Über den Erfinder des ersten deutschen Comic-Helden

Getuschel auf Schloss Fuschl

Manfred Schmidt ist der Erfinder des Superhelden Nick Knatterton. Am 15. April wäre er 100 Jahre alt geworden.

Von Knud Kohr
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Ich lasse mich nicht nur auf alles ein, sondern lasse mir auch viel Zeit. Stunden- und tagelang wandere ich in jeder fremden Stadt durch die Straßen. Zunächst die Hauptstraße rauf, dann die erste Parallelstraße runter, die nächste wieder rauf, dann kreuz und quer.« So schildert Manfred Schmidt selbst seine Arbeitsweise, die ihn in den sechziger Jahren zum bekanntesten deutschen Reiseschriftsteller und ironischen Begleiter des in Deutschland beginnenden Massentourismus machte.
Am 15. April 1913 kam Schmidt in Bad Harzburg zur Welt. Er wuchs in Bremen auf, wo er schon als 14jähriger Zeichnungen an die Bremer Nachrichten und den Weser-Kurier verkaufte. Nach dem Abitur beschloss er, in der Filmwirtschaft zu arbeiten, fand diese aber nach kurzen Versuchen »wenig ergiebig«. Stattdessen studierte er an der Staatlichen Kunstgewerbeschule Bremen, arbeitete dann für den Ullstein-Verlag als Pressezeichner und gelangte als Karikaturist schnell zu Ansehen.
In den Jahren nach 1933 ließ Schmidt sich immer weiter in die Propagandamaschine des »Dritten Reichs« ziehen. Am Anfang des Zweiten Weltkrieges zeichnete er für die vom Reichspropagandaministerium kontrollierte Deutsche Zeichenfilm GmbH. 1942 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und zeichnete als Angehöriger einer »Propagandakompanie« der Waffen-SS Witze für die Armeezeitung Panzer Voran und Propagandaflugblätter, mit denen die Moral der US-Truppen untergraben werden sollte. Diese Arbeit während des Krieges sollte Schmidt bis zu seinem Lebensende bedauern.
Kai Gurski, Comic-Forscher und Kurator einer aktuellen Ausstellung über Schmidts Lebenswerk im Museum Wilhelm Busch in Hannover, kommt zu dem Schluss: »Er hat seine Karriere weiter durchgezogen und sich durchlaviert. Später schien er so etwas wie ein schlechtes Gewissen zu haben.« Mehrfach habe Schmidt betont, er habe nur einen Job bekommen, weil so viele gute Zeichner emigrieren mussten, erklärt Gurs­ki. »Ab 1946 war Schmidt Pazifist.«
Jedenfalls wurde Schmidt unmittelbar nach dem Krieg Redaktionsmitglied der Zeitschrift Pinguin, die im Rowohlt-Verlag unter Mitherausgeberschaft von Erich Kästner erschien. Die dort veröffentlichten Reisereportagen sollten vorrangig das Weltbild der in den vorangegangenen Jahren geborenen Kinder erweitern. Zu dieser Zeit erweiterte Schmidt seinen Horizont auf ganz andere Weise: Ein Freund brachte ihm 1950 einen Stapel Superman-Comics aus den USA mit. »Den Figuren quollen Blasen aus dem Mund, wenn sie etwas sagten oder dachten. Grauenvoll.« So erinnerte Schmidt sich an seinen ersten Eindruck dieser in Deutschland damals noch weitgehend unbekannten Kunstform. Er beschloss, deren Helden lächerlich zu machen, und bot der neuen Zeitschrift Quick eine Parodie an. Dazu mischte er Inspirationen durch bestehende Krimihelden wie Sherlock Holmes, Nat Pinkerton und Dick Tracy, nannte das Ergebnis »Nick Knatterton« und ging davon aus, dass es sich um einen einmaligen Scherz handeln würde. Eine grundlegende Fehleinschätzung: Knatterton wurde zum ersten deutschen Comic-Helden. Neun Jahre und über 500 Folgen lang war Schmidt der Mann hinter einer der ersten deutschen Pop-Ikonen. Die Rechte wurden dutzendfach ins Ausland verkauft, und Schmidt besaß nicht nur eine Villa am Starnberger See, sondern auch eine 20-Meter-Yacht namens »Knatterton II« vor St.-Tropez. Zu seinen Nachbarn zählte er den jungen Adeligen Vicco von Bülow, der gerade unter dem Pseudonym Loriot bekannt zu werden begann.
1959 mochte Schmidt dann keine Knatterton-Folgen mehr produzieren. Aber die Quick wollte auch nicht auf ihren Star verzichten. Deshalb wurde Schmidt zum Reisereporter, der ein Jahrzehnt lang zwischen England und Ägypten unterwegs war.
Schon an den Titeln der Reportagen, die »Wenn es nackt wird in Paris« hießen oder »Venedig fest in deutscher Hand« respektive »Rheinwein, Rummel und Romantik«, ließ sich erkennen, dass Schmidt dem um sich greifenden Massentourismus distanziert gegenüber stand. Natürlich schuf der Reisende auch die Illustrationen für seine Reportagen. Wenn zum Beispiel über jedem Laden der Adriaküste bei San Marino plötzlich handgemalte Schilder mit Anpreisungen wie »Wurscht! Mitsenf!« oder »Belekte Brote« zu finden sind, ist auch ohne große Polemik spürbar, was Manfred Schmidt von diesem neuerlichen Einmarsch der Deutschen hielt.
Rückzugsmöglichkeiten vor diesem neuen Massenphänomen entdeckt Schmidt fast nie, egal ob er in Paris mit der Werbezeile »Sie können unser Programm verstehen, auch wenn Sie Japaner, völlig betrunken oder geistig zurückgeblieben sind!« konfrontiert wird oder ob er sich in einem besonders unangenehm arroganten Refugium für die neue deutsche Wirtschafts­elite zum »Getuschel auf Schloss Fuschl« wiederfindet. Momente der Ruhe, ja sogar des Glücks findet Schmidt dennoch immer wieder. Zum Beispiel, wenn er sich mit einer Flasche Wein aus dem drängenden Gewimmel in Rüdesheim an eine einsame Uferböschung absetzt und plötzlich merkt, dass er gerade »Oh, du wunderschöner deutscher Rhein« singt.
In seinen letzten Lebensjahren verschanzte Schmidt sich immer mehr in seinem Haus am Starnberger See. Norbert Körzdörfer, der die 2005 in der »Bild-Comic-Bibliothek« erschienene Gesamtausgabe der Nick-Knatterton-Comics betreute, schildert ihn als jemanden, den der Erfolg menschenscheu und pessimistisch gemacht hatte. 1997, zwei Jahre vor seinem Tod, räumte er sein Arbeitszimmer leer und vernichtete zwei Zentner seiner Originalzeichnungen im Altpapier-Container. Ein Verlust, den Comic-Forscher bis heute beklagen. Schmidt selbst hingegen sagte in einem seiner letzten Interviews: »Das war eine Riesenerleichterung für mich.«
Der Mann, der das Humorverständnis im Deutschland der fünfziger bis siebziger Jahre ebenso erweitert hat wie wenig später sein Nachbar Vicco von Bülow, wirkte zum Schluss wie von der Zeit überrollt. Für jemanden wie Manfred Schmidt war das aber noch lange kein Grund, sich nicht mit einem ironischen Spruch aus dem Weltgeschehen zurückzuziehen: »Wenn der Computer wirklich alles kann, dann kann er mich mal kreuzweise.«
Manfred Schmidt starb am 28. Juli 1999 in Ambach am Starnberger See. Im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Loriot oder Heinz Erhardt, die von Publikum und Feuilleton mehr oder weniger heiliggesprochen wurden, geriet Manfred Schmidt nach seinem Tod schnell in Vergessenheit, obwohl er mit seinem zeichnerischen und reisejournalistischen Werk in der Nachkriegszeit bis dahin unerreichte Maßstäbe gesetzt hatte. Die Ausstellung zu seinem Lebenswerk läuft noch bis zum 21. April im Museum Wilhelm Busch in Hannover, nahezu alle seine von 1958 bis 1978 in der Quick erschienenen Reportagen versammelt der Band »Reisereportagen«.

Manfred Schmidt: Reisereportagen. Mit einem Beitrag von Loriot. Lappan-Verlag, Oldenburg 2013, 346 Seiten, 19,95 Euro