Der umstrittene Begriff des Ökotourismus

Alles so schön grün hier

Wohin soll die Reise gehen? Wer seinen ökologischen Fußabdruck klein halten will, hält es gerne mit dem Ökotourismus.

Spätestens seit dem UN-Jahr für Ökotourismus vor zehn Jahren träumen viele bei diesem seither geläufigen Begriff von einer Kanutour durch vermeintlich unberührte Regenwälder im Amazonas, von einem Besuch bei den Berggorillas oder einem Streifzug durch ayurvedische Kräutergärten – jeweils begleitet von orts- und fachkundigen Einheimischen, die ihr traditionelles Wissen über die Tier- und Pflanzenwelt gerne teilen. Auch nimmt die Zahl derer zu, die unter den regionalen und internationalen Angeboten des Ökotourismus eine Alternative zur selbstorganisierten Reise finden – oder eben zum All-inclusive-Resort, das wegen seines massentouristischen Charakters im Ranking umweltbewusster Urlauberinnen und Urlauber schlecht wegkommt.
Die Varianten dessen, was Reisende unter Ökotourismus verstehen, sind so widersprüchlich wie die Versprechen derer, die daran verdienen. Ökotourismus verdankt sein positives Image weniger dem Bau von Klima- und Kläranlagen in Hotelunterkünften oder einem individuellen Verzicht auf Flugmeilen als der Verheißung einer einzigartigen Naturerfahrung – oft gepaart mit dem Reiz, dem »Fremden« zu begegnen. Der beim westlichen Touristen auf kolonialem »Wissen« über archaische kulturelle Vielfalt basierende exotistische Blick in die Ferne sucht diejenigen Ziele, die Einklang mit der Natur symbolisieren: kleine Fischer- und Bauernvölkchen, Savannenbewohner mit Speeren, ganzkörpertätowierte Südseetänzer. Mit derlei Darstellungen glänzen zumindest die Reisekataloge. Oft wollen Ökotouristinnen und -touristen hinter die Kulissen blicken. Das »going native« oder die Begegnung mit Indigenen – am liebsten auf Augenhöhe – ist ein post­koloniales Relikt, das sich großer Beliebtheit erfreut und dem die unternehmensorientierte Tourismusforschung einen wachsenden Markt prophezeit.
Der »Urlaub auf Balkonien« wäre eigentlich der konsequenteste und klimaschonendste Weg, ethische Ansprüche an den Urlaub zu erfüllen. Die Ferntourismusbrache profitiert aber vom angeblich ökologischen Bewusstsein: Die Diversifizierung der Angebote, die neue Seite im Katalog, ist Teil einer erfolgreichen Unternehmensstrategie. Die »drei S« – Sonne, Sand und See – reichen im harten internationalen Wettbewerb der Destinationen und Reiseveranstalter nicht mehr aus, um die finanzkräftigen Urlauber für sich zu gewinnen. Welchen Anteil ökotouristische Angebote am Reisegeschäft haben, ist schwer einzuschätzen, die Angaben schwanken zwischen sieben und 20 Prozent.

Was die einen loben, ist bei anderen verpönt. Mit dem Ökotourismus ist die Kritik an den grünen Angeboten gewachsen. So wurde von umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen viel über »Etikettenschwindel« debattiert, was schließlich in einem Wettbewerb um die besten Labels mündete: Grüne Schlüssel, blaue Flaggen, Steinböcke und Kraniche sowie weltweit rund 60 weitere Gütesiegel zeichnen Ferienorte und Unterkünfte aus. Die meisten orientieren sich an ökologischen Kriterien, die von Hotelunternehmen oder Reiseveranstaltern eingehalten werden müssen. Der Labeldschungel erleichtert kritischen Konsumentinnen und Konsumenten die Auswahl nicht wirklich. Zudem macht eine gute Ökobilanz allein noch keine faire Reise aus.
Tatsächlich ist der Ökolabelmarkt auch ein Ergebnis der Debatten über die natur- und klimabelastende Wirtschaftsweise des Tourismus, die Hans Magnus Enzensberger vor 50 Jahren mit den Worten beschrieb: »Der Reisende zerstört, was er sucht, indem er es findet.« Beklagt wurde von frühen Kritikern des Tourismus wie der Initiative »Tourismus mit Einsicht« die Zerstörung von Natur und Kultur, der eigentlichen Ressourcen des Tourismus, durch die Touristinnen und Touristen selbst. Nicht nur »Teutonengrill« und »Landschaftsfresser« in Europa gerieten ins tourismuskritische Visier. Initiativen wie das »Third World Network«, das »Tourism Investigation and Monitoring Team« (T.I.M.-Team) und »Equations« aus Indien berichteten alljährlich auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin und auf UN-Umwelt- und Klimakonferenzen über Bodenspekulation, Landraub, Verbauung, Abfallprobleme, Korallensterben, Verschuldung und Verdrängung der Ärmsten infolge der Entwicklung touristischer Strukturen.
Ein paar Jahre später proklamierten Verteidiger der Tourismuspolitik, der Fremdenverkehr eigne sich als Instrument des Naturschutzes, weil über Eintrittsgebühren in Nationalparks das Management der Natur finanziert werden kann. Bald folgte ein Lob auf den Tourismus als Instrument der Armutsbekämpfung, der Arbeitsbeschaffung und der ländlichen Entwicklung. Insbesondere für die armen Länder des globalen Südens wird so der Tourismus zum Retter der bedrohten Natur und der Armen umdefiniert. Seither ist Tourismus auch entwicklungspolitisch wieder förderwürdig. Inzwischen vermarkten sich ganze Länder als Ökotourismusziele – obwohl die Ökobilanz der Reisenden miserabel ist. »Bisher haben alle neuen Tourismusformen dazu gedient, die Speerspitzen der Kritik zu brechen, die Initiativen wie das Third World Network in die Debatte warfen«, kommentiert Anita Pleumarom vom T.I.M.-Team aus Thailand das tourismuspolitische Agendasetting.
Nachdem die UN 2002 das Jahr des Ökotourismus ausgerufen hatten und dieser im Rahmen internationaler Umweltabkommen als verheißungsvolles Konzept debattiert wurde, gibt es immer mehr hübsch begrünte Katalogseiten mit Reiseangeboten in die Naturreservate des Globus. Mit dem Ökotourismus-Argument wurden in vielen Ländern Mikrokredite für indigene Gemeinden vergeben und als partnerschaftliche Entwicklungsinstrumente gelobt. Eine kanadische NGO hat einige indigene Akteure nach ihren In­teressen befragt. An erster Stelle stand da nicht etwa der Zugang zu Krediten, sondern die Anerkennung ihrer Landrechte, nicht die Chance, als Reiseführer, Koch oder Zimmermädchen zu arbeiten können, sondern Gesundheitsversorgung, Bildung, Mitsprache und demokratische Rechte.
Viele arme Länder investieren in den Ausbau touristischer Infrastruktur wie Flughäfen, Zufahrtsstraßen, Sicherheit, Kläranlagen, Wasser- und Energieversorgung. Finanziert wird dies nicht selten durch die Aufnahme teurer Kredite – und damit letztlich aus den Steuern der Bewohnerinnen und Bewohner. Deren Rechte auf Wohnen, Land, Zugang zu Wasser oder Arbeit werden durch die touristische Erschließung jedoch oftmals untergraben. Pleumarom zufolge werden Steuergelder statt für Schulen und Gesundheitsversorgung für den Bau und die Unterhaltung von luxuriösen Tourismusanlagen ausgegeben. Mit den bekannten Folgen: Menschen werden von ihrem Land vertrieben, Wasser und andere Ressourcen werden Kleinbauern entzogen und Tourismusunternehmen zur Verfügung gestellt. Tourismuserschließungen ziehen wiederum Arbeitsmigrantinnen und -migranten an, die für Niedriglöhne arbeiten müssen, und die Lebenshaltungskosten steigen.

Die UN-Welttourismusorganisation (UNWTO) hebt seit dem Weltgipfeltreffen für Nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg, auf dem die Halbierung der Armut bis 2015 vereinbart worden war, das »armutsreduzierende Potential« des Tourismus hervor. Dabei ist belegt, dass die »Industrie ohne Schornsteine« Armut vielerorts befördert. Zehn Jahre nach dem Gipfeltreffen ist die Wirkung des Konzeptes etwas verpufft, auch die Reisebranche spürt die Finanzkrise, die Wachstumsprognosen von bis zu sechs Prozent jährlich konnten nicht erfüllt werden. Wie passend war da, dass sich die CSD 2012 zum zwanzigsten Mal jährte. Bei der Konferenz »Rio+20« warb die UNWTO mit folgender Botschaft für ihre Branche: Tourismus sei im »Green Economy«-Bericht der UN als einer von zehn Sektoren identifiziert worden, deren grüne Umgestaltung Wohlstand erhöhen, Beschäftigung schaffen und Armut reduzieren könne. Geoffrey Lipman, der Präsident des Internationalen Rates der Tourismusindus­trie, präsentierte bei dieser Gelegenheit sein neues Buch über das grüne Wachstum der Tourismusbranche – und ist damit der Realität einen Schritt voraus.
Potential zur Einsparung von Treibhausgasen gibt es im Tourismus sicher, denn energieintensive Technik – vom beheizten Swimmingpool und der Getränkekühlung bis hin zur Klimaanlage – macht den Urlaub zum Luxusgut. Ein Urlauber konsumiert am Tag bis zu hundert Mal so viel Energie wie zu Hause. Insofern ist die Tourismusinfrastruktur ein attraktiver Markt für Umwelttechnologieunternehmen.
Michael Frein vom Evangelischen Entwicklungsdienst findet gegenüber Tourism Watch klare Worte zum »Green Economy«-Fieber: »Im Grunde wiederholt das Kapitel zu Tourismus die Probleme des Kapitels zur Green Economy. Es geht darum, Investitionen zu lenken und marktorientierte Lösungen voranzutreiben, es geht nicht darum, Menschenrechte durchzusetzen und Benachteiligten zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen.«
Die Kritik an den grünen Metaphern der Tourismuswerbung mag vorhersehbar sein, weil Werbung schließlich den Auftrag hat, Versprechen und ein gutes Urlaubsgewissen zu vermarkten. Der Blick auf die Realität hinter dem Glanz der Broschüren verspricht, gutgemeinte von fairen und diese von rein profitträchtigen Strategien zu unterscheiden. Hinter manch einem Angebot stehen tatsächlich mit sozialer Umsicht gestaltete Reisen, von denen auch diejenigen profitieren, deren Lebensort zum Sightseeing-Spot umgestaltet wurde. Was wenig reflektiert wird, ist der Prozess der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, den der Diskurs über die Ökoreise und die »Green Economy« auslöst: Der Indio wird zum Touristenguide, der westliche ­Zivilisierte durch den Urwald führt, der Tourist wird zum Heilsbringer, der mit seiner Reise die Dorfentwicklung finanziert. Arme Bevölkerungsgruppen, die von den Errungenschaften der Moderne nicht profitieren, werden dort fest verortet, schlimmstenfalls konserviert in folkloristischen Settings als Ressource für das touristische Geschäft, für die Aufrechterhaltung des Mythos über die intakte Beziehung von Mensch und Natur, während der mobile Reisende sich auf dem Globus à la Carte bedient.