Die Zukunft des Dollar

Die Währung währt nicht ewig

Die Kräfteverhältnisse in der Weltökonomie verändern sich. Zahlen bald alle nicht mehr in US-Dollar, sondern in Yuan?

Im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ist die »gelbe Gefahr« ein Dauerbrenner. Auf der Suche nach außenpolitischen Themen, mit denen man sich auch ohne große Sachkenntnis profilieren kann, hat Mitt Romney China als ökonomischen Lieblingsfeind entdeckt. Die Regierung Barack Obamas gehe nicht energisch genug vor, um US-amerikanische Wirtschaftsinteressen zu schützen, behauptet er. Auch bei der zweiten Fernsehdebatte mit Obama wiederholte der republikanische Kandidat sein seit März unverändertes Mantra: »Wenn ich Präsident bin, werde ich China als Währungsmanipulator brandmarken und Einfuhrzölle erheben, um die chinesische Regierung von unfairen Handelspraktiken abzuhalten.« Es ist eine der wenigen Aussagen Romneys, die im Laufe dieses Wahlkampfes unverändert geblieben sind.
Das Wetteifern der beiden Kandidaten um die schärfsten Töne gegen die Volksrepublik wurde begleitet von der Verabschiedung erster Wirtschaftssanktionen. Am 9. Oktober beschloss der US-Senat, in dem die Demokraten eine knappe Mehrheit haben, eine Reihe von Strafmaßnahmen, darunter die Erhebung von Zöllen für chinesische Waren. Praktische Auswirkungen gibt es wohl nicht, der Beschluss erscheint vor allem als symbolischer Akt des Senats. Das Gesetz hat kaum Aussicht auf Zustimmung im republikanisch dominierten Repräsentantenhaus, da ausgerechnet die Mehrheit der Republikaner dort einen Handelskrieg mit China vermeiden will.

Der Vorwurf, durch einen künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs für die eigene Währung verschaffe sich China Vorteile im Welthandel, ist ziemlich alt und wird seit Jahren regelmäßig erhoben. Der niedrige Wechselkurs führe dazu, dass die USA seit Jahren ein riesiges Handelsdefizit gegenüber China aufweisen. Unbestritten ist, dass die chinesische Zentralbank den Wechselkurs über Jahre hinweg künstlich niedrig gehalten hat. Genau das ist es, was die US-Regierung auch gerne täte, jedoch aus verschiedenen Gründen nicht tun kann: ihre gigantische Staatsverschuldung über Inflation zu entwerten. Einem solchen Vorhaben steht neben den Investitionen der chinesischen Zentralbank in US-Devisen und deren begreiflichem Interesse daran, ihre in Schuldverschreibungen geparkten Dollarreserven nicht zu wertlosem Ramsch werden zu lassen, vor allem eines entgegen: Der US-Dollar ist immer noch die Leitwährung der kapitalistischen Weltökonomie, und die Stabilität der schuldengestützten politischen und ökonomischen Hegemonie der USA basiert auf ausländischen Deviseninvestitionen. Würde das weltweite Vertrauen in den US-Dollar im Zuge einer Abwertung schwinden, könnte dies eine Kettenreaktion in Gang setzen, die dieses System zusammenbrechen lässt.
Deutlich wird daran vor allem, dass nicht etwa vermeintliche oder reale Währungsmanipulation der chinesischen Regierung das Problem ist, sondern die Veränderung der Kräfteverhältnisse innerhalb des kapitalistischen Weltsystems. Die USA, die in den vergangenen Jahrzehnten die Führungsrolle innehatten, sind im Begriff, ihre Hegemonie zu verlieren. Die industrielle Produktion und Konkurrenzfähigkeit gehen zurück, der Kapitalimport wird zum dominierenden Faktor der Ökonomie. Sie können sich immer noch eine riesige Staatsverschuldung leisten, die durch massenhafte Anlagen ausländischer Investoren in US-Devisen gestützt wird. Insgesamt 52 Billionen Dollar (39,8 Billionen Euro) beträgt die Gesamtverschuldung von Unternehmen, Staat und Bürgern der USA, das entspricht rund 355 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Staatsschulden allein belaufen sich auf fast 16 Billionen Dollar (12 Billionen Euro). Wegen der Rekordschulden und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit betreibt die Notenbank Federal Reserve ähnlich wie die Europäische Zentralbank eine expansive Geldpolitik, die die Probleme mildern soll.

De facto sind die beiden weltgrößten Nationalökonomien aufeinander angewiesen, die USA dabei noch stärker auf China als umgekehrt. Für chinesische Unternehmen sind die USA der wichtigste Absatzmarkt, zugleich ist China der größte ausländische Gläubiger der USA. In den Tresoren der chinesischen Zentralbank lagern US-Staatsanleihen und andere Wertpapiere in US-Währung im Wert von schätzungsweise zwei Billionen US-Dollar (1,5 Billionen Euro). Die Wettbewerbsfähigkeit der USA auf den internationalen Märkten ist jedoch geschwächt. Es sind nicht mehr US-Unternehmen, die die Welt mit ihren Waren überschwemmen. Dieser schleichende Niedergang der US-Hegemonie und ihre Ablösung durch ein multipolares Weltsystem, das unter anderem von marxistischen Autoren wie André Gunder Frank, Giovanni Arrighi und Immanuel Wallerstein konstatiert wurde, hat längst begonnen. Die Finanzkrise, deren Ausgangspunkt die US-Immobilienblase war, deren Ursache jedoch eine ungelöste Überproduktionskrise ist, hat ihn verstärkt.
Die Devisenkontroverse zwischen der US-amerikanischen und der chinesischen Regierung ist zwar ein Nebenkriegsschauplatz, aber auch Ausdruck dieser Veränderungen. So wurde der Yuan (bzw. Renminbi) in den vergangenen Jahren bereits deutlich aufgewertet. Daher halten die meisten Experten die Währung heute für mehr oder weniger angemessen bewertet. Der chinesische Regierungschef Wen Jiabao hatte bereits Mitte März vorgerechnet, dass der Yuan seit 2005 um insgesamt 30 Prozent zugelegt habe. Zudem wurde im Frühjahr die zulässige Schwankungsbreite um den täglichen Referenzkurs zum US-Dollar von 0,5 Prozent auf ein Prozent nach oben und unten erhöht. Im Juni wertete die chinesische Zentralbank den Yuan um weitere 0,43 Prozent auf. Dadurch werden chinesische Exporte teurer, während nach China importierte Produkte günstiger werden, was ausländischen Konzernen einen leichteren Zugang zum chinesischen Markt ermöglicht. Teurer könnten nun allerdings Rohstoffe werden. Da diese meist in US-Dollar gehandelt werden, sind sie für China billiger, wenn der Yuan mehr wert ist. Chinesische Unternehmen können also mehr Erdöl und Eisenerz zum gleichen Preis importieren, und der Rohstoff- und Energiebedarf des aufstrebenden chinesischen Staatskapitalismus ist enorm.

Fraglich ist, ob die vermeintliche Manipulation des Yuan-Kurses durch die chinesische Zentralbank tatsächlich etwas mit der Handelsbilanz der USA zu tun hat, wie etwa Romney behauptet. So lag das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber China 2001 bereits bei 83 Milliarden US-Dollar. Bis 2005 wuchs es auf rund 200 Milliarden US-Dollar (153 Milliarden Euro). Angesichts der nicht unerheblichen Aufwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar seit 2005 hätte das Defizit der USA sinken müssen. Es ist aber im vergangenen Jahr auf rund 300 Milliarden Dollar (230 Milliarden Euro) weiter angestiegen. Der Wert des Euro gegenüber dem Yuan ist heute hingegen fast der gleiche wie 2001. Deutsche Konzerne konnten ihre Exporte nach China seither dennoch stark ausweiten und damit die Folgen der Absatzkrise im Euro-Raum weitgehend kompensieren, die Handelsbilanz Deutschlands mit China hat sich also nicht verschlechtert. Offenbar ist das Problem der USA nicht ein unterbewerteter Yuan, sondern eine strukturelle Exportschwäche der US-Wirtschaft, wie sie für niedergehende kapitalistische Zentren im Stadium der Kapitalisierung charakteristisch ist.
Bisher ist der US-Dollar noch das unangefochtene Weltgeld der kapitalistischen Ökonomie und eine sowohl mit Vertrauen als auch mit bewaffneter Durchsetzungsmacht ausgestattete Alternative ist bisher nicht erkennbar. Der Dollar hat derzeit noch den größten Anteil an den internationalen Währungsreserven (61,4 Prozent), vor dem Euro (27,0 Prozent), dem britischen Pfund (4,1 Prozent), dem Yen (3,6 Prozent) und sonstigen Währungen (3,9 Prozent), darunter der Yuan. Die US-Währung ist nicht nur die überragende Handelswährung, in der auch Rohstoffe notiert sind, sondern auch die wichtigste Reservewährung. 85 Prozent aller Devisentransaktionen entfielen 2010 auf den US-Dollar. Damit hat er allerdings an Bedeutung verloren, vor zehn Jahren waren es noch 90 Prozent.

Seit dem Beginn der Finanzkrise fordern die großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China eine Alternative zur Ankerwährung US-Dollar. Sie fürchten, dass ein künftiger Verfall des Dollar das Währungssystem destabilisieren könnte. Nun versucht die chinesische Regierung, die Rolle ihrer Währung im Welthandel weiter auszubauen und den Yuan als Alternative zur Leitwährung US-Dollar zu stärken – nachdem von chinesischer Seite aus in den vergangenen Jahren mehrfach öffentlich darüber räsoniert wurde, Devisenreserven in Zukunft stärker auf mehrere Währungen zu verteilen. Die Euro-Krise dürfte jedoch auch den chinesischen Zentralbankern gezeigt haben, dass der Euro derzeit nicht mehr als zweites Standbein gelten kann.
So fördert die zweitgrößte Nationalökonomie der Welt inzwischen die Akzeptanz von Krediten in chinesischer Währung, insbesondere in aufstrebenden Schwellenländern. Nach einem Bericht der Financial Times soll es der China Development Bank künftig möglich sein, Kredite nicht wie bisher üblich nur in US-Dollar zu vergeben. Bisher hatte der Yuan nur regionale Bedeutung in Asien. Im Dezember vorigen Jahres war im Rahmen eines zwischen China und Japan vereinbarten Vertrages der Yuan erstmals als bilaterale Handelswährung etabliert worden. Bisher wurden Geschäfte zwischen den beiden größten asiatischen Nationalökonomien zum Großteil in US-Dollar abgewickelt. Ähnliche Vereinbarungen mit Indien, Südafrika und Brasilien sind in Vorbereitung. Die Großbank HSBC schätzt, dass 2015 bis zur Hälfte aller Handelstransaktionen in Asien in der chinesischen Währung abgewickelt werden. Der Anteil der chinesischen Valuta liegt derzeit bei rund 13 Prozent.
Ähnliche Entwicklungen gibt es in Afrika, wo der Yuan, gestützt durch wachsenden chinesischen Einfluss, in bilateralen Handelsbeziehungen zunehmend Verwendung findet. Bereits 2010 hatte ein Bericht der südafrikanischen Standard Bank, einer der größten Geschäfts- und Devisenbanken Afrikas, prognostiziert, dass 2015 rund 40 Prozent der chinesisch-afrikanischen Handelsbeziehungen in Yuan abgewickelt werden.

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