Ein Buch über den von Nazis ermordeten Fußballer Julius Hirsch

Nach Auschwitz deportiert

In einer neu erschienenen Biographie zeichnet Werner Skrentny die Lebensgeschichte des von den Nazis ermordeten Fußballers Julius Hirsch nach.

Anzeige

Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine besuchte eine Delegation des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Neben hochrangigen Verbandsfunktionären und Bundestrainer Joachim Löw gehörten ihr auch Mannschaftskapitän Philipp Lahm sowie die in Polen geborenen Spieler Lukas Podolski und Miroslav Klose an. Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sah darin eine verpasste Chance: »Wenn die komplette Nationalmannschaft gekommen wäre, hätte man damit Hunderttausende junger Menschen erreicht, mehr als mit tausend Gedenkreden.« Englands Team habe Auschwitz wenige Tage später mit allen Spielern besucht (gleichfalls die Mannschaften Italiens und der Niederlande). Und der Historiker Moshe Zimmermann stellte die berechtigte Frage: »Wieso ausgerechnet Klose und Podolski? Hat ihre polnische Herkunft etwas mit den Verbrechen der Deutschen an den Juden zu tun?«
Ja, was hat den DFB davon abgehalten, in voller Mannschaftsstärke nach Auschwitz-Birkenau zu reisen? Es wäre doch, neben dem Effekt, den Graumann zu Recht betont, die Chance gewesen, Julius Hirschs zu gedenken, jenes deutschen Fußballnationalspielers, der im März 1943 nach Auschwitz deportiert worden war und von dort nie mehr zurückkam. Aber mit dem Gedenken an den Juden Hirsch hatte der größte Einzelsportverband der Welt schon immer Probleme. Denn wer Julius Hirsch war und was mit ihm ab März 1933 geschah, davon wurde viele Jahrzehnte nicht gesprochen, nicht von den großen und kleinen Fußballfunktionären und auch nicht von den Sportjournalisten.
Der erste, der sich mit der Lebensgeschichte des ehemaligen Linksaußen bzw. Halblinken beschäftigte, war Anfang der neunziger Jahre Werner Skrentny. Derselbe Autor hat nun die Biographie Julius Hirschs vorgelegt. Danke, endlich, möchte man sagen angesichts der Unmenge an großteils überflüssigen Biographien und Autobiographien deutscher Fußballspieler, die seit Anfang der fünfziger Jahre erschienen ist. Skrentny zeichnet Hirschs Lebensweg akribisch nach, schildert die wichtigsten Stationen von dessen durch den Ersten Weltkrieg unterbrochener Fußballkarriere, berichtet ausführlich über den Horror, der ab 1933 über den einst gefeierten Sportler hereinbrach, über Hirschs Deportation und das Überleben seiner Kinder.
Und Skrentny berichtet auch ausführlich über den zweiten deutschen Juden, der in der Fußballnationalmannschaft spielte: Gottfried Fuchs. Wie Hirsch gewann er für den Karlsruher FV 1910 die deutsche Meisterschaft, wie Hirsch stürmte er beim Olympischen Fußballturnier 1912 in Stockholm für Deutschland, wie Hirsch kämpfte er im Ersten Weltkrieg für Deutschland – anders als Hirsch gelang ihm die Flucht aus Deutschland. Doch wie Hirsch wurde auch Fuchs vom DFB mehr als 50 Jahre totgeschwiegen. Da half nicht einmal die Fürsprache von Sepp Herberger, dessen erfolgreiche Arbeit als Fußballnationaltrainer 1954 es den Deutschen neuneinhalb Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ermöglicht hatte, diesen pietätlosen Satz auszusprechen: »Wir sind wieder wer.«
Fuchs, der in Kanada lebte, war das Idol Herbergers, was nicht verwunderlich ist angesichts der zehn Tore, die der Mittelstürmer am 1. Juli 1912 beim 16:0 der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Russland erzielte – ein Rekord für die Ewigkeit. Herberger schrieb an Fuchs, zum ersten Mal 1955. Fuchs antwortete freundlich aus Kanada, wohin er emigriert war. 1972 bat Weltmeistertrainer a. D. Sepp Herberger den damaligen Vizepräsidenten und späteren Präsidenten des DFB, Hermann Neuberger, Gottfried Fuchs nach Deutschland einzuladen, zum Fußballspiel Bundesrepublik Deutschland gegen die Sowjetunion, mit dem das Olympiastadion in München eingeweiht wurde. »Eine solche Einladung als ein Versuch der Wiedergutmachung willfahrenen (sic) Unrechts würde sicherlich nicht nur im Kreis der Fußballer und Sportler, sondern überall in Deutschland ein gutes Echo finden«, meinte Herberger – und täuschte sich. Denn beim DFB bestand »keine Neigung, im Sinne Ihres Vorschlags zu verfahren«. Fuchs starb am 25. Februar 1972 in Montreal.
Dies und noch viel mehr hat Skrentny recherchiert und wohl durch seine 1993 publizierten Texte über Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, seine Gespräche und Anregungen im Verbund mit anderen kritischen Sportjournalisten und -historikern erreicht, dass die ehemaligen jüdischen Fußball-Nationalspieler vom DFB nicht mehr verleugnet werden konnten. In dem vom DFB unterstützten, 1997 publizierten Lexikon »Deutschlands Fußball-Nationalspieler« von Jürgen Bitter wird über Hirsch und Fuchs auf der Grundlage von Skrentnys Text von 1993 berichtet. In der Ausstellung »Der Ball ist rund. 100 Jahre DFB« im Jahr 2000 wurde auf Anregung von Skrentny ein Gedenkraum für Julius Hirsch eingerichtet. Und seit 2005 gibt es den vom DFB gestifteten Julius-Hirsch-Preis – »zur ehrenden Erinnerung an seinen jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch«.
Wieso die deutschen Nationalspieler vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine zur ehrenden Erinnerung an den jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch nicht, wie die Engländer, Italiener und Niederländer, vollständig nach Auschwitz gereist sind, bleibt das Geheimnis der DFB-Granden.

Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. Biographie eines jüdischen Fußballers. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2012, 352 Seiten, 24,90 Euro