Rechtsextreme Propaganda um einen Todesfall in Niedersachsen

Vier Mahnwachen und ein Todesfall

Wenn’s der Propaganda dient: Rechtsextreme Gruppen, Parteien und Publikationen instrumentalisieren den Fall eines im niedersächsischen Weyhe zu Tode getretenen jungen Mannes.

Eigentlich war der Abend vorüber: Der 25jährige Daniel S. aus Weyhe-Kirchweyhe in Niedersachen befand sich in der Nacht zum 10. März zusammen mit Freunden auf dem Rückweg von einem Diskobesuch. Doch dann kam es zu einem »Streit unter jungen Männern«, wie der Spiegel mit Verweis auf Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft berichtet, die einen Tatverdächtigen, den 20jährigen Cihan A., in Untersuchungshaft hält. Der Verdächtige soll Daniel S., der offenbar versuchte, den Streit zu schlichten, so schwer verletzt haben, dass er ins Koma fiel und vier Tage später den schweren Kopfverletzungen erlag.

Verschiedene rechtsextreme Gruppen stürzen sich nun auf den Fall. Denn der Tatverdächtige hat vermutlich einen türkischen Migrationshintergrund. Das bietet Naziorganisationen einen willkommenen Anlass, vor der vermeintlichen deutschenfeindlichen Verschwörung zu warnen, die deutsche Rechtsextreme besonders umtreibt. Auf einer eigens anlässlich des Todesfalls eingerichteten Facebook-Seite fürchtet die »Identitäre Bewegung«: »Deutschenhass tötet«. Die NPD Niedersachsen verkündet in dem sozialen Netzwerk: »Weyhe könnte überall sein«. In den Tagen nach dem Tod von Daniel S. bewegte das Thema tatsächlich auch in anderen Städten, wie etwa Erfurt, Magdeburg und Frankfurt am Main, NPD-Anhänger dazu, kleine öffentliche Mahnwachen abzuhalten. Andere Neonazis wünschen sich auf einer Seite bei Facebook, der Bahnhofsvorplatz von Kirchweyhe solle den Namen des Toten erhalten, in »Würde und Gedenken«.
Vor allem Christian Worch versuchte, aus Anlass des Todesfalls auf sich und seine neue Partei, die den einfallsreichen Namen »Die Rechte« trägt, aufmerksam zu machen. Auf ihrer Website rief die Partei zu einer Demonstration in Weyhe auf, musste dann aber über die vermeintlichen Machenschaften der »Stadtoberen« aufklären, die sich, »beraten von der Antifa«, für ein Verbot von Nazikundgebungen in der Stadt am Wochenende nach dem Tod von Daniel S. eingesetzt hatten. Diese wurden tatsächlich untersagt. Da der Ortsbürgermeister zudem zu einer bürgerlichen Gedenkveranstaltung aufrief, fühlte man sich bei »Die Rechte« wie in einem »schlechten US-amerikanischen Wild-West-Film«, als Urheber der Idee einer Kranzniederlegung und einer Kundgebung in Weyhe offenbar um ihre Mission gebracht. »Die Rechte« durfte aber doch noch demonstrieren. Das Verwaltungsgericht Hannover gestattete einen Aufmarsch der Partei, knapp 100 Gefolgsleute fanden sich vorvergangene Woche in Weyhe ein. Zumindest ein Kommentator auf der Parteiwebsite war trotzdem nicht zufrieden: »92 Teilnehmer … da läuft was schief.«
Und noch etwas schmerzte die Rechtsextremen. Zwar verkündeten sie auf ihrer Kampagnenseite »Mord an Daniel« markig: »Opfer deutsch, Täter türkisch«. Doch die Urheberschaft der vermeintlichen Erkenntnis mussten sie einer anderen Institution zugestehen. »Es tut ein bißchen weh, ausgerechnet die Bild-Zeitung loben zu müssen«, war auf der Seite der Partei zu lesen. Doch das »ansonsten übel beleumundete« Blatt habe als erstes Medium »öffentlich gemacht, dass der Mord einen multikulturellen Hintergrund hatte«. Die Zeitung habe »in echter journalistischer Tradition gehandelt, Wahrheiten ausgesprochen«.

Auch eine andere Zeitung kommt nicht von dem Thema los. Thorsten Hinz, Kolumnenautor der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit, beharrt darauf, dass Daniel S. gar nicht in der Rolle als »Streitschlichter« zu Tode gekommen sein könne, denn diese Annahme bestreite die »deutschenfeindliche Frontstellung der Schläger«, ein »seit Jahren bekanntes Tatmuster«. Hinz zufolge ist es soweit: »Ein Ethno-Mob zerschlägt sukzessive den Landfrieden«, es gelte das »Faustrecht der physisch stärkeren Zuwanderer«. Schuld an der Lage seien Staat und Zivilgesellschaft, die sich »gegen das eigene Volk« gewendet hätten, »vergleichbar einer Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet«.
Hinz’ Kollege Michael Paulwitz kam angesichts des Vorfalls in Weyhe zu ähnlichen Schlüssen. Integration sei »Bürgerkrieg gegen das Volk«, schrieb er in einem Artikel zum Thema. Dieser Krieg werde nicht nur von der »politisch-medialen Klasse« gegen das Volk geführt, sondern auch von der Türkei. »Als Daniel mit dem Tode rang, wurden acht bei einem Brandunglück ums Leben gekommene Mitglieder einer türkischen Großfamilie wie Märtyrer theatralisch in die Türkei eskortiert«, beklagte er. Sogar »haltlose Mord- und Rassismusvorwürfe« hätten hohe türkische Repräsentanten vorgebracht. Dabei verhält es sich Paulwitz zufolge ganz anders: Die deutschenfeindlichen Aussagen einiger »türkischer Freunde des hauptverdächtigen Totschlägers« sind Parolen, »die ihnen türkische Einpeitscher und deutsche Multikulti-Schreibtischtäter einflüstern«.
Auch auf Metapedia, einem rechtsextremen Internetforum, hat man sich des Falls angenommen. Dort gibt es eine »Liste der von Ausländern in Deutschland getöteten Deutschen«. Die Macher haben insgesamt 158 vermeintliche Märtyrer und Märtyrerinnen gezählt, die seit 1975 getötet wurden, »weil sie im Weltbild der Ausländer keinen Platz« hätten. Auch Daniel S. wird nun für diesen Totenkult in nationaler Sache als Opfer aufgelistet.
Darüber hinaus findet sich im Internet die Seite »Deutsche Opfer, fremde Täter«, wo auf einer Deutschland-Karte Orte markiert sind, in denen sich Fälle von »Ausländergewalt« ereignet haben sollen. Ganz bequem kann mit der für Google-Maps üblichen Zoomfunktion jeder vorgegebene Punkt herangezoomt werden. In einigen urbanen Kartenabschnitten kann der geneigte Fremdenfeind sogar den Ort des Geschehens virtuell ablaufen.

Verantwortlicher Redakteur für die Seite ist Götz Kubitschek, der zusammen mit Michael Paulwitz 2011 ein Buch auf den Markt gebracht hat, das ebenfalls den Titel »Deutsche Opfer, fremde Täter« trägt. Darin spielen sich die Autoren als Anwälte der vermeintlich Unterdrückten auf, denn »die deutschen Opfer haben keine Lobby«. Doch die selbsternannten Vertreter der Opfer geben sich demütig, denn ihre Chronik solle nur zeigen, wie weit der »stille Vorbürgerkrieg mittlerweile gediehen ist«.