Die homophoben Gegner der Homo-Ehe in Frankreich

Der Frühling ist hetero

Die französische Nationalversammlung hat das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe zwar verabschiedet. Seine rechtsextremen und konservativen Gegner geben jedoch nicht auf.

Es ist Frühling in Frankreich, doch das ist derzeit nicht nur ein Grund zur Freude. Béatrice Bourges, 52 Jahre alt und Leiterin eines Unternehmens, tritt seit Ende März als Sprecherin einer neu gegründeten Gruppe mit dem Namen Le Printemps français in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Der programmatische Titel bedeutet »französischer Frühling«, in Anlehnung an die verbreitete Metapher vom »arabischen Frühling«.
Das Ziel der Organisation besteht darin, die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu verhindern. Das war so vor der namentlichen Abstimmung in der französischen Nationalversammlung, bei der am 23. April die entsprechende Gesetzesvorlage in letzter Lesung verabschiedet wurde, und ist seither so geblieben. Ab Juni sollen die ersten homosexuellen Paare Ehen schließen können, sofern das von der konservativen Opposition eine Stunde nach Verabschiedung des Gesetzes angerufene Verfassungsgericht nicht dazwischenfunkt. Doch nach wie vor gibt es großen Widerstand dagegen, manche konservativen und reaktionären Bürgermeister haben bereits einen Boykott angedroht und wollen das Gesetz in ihren Rathäusern nicht befolgen.

Nunmehr sei »auch die Zeit für das französische Volk« gekommen, die auf ihm lastende Diktatur abzuschütteln, behaupten die Protagonistinnen und Protagonisten der Vereinigung »französischer Frühling«. Ihre Symbole hat die Organisation zum Gutteil bei der feindlichen Linken abgekuckt. Auf ihren Plakaten sieht man etwa geballte Fäuste, unter denen der Schriftzug On ne lâche rien! prangt – also sinngemäß: »Wir geben niemals auf.« Ursprünglich lautete so der Titel eines Songs, der die Sozialproteste gegen die Rentenreform 2010 untermalte. Das einzige Erkennungsmerkmal, das den Betrachter sofort darauf hinweist, dass die Plakate in diesem Fall von Rechten stammen: Die Fäuste sind in den Nationalfarben Blau-Weiß-Rot gemalt, und die weiße Farbe füllt die Silhouette eines Kindes aus, das zwischen einem blauen und einem rot gefärbten Arm aufrecht steht – wie das Kind eben in einer ordentlichen Familie zwischen Mutter und Vater zu stehen hat, soll wohl vermittelt werden.
Zum ersten Mal erhielt Le Printemps français öffentliche Aufmerksamkeit, als seine Anhänger unmittelbar nach der Großdemonstration gegen die Homosexuellenehe Ende März das Vereinslokal einer Gruppe, die für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben kämpft, großflächig mit Aufklebern verunstalteten. Außerdem beteiligen sich Mitglieder der Gruppe an Blockaden sowie an Versuchen, Polizeiketten zu durchbrechen und dadurch die uniformierten Beamten zu Tränengaseinsätzen zu provozieren, um Bilder von »Märtyrern« zu erhalten.
»Nieder mit der sozialistischen Diktatur«, wurde in den vergangenen Wochen häufig auf den Demonstrationen gerufen. Allein schon die Tatsache, dass ein »widernatürlicher« Gesetzentwurf beraten werde, charakterisiert für die einen die angeblich autoritäre Herrschaft, während andere die Diktatur heraufziehen sahen, als die Parlamentsdebatte um einige Wochen abgekürzt wurde. Nachdem der Senat Mitte April den Gesetzentwurf angenommen hatte, wurde er bereits am 23. April statt, wie ursprünglich geplant, Mitte Mai für die letzte Lesung in die Nationalversammlung zurückgegeben. Der Hauptgrund dafür war, dass die Regierung den seit Monaten währenden Konflikt um die Reform verkürzen wollte, »weil rechte Gruppen hier eine hervorragende Gelegenheit finden, für die nächsten Jahre neue Generationen von Aktivisten zu rekrutieren«, wie es ein sozialistischer Minister formulierte – unter Hinweis auf frühere Schüler-, Studenten- und Gewerkschafts­proteste, die seiner eigenen Partei immer wieder neue Generationen von Mitgliedern zuführten. Den geplanten Termin für die namentliche Abstimmung der Abgeordneten um drei Wochen vorzuziehen, zeugt jedenfalls nicht gerade von einer Schreckensherrschaft.

Bourges gehört nicht nur dem Printemps français an. Sie hat auch einen Mitgliedsausweis der UMP, also der stärksten französischen Oppositionspartei, die fest in der Bewegung gegen die Homosexuellenehe verankert ist. Auch der rechtsextreme Front National beteiligt sich, scheint jedoch im Augenblick eher das Nachsehen zu haben. Seine Vorsitzende Marine Le Pen hat die UMP dafür angegriffen, dass sie die Demonstrationen dominiere, was nicht besonders souverän wirkte. Zumindest Teile der UMP, die ihrerseits über ihre Strategie zerstritten ist, hoffen auch auf die Einbindung der Neofaschisten. Der FN-Parlamentsabgeordnete Gilbert Collard wurde etwa am 21. April mehrfach gemeinsam mit konservativen Abgeordneten beim Händeschütteln fotografiert.
Andere Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe griffen zu härteren Mitteln: Parlamentspräsident Claude Bartolone erhielt in einem Brief Munition zugestellt. In Paris und Nizza wurden Homosexuelle in den vergangenen zwei Wochen tätlich angegriffen, im nordfranzösischen Lille attackierten Skinheads eine Schwulenbar.
Eine Reihe von unverhohlen rechtsextremen Gruppen betätigte sich in der Protestbewegung. Die vor allem im Raum Lyon aktiven Jeunesses Nationalistes (JN) etwa sind eine neonazistische Gruppe, die im vergangenen Jahr von dem 22jährigen Alexandre Gabriac gegründet wurde. Er war 2010 als jüngster Regionalparlamentsabgeordneter in ganz Frankreich gewählt worden, wurde jedoch von seiner Partei – dem FN – ausgeschlossen, nachdem bei Facebook Fotos veröffentlicht worden waren, auf denen er den Hitlergruß zeigte. Seitdem versucht diese Gruppe vor allem, eine möglichst große Aufmerksamkeit in den Medien zu erhalten. Die JN versuchten am 17. April, das Büro der sozialistischen Partei in Lyon zu besetzen, aus vorgeblichem Protest gegen die Homo-Ehe. Deswegen und wegen mehrerer Gewalttaten wurden Führungsmitglieder der JN verhaftet, dabei wurden am Körper von Gabriac Mikrophone des Fernsehsenders Canal + gefunden. Von rivalisierenden Gruppen werden die JN, deren Wahrnehmung in den Medien tatsächlich erheblich ihre reale Bedeutung übersteigt, deshalb als Truppe von Provokateuren abgetan.
Die Frage nach dem Verhältnis zu organisierten Rechtsextremen spaltete die Organisatoren der Großdemonstrationen gegen die »Ehe für alle« wiederholt, etwa das Kollektiv »Demo für alle«, das die Aufmärsche anmeldete. Frigide Barjot, seine Sprecherin, kündigte noch am 12. April an: »Präsident François Hollande will Blut sehen, und er wird Blut bekommen!« Die rechtskatholische Politikerin Christine Boutin faselte von einem heraufziehenden »Bürgerkrieg«. Doch die strafrechtlich relevanten Taten rechtsextremer Aktivisten wie Morddrohungen gegen Abgeordnete und Attacken auf Polizisten – für die in der vergangenen Woche ein Täter zu vier Monaten Haft auf Bewährung verurteilt wurde – sorgten dafür, dass Barjot schon 48 Stunden später einen anderen Ton anschlug: Sie forderte den sozialistischen Innenminister Manuel Valls dazu auf, die Polizei möge den Veranstaltern Gruppen wie die Neonazis und die »Identitären« – auch der Bloc identitaire mischte seit Januar bei den Protesten gegen die Homosexuellenehe mit – vom Hals halten und Straftäter verhaften. Seitdem wird die 50jährige, deren selbstgewähltes Pseudonym so viel wie »Fridige Bescheuert« bedeutet und die mit richtigem Namen Virginie Merle heißt, in rechten Blogs als Verräterin behandelt.

Auch Marine Le Pen und andere Führungsmitglieder des FN haben sie inzwischen angegriffen, allerdings aus anderen Gründen: Sie befürchten, dass am Ende die UMP von dem monatelangen Konflikt profitieren werde. Beide Parteien lauern nun darauf, profilierte Protagonisten der Demonstrationen als Kandidaten für die Kommunalwahlen zu gewinnen, die im März 2014 in ganz Frankreich stattfinden sollen. Frigide Barjot kündigte ihrerseits an, Bewerber oder Listen unter dem Namen »Demo für alle« antreten zu lassen, und liebäugelt mit einer eigenen Kandidatur.

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