Der griechische Dokumentarfilm »Catastroika«

Griechenlands Antwort auf Michael Moore

Der griechische Dokumentarfilm »Catastroika« schildert auf drastische Weise die Auswirkungen der Privatisierung von Staatseigentum.

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Catastroika« ist der Titel eines Dokumentarfilms, der zeigen will, welche Katastrophen über die Bevölkerung Griechenlands hereinbrechen, wenn die Forderung der aus Vertretern der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds bestehenden »Troika« nach Privatisierung von Staatseigentum durchgesetzt wird. Der Film geht dabei genauso drastisch vor, wie sein Titel erwarten lässt. Es ist bereits der zweite Dokumentarfilm der beiden Filmemacher Aris Chatzistefanou und Katarina Kitidis, der sich mit der Krise in Griechenland beschäftigt. In ihrem ersten Film mit dem Titel »Debtocracy« wird gezeigt, wie Griechenland gleich einem Dritte-Welt-Land in die Schuldenfalle getrieben und unter die Aufsicht von EU und IWF gestellt wird. Die Trikontisierung Griechenlands wird mit dem Modell der Dependenztheorie erklärt: Diese geht davon aus, dass äußere Faktoren die Entwicklungsländer dauerhaft in eine strukturell stabile, nachrangige Position innerhalb der Weltwirtschaft drängen, und nicht endogene Faktoren wie kulturelle oder klimatische Bedingungen dafür verantwortlich sind. Den Film »Debtocracy« hatten nach einem Monat schon über eine halbe Million Griechen gesehen. Seitdem gelten die Filmemacher als Griechenlands Antwort auf Michael Moore. Die Filme werden auf öffentlichen Plätzen in Griechenland gezeigt und sorgen oft für lebhafte Diskussionen im Publikum.
Die »Verramschung des griechischen Gemeinwesens zugunsten internationaler und griechischer Konzerne«, wie es im Filmkommentar von »Catastroika« heißt, wird in bester globalisierungskritischer Tradition als ein Prozess geschildert, der mit der Privatisierung von Staatseigentum in Großbritannien, Frankreich und Italien sowie der Zerschlagung der DDR begonnen hat.
Der Begriff Catastroika ist ein Kofferwort aus Catastrophe und Perestroïka und bezeichnete ursprünglich den Zusammenbruch der Sowjetunion. Mit diesem Ereignis beginnt der Film, in Interviews schildern die der linken russischen Opposition verbundenen Wissenschaftler Alexander Buzgalin und Boris Kagarlitzky, wie aberwitzig und irrational die Privatisierungen vor sich gingen. Fabriken und Hotels wurden unter Wert verschleudert, schnell bildete sich eine neue Oligarchie heraus. Die Globalisierungskritikerin Naomi Klein schildert die sozialen Folgen: die Verarmung großer Bevölkerungsteile, die sich nur noch aus dem eigenen Garten mit Nahrung versorgen konnten, Kinderprostitution, Ausbreitung von Aids, der Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung um zehn Jahre. Stattgefunden habe so etwas wie »die Dezimierung einer Nation«, sagt Naomi Klein plakativ.
Die private Aneignung des Staatseigentums ging einher mit einer Einschränkung demokratischer Rechte, so Kagarlitzky: Ohne Boris Jelzins Staatsstreich gegen das Parlament, den Obersten Sowjet, hätte sich der Ausverkauf 1993/94 nicht durchsetzen lassen. Im Film sind nahezu vergessene Archivbilder zu sehen: Wie Soldaten mit Panzern auf das Gebäude des Obersten Sowjet schießen, in dem die gewählten Abgeordneten aus Protest gegen die Auflösung ihres Parlamentes per Präsidentendekret ausharren. Es war die Zeit, als im Westen »das Ende der Geschichte« verkündet wurde, der vollständige Sieg des freien Marktes über staatlich organisierte Ökonomien.
»Catastroika« veranschaulicht den Siegeszug des sogenannten Neoliberalismus. Der Begriff fällt in dem Film oft. Kritiker des Finanzmarkts bezeichnen so vereinfachend eine Politik der staatlichen Deregulierung und der Privatisierung von Staatsbetrieben und -behörden ebenso wie Sozialabbau und den Abbau sozialer Rechte. Der Film geht auf die marktwirtschaftliche Diktatur Pinochets in Chile ebenso ein wie auf die Apologetin des freien Marktes, Margaret Thatcher. Ein Berater von Thatcher war Friedrich von Hajek, einer der als »Chicago Boys« berühmt gewordenen US-Ökonomen, der im Film so zitiert wird: »Was Pinochet in Chile geschaffen hat, ist wunderbar«. »Catastroika« zeigt das ganze Arsenal der neoliberalen Wissenschafts- und Politikpropaganda. Leider werden dabei auch etliche Verschwörungstheorien aufgetischt: So sollen auf vielen Schreibtischen in der deutschen Treuhandanstalt angeblich Bilder von Thatcher gestanden haben!
Die Verramschung des Staatseigentums der DDR durch die deutsche Treuhand wird geschildert. Es gibt Zahlen, Zitate, Zwielichtiges: »Jeden Tag, auch sonntags, waren zehn bis 15 Betriebe zu privatisieren«, lautet der Kommentar im Film. Von 4,5 Millionen Arbeitsplätzen in den VEB blieben nur 1,5 Millionen übrig, die ehemalige DDR sollte ein Absatzmarkt sein, keine Konkurrenz: So wurden von der westdeutschen BASF die Kalibergwerke von Bischofferode aufgekauft, um sie zu schließen, weil der Konzern sein Kalimonopol behalten wollte.
Der Film beschäftigt sich schlaglichtartig mit der Privatisierung der Eisenbahnen in England, der Wasserversorgung in Paris und der Stromversorgung in Kalifornien. Leider kommen die dort Beschäftigten kaum zu Wort. Ausführlich dagegen erklären Slavoj Žižek, Naomi Klein, Ken Loach oder Greg Palast die Welt. Was der Film aber nicht thematisiert, ist die Schwäche des Widerstandes: Warum haben nur so wenige gegen den EU-Vertrag von Lissabon protestiert, warum war der Widerstand gegen die »Austeritätspolitik« nur marginal? Weniger Empörung und ein bisschen mehr Analyse hätten der Dokumentation gut getan.
Bereits im Jahr 2008, also vor der Schuldenkrise, begann die damalige griechische Regierung der Nea Dimokratia eine Kampagne zur Privatisierung der Wasserversorgung. Als Chef der Wasserwerke wurde ein ehemaliger Manager eines Wasserkonzerns eingesetzt, der umgehend von »Griechenland als letztem Bollwerk des Sowjetimperiums« sprach, um für die Privatisierung zu werben. Auch die Stromversorgung wurde bereits seit 2000 für Konzerne attraktiv gemacht: durch systematische Preiserhöhungen für die Verbraucher. So stellt sich das Filmteam in der Kontroverse innerhalb der griechischen Opposition klar auf die Seite derjenigen, die nicht nationalistisch argumentieren, sondern auch die Verantwortung griechischer Politiker und Unternehmer an der Privatisierung des Staatseigentums benennen.
Der Film der beiden griechischen Journalisten hatte am 26. April 2012 im Internet Premiere und ist seitdem als Videostream in verschiedenen Sprachfassungen zugänglich. Die deutsche Fassung ist nicht gerade empfehlenswert, der Aktivist von Attac, der sie besorgt hat, scheint mit dem Computerprogramm zum Erstellen von Untertiteln noch nicht ausreichend vertraut zu sein. Das stört. Die englische Untertitelung ist da sehr viel besser. »Catastroika« wurde mit Spenden finanziert und – natürlich – unter einer Creative-Commons-Lizenz produziert: Es geht eben immer auch anders.

Catastroika (Griechenland 2012). Regie: Aris Chatzistefanou, Katarina Kitidis. Originalfassung mit englischen oder deutschen Untertiteln

Infos und Videostream: