Alicia Andares und Helena Scully im Gespräch über »Occupy Mexiko« und den Feminismus

»Gewalt gegen Frauen ist normal geworden«

Auch in Mexiko gab es im vergangenen Herbst eine »Occupy«-Bewegung. Zwar sind deren Aktivitäten inzwischen wie überall abgeflaut, die Diskussionen und Konflikte dauern jedoch an. Beteiligt an »Occupy Mexico« waren auch die Feministinnen Alicia Andares und Helena Scully. Die 35jährige Andares arbeitet als Übersetzerin, die 17jährige Scully macht gerade ihr Abitur in Mexiko-Stadt. Als Feministinnen waren die zwei Frauen bei »Occupy Mexico« zunächst eher Exotinnen, verwandelten das Zeltlager im Laufe der Besetzung aber auch in einen öffentlichen Raum von und für Frauen. Mit ihnen sprach die Jungle World über Feminismus bei »Occupy« und in Mexiko, aber auch über die anstehenden Präsidentschaftswahlen und die notorische Gewalt.

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Besetzte öffentliche Plätze und Protestcamps gibt es in Mexiko-Stadt ja immer irgendwo. Worum ging es bei den »Occupy«-Protesten?
Scully: Es ging um die mexikanische Politik, um die Präsidentschaftswahlen im Juli. Das wichtigste Thema war jedoch die Gewalt in Mexiko.
War die »Occupy«-Bewegung auch ein Versuch, öffentliche Räume zurückzugewinnen, die während des sogenannten Kriegs gegen die Drogen immer mehr verschwinden?
Andares: Also in Mexiko-Stadt hat die Zahl öffentlicher Räume in den vergangenen Jahren eher zugenommen, wahrscheinlich auch, weil wir hier seit mehr als zehn Jahren von Linken (von der »Partei der demokratischen Revolution«, PRD, Anm. d. Red.) regiert werden. In vielen anderen Städten hat die tägliche Gewalt dazu geführt, dass die Straße ein feindlicher Ort geworden ist.
In São Paulo versuchte die Polizei im vergangenen Jahr, »Occupy«-Camps mit informellen Schlägertrupps aufzulösen. Gab es das auch in Mexiko?
Scully: In Mexiko-Stadt nicht, aber in anderen Gegenden, vor allem im Norden des Landes, ging die Polizei gewaltsam gegen die »Occupy«-Bewegung vor.
Andares: Wirklich heftig war es in Ciudad Juárez. In dieser Stadt ist es ja sowieso schon gefährlich, aus dem Haus zu gehen. Aber die Empörten trauten sich trotzdem raus und stellten auf den Straßen Kreuze aus Pappe auf, um auf die gewaltsamen Todesfälle in der Stadt aufmerksam zu machen. Darauf reagierte die Polizei mit Repression und Festnahmen. Doch dank der breiten Unterstützung von »Occupy«-Camps aus anderen Städten dauerte es weniger als einen Tag, bis die Aktivistinnen und Aktivisten wieder freikamen. Das war etwas noch nie Dagewesenes.
Sie bezeichnen sich beide als Feministinnen. War es schwer, feministische Ansätze bei »Occupy« durchzusetzen?
Scully: Ich kam zunächst allein bei »Occupy« an und hatte dort als Feministin einen schweren Stand. Es gab ständig Auseinandersetzungen, sowohl mit Frauen als auch mit Männern. Sie wollten nicht von Feminismus sprechen, da wir doch alle gleich seien. Ich versuchte dagegen zu halten, dass es um gleiche Rechte gehe und nicht darum, alle gleich zu machen.
Andares: Zufällig hatte ich kurz vor Beginn von »Occupy Mexico« mit 40 Frauen aus ganz Mexiko ein eigenes politisches Zeltlager organisiert. Zusammengeführt hatte uns das Interesse, Wege zu finden, feministische Themen wieder stärker in die sozialen Bewegungen zu tragen, wie die Auseinandersetzung mit Feminizid (systematisches Töten von Frauen, Anm. d. Red.), struktureller Gewalt und der Auswirkung der Militarisierung des Landes auf Frauen, aber auch mit sexueller Vielfalt und dem Recht auf Abtreibung. Deshalb beschlossen einige von uns, als Gruppe unter dem provokanten Namen »La chichi indignada« (»die empörte Titte«) ins »Occupy«-Camp zu ziehen und dort eine Reflexion darüber anzuregen, was die alltägliche Gewalt für Frauen bedeutet.
Welche Frauen sind heute in Mexiko am stärksten von der eskalierenden Gewalt in der Gesellschaft betroffen?
Andares: Seit die Regierung das Militär im Kampf gegen die Drogenkartelle auf die Straße geschickt hat, ist die Zahl der Vergewaltigungen von Migrantinnen so stark gestiegen, dass heute eine Frau auf ihrem Weg von Zentralamerika in die USA im Durchschnitt neun Mal vergewaltigt wird. Die Migrantinnen sind zu einer Art Kriegsbeute geworden. Und im Norden nimmt die Zahl der Feminizide weiter zu. Frauen werden ermordet, weil sie Frauen, arm und Arbeiterinnen sind.
Was hat sich für Sie persönlich verändert?
Scully: Ich habe mehr Angst, auch wenn ich in den Kreisen, in denen ich mich bewege, wohl wenig zu befürchten habe. Aber auf der Straße hat die verbale Gewalt spürbar zugenommen. Die Machosprüche sind nicht mehr »Hey, Püppchen«, sondern gleich »Ich werd dich mal richtig ficken.«
Andares: Gewalt gegen Frauen ist normal geworden. Es gibt Anzeigen, die davor warnen, nachts aus dem Haus zu gehen. Die Botschaft an die Frauen lautet schlicht, besser auf sich aufzupassen, anstatt dass politische Lösungen gegen die Gewalt angeboten werden.
Scully: Der Präsidentschaftskandidat der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), Enrique Peña Nieto, stritt noch bis vor kurzem ab, dass es in dem Bundesstaat México, in dem er bis dato Gouverneur war, einen Feminizid gebe. Dabei hat der um die Hauptstadt gelegene Bundesstaat eine der höchsten Mordraten an Frauen.
Ist es angesichts dieses Ausmaßes der Gewalt möglich, sich ihr zu entziehen und selbst eine völlig gewaltfreie Politik zu praktizieren?
Scully: Ich ziehe mich aus der Kriegsmaschine so weit zurück wie ich kann. Wenn die Polizei meine Freundinnen schlägt, dann verteidige ich sie natürlich. Ich kann die Gewalt nicht einfach so aus meinem Leben ausschließen, solange es Gewalt gibt, die explizit gegen mich gerichtet ist. Doch so weit ich kann, werde ich von mir aus keine Gewalt anwenden.
Andares: Für mich war es dabei wichtig, auch den Zwang zur Selbstaufopferung abzulegen und nicht immer zu denken: Ich muss in der ersten Reihe stehen, wenn es Pflastersteine regnet. Ebenso wichtig ist es, sich Auszeiten zu nehmen, um Glück wieder zu etwas unmittelbar Erlebbarem zu machen und produktiv sein zu können. Ich habe im Laufe meiner politischen Arbeit festgestellt, dass wir als Frauen nicht so schnell mit einem Waffenstillstand rechnen können. In der formellen Politik werden sich keine Räume öffnen, deshalb habe ich mich davon abgewandt.
Bedeutet das nicht, sich mehr und mehr ins Private zurückzuziehen?
Andares: Ich bin im Moment vor allem Übersetzerin, Lektorin für Artikel, politische Zeitschriften und Bücher. Ich arbeite in verschiedenen Netzwerken und gemeinsam mit Helena an einem Projekt, das sich »Institut für idyllische Studien« nennt. Es geht dabei darum, unter Aktivistinnen weltweit eine Reflexion darüber anzuregen, was es heißt, glücklich zu leben. Das ist für mich kein Rückzug ins Private, sondern eine Möglichkeit, sich zu sammeln und zusammen auf einen internationalen Aufbruch hinzuarbeiten, jenseits von Grenzen und Nationalitäten.
Eure politischen Ansichten teilen im Moment sicher die wenigsten Mexikanerinnen. Die Mehrheit hofft eher darauf, der Gewalt ein Ende zu bereiten, indem sie bei den anstehenden Wahlen für den Kandidaten des PRI stimmt und die einst mächtigste Partei zurück an die Spitze holt. Frustriert dieses fortwährende Hoffen auf einen Wandel von oben?
Scully: Ich glaube, dass der PRI nur per Wahlbetrug zurück an die Macht kommen wird. Denn die Leute haben diese Art Politik satt. Der Hoffnungsträger für viele ist eher Andrés Manuel López Obrador vom linken Wahlbündnis Morena. Seine Wahl könnte schon einen Wandel bedeuten, auch wenn er von oben kommt. Aber der Weg dahin ist nicht, einen Pakt mit den Drogenkartellen aus­zuhandeln. Hoffen wir lieber, dass er die Legalisierung aller Drogen vorschlagen wird.
Andares: Ich widerspreche Helena da. Ich weiß, dass viele für Morena stimmen werden, aber nicht die Mehrheit. Viele werden für den PRI ­votieren, einfach aus Angst. Wenn linke Positionen mehrheitsfähig wären, müssten wir doch nicht auf diese Wahlfarce warten, sondern könnten einen direkten gesellschaftlichen Wandel einleiten.