im Ort, so dass die Polizei anrücken muss, um der Gefahr zu begegnen. Was ist da los? Schlägt die Natur zurück? Wird bald jeder Camping-Ausflug zur Safari? Oder werden wir schon im heimischen Garten von außer Kontrolle geratenen wilden Tieren angefallen?

Für die größte Aufregung sorgt derzeit eine braun-gräuliche Motte: der Eichenprozessionsspinner. Das Tierchen ist als Erwachsener so unauffällig wie harmlos, hat aber eine wilde Jugend hinter sich. Seine Raupen rotten sich in großen Gruppen zusammen, um sich dann gemeinsam über ihre Nahrungspflanzen herzumachen, bevorzugt, der Name lässt es ahnen, über Eichen. Dort legen sie große Gespinstnester an und fressen mit ungezügeltem Appetit die Blätter kahl. In ihrem dritten Larvenstadium, im Frühsommer, sind die Raupen mit einem ziemlich effektiven Schutzmechanismus ausgestattet: Sie verfügen über Brennhaare, die es in sich haben. Beim Menschen können sie für starke allergische Reaktionen sorgen. Unangenehme Hautausschläge sind die Folge. Werden die Haare in größerer Konzentration eingeatmet, können asthmaähnliche Symptome auftreten. Man sollte generell die Nähe auch der Gespinstnester meiden, da der Wind sie leicht verwehen kann und die angesammelten Härchen sich dort halten, auch wenn die Raupen bereits ausgeflogen sind.
»Und wo kommen die nun plötzlich her?« mag man da fragen. Die Antwort ist einfach: Sie waren immer schon da. Dass Raupen nämlich insgesamt eher mit Vorsicht zu behandeln sind, sollte man selbst im harmlosen Mitteleuropa beachten, denn eine ganze Reihe von Arten verfügt über wirksame Brennhaare oder Abwehrsekrete. Dass dieses Wissen offenbar großen Teilen der Bevölkerung fehlt, ist ein Zeichen dafür, wie weit die Menschen sich von der Natur entfernt haben. Wenn man Raupen nur in der Ausgabe Nimmersatt kennt, ist die Überraschung natürlich groß, wenn einem die Tierchen den ganzen Arm mit roten Quaddeln überziehen. Der Eichenprozessionsspinner, übrigens keineswegs die einzige für Menschen unangenehme Schmetterlingsart in Deutschland, lungerte schon immer in unseren Wäldern herum, nur dass Misch- und Laubwälder und damit Begegnungen Mensch-Raupe immer seltener wurden. Das allerdings ändert sich nun. Die Raupen, da hat die B.Z. sogar mal Recht, sind tatsächlich auf dem Vormarsch. Denn während in den Medien immer noch eine Debatte darüber inszeniert wird, ob es einen Klimawandel überhaupt gebe, profitiert der Eichenprozessionsspinner längst davon. Er mag es nämlich warm und trocken, und so lässt das sich wandelnde Klima ihn verwegen werden. Er traut sich heraus aus seinem Wald und kommt bis in die Parks und Städte, wo er geeignete Futterpflanzen reichlich findet und nun also auf Menschen stößt, die es gar nicht fassen können, dass so ein Tierchen sich auch zu wehren weiß.

Auch der zweite Medienliebling der Saison, die Tigermücke, profitiert vom Klimawandel, vor allem aber von der Globalisierung. Das kleine Insekt, das auf den ersten Blick aussieht, wie Mücken eben so aussehen, stammt ursprünglich aus Südostasien. Dort muss es auch mit längeren, mückenfeindlichen Trockenphasen auskommen, entsprechend zäh sind seine Eier. Außerdem kommen die Mückenlarven mit Miniaturgewässern gut zurecht, entwickeln sich also auch in den Blattrichtern von Pflanzen oder, die Zeiten ändern sich, in den Mini-Tümpeln, die in im Freien gelagerten Autoreifen entstehen, wenn es regnet. Eigenschaften, der die Mücke einen bemerkenswerten globalen Siegeszug in den vergangenen Jahrzehnten verdankt. Vor allem an alten Autoreifen, die weltweit gehandelt werden, aber auch an Zimmerpflanzen und anderen Handelsgütern gelangen die Mückeneier in alle Welt, und wenn es an ihrem Bestimmungsort regnet, schlüpfen die Mückenlarven und entwickeln sich hurtig. So haben sie bereits große Teile der USA kolonisiert, und auch in Südeuropa sind sie fest etabliert.
In Deutschland wurde die Tigermücke erstmals 2007 nachgewiesen, und eine neue Studie, die gerade für die eingangs erwähnten Schlagzeilen sorgt, hat anhand von Modellierungen errechnet, dass die Neubürger angesichts der zu erwartenden Klimaveränderungen in Mitteleuropa hier in den nächsten 30 Jahren eine wahre Bevölkerungsexplosion erleben dürften, weil die Bedingungen dann ideal für sie sein werden. Das könnte einem zunächst egal sein, denn es gibt immerhin schon rund 50 Mückenarten in Deutschland, da käme es auf eine mehr nun auch nicht an, aber: Die Tigermücke ist ein bewährter Virenüberträger und verantwortlich für Infektionen mit so unschönen Krankheiten wie Gelb- und Dengue-Fieber. Panik ist trotzdem unbegründet: Die Mücken produzieren die Krankheiten nicht, sie können nur die Erreger übertragen, und dafür müssen diese erst einmal irgendwo sein. Wenn es dumm kommt, können die Mücken allerdings tatsächlich zur Bedrohung werden, wie ein von ihnen ausgelöster Chikungunya-Ausbruch in Italien zeigte, eine ebenfalls fiese Krankheit, die im ungünstigsten Fall tödlich verläuft.
Arten wandern, breiten sich aus oder verschwinden, wenn sie mit Veränderungen nicht klarkommen. So war das immer, das ist Evolution. Durch menschliche Einwirkungen verlaufen diese Prozesse heute allerdings sozusagen im Fast Forward. Die eigentliche Bedrohung ist weniger, dass ein paar Tiere bei uns auftauchen, die Ärger machen könnten, sondern dass gleichzeitig um ein Vielfaches mehr Arten für immer verschwinden, mit unkalkulierbaren Risiken für die Ökosysteme und für den Menschen. Der Klimawandel ist dabei ein bedrohlicher Faktor, dessen Auswirkungen allerdings noch verhältnismäßig schwer zu prognostizieren sind. Erheblich konkreter ist die klassische Lebensraumzerstörung.

Das geringste Problem dieser Entwicklung sind gefährliche Tiere in Deutschland, denn verglichen mit praktisch allen anderen Regionen der Welt ist die Natur hierzulande in jeder Hinsicht zahnlos. Säbelzahntiger und Bär sind lange verschwunden, die paar Wölfe, die es inzwischen wieder gibt, sind alle namentlich bekannt und im Grunde harmlos, und ordentliche Gifttiere gibt es sowieso nicht. Am gefährlichsten für Menschen sind immer noch Pferde, gefolgt von Hunden und Katzen.
Ein Gefühl für die reale Bedrohung aber fehlt, deswegen werden immer mal wieder einzelne Tierchen zu alarmierenden Gefahren stilisiert. Jedes Jahr trudeln im Sommer Nachrichten von Feuerwehr- oder Polizeieinsätzen ein, weil irgendjemand irgendwo eine Schlange entdeckt hat, die sich dann in schöner Regelmäßigkeit als Ringelnatter entpuppt. Da ist das Entsetzen groß, wenn mitten in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet plötzlich einfach so eine Schlange auftaucht. Wie sollte man die auch erkennen können? Und inzwischen gibt es eine ganze Reihe von absurden Gesetzen über die Haltung gefährlicher Tiere, obschon es überhaupt keine reale Gefährdungslage gibt. Aber das wilde, ungezähmte Tier ist halt immer gut für den kleinen Grusel zwischendurch, während man sich gleichzeitig über neue Rekordumsätze der Automobilindustrie freut und am Wochenende irgendwelchen lebensgefährlichen Sportarten frönt.
So sorgen sich die Deutschen alljährlich über ganz oder weitgehend harmloses Getier in ihrer Umgebung, während sie achselzuckend am Rande zur Kenntnis nehmen, dass an allen Ecken und Enden der Welt eine Art nach der anderen verschwindet, was zwar letztlich ihre eigene Existenzgrundlage gefährdet, aber niemanden groß aufregt. Aber die Polizei rufen, wenn auf dem Marktplatzbrunnen eine Schlange in der Sonne liegt. Die war in Lauchhammer übrigens aus Plastik, ein liegengebliebenes Kinderspielzeug.

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