Der Taifun auf den Philippinen und der Klimawandel

Yolanda lässt verzweifeln

Der Taifun in den Philippinen traf vor allem Menschen in bereits vernachlässigten Regionen. Viele kritisieren mangelnde Präventionsmaßnahmen der Regierung, aber auch, dass vom Klimawandel stärker bedrohte Staaten im Stich gelassen werden.

Am 8. November traf der Taifun Haiyan auf die Philippinen. Der philippinische Wetterdienst Pagasa hatte vor Windgeschwindigkeiten bis zu 250 km/h gewarnt. Die lokalen Behörden evakuierten laut eigenen Angaben 125 000 Menschen vorsorglich aus der Gefahrenzone. Als einige Stunden später Yolanda, wie der Taifun auf den Philippinen genannt wird, das Land verlassen hatte, hinterließ er eine breite Schneise der Verwüstung. Böen mit über 370 km/h und eine fünf Meter hohe Flutwelle, so der Deutsche Wetterdienst, hatten unter anderem die Küstenstadt Tacloban weitestgehend zerstört. Philippinische Medien berichten, dass knapp zehn Millionen Menschen vom Sturm betroffen und über eine halbe Million obdachlos seien. Die Schätzung der Behörden, es gebe etwa 10 000 Todesopfer, scheint sich derweil nicht zu bestätigen. Knapp 4 000 Tote sind bestätigt, 1 600 Menschen werden noch vermisst. Das Strom-, Wasser- und Telefonnetz brach in weiten Teilen des Inselstaats zusammen. Ganze Regionen waren mehrere Tage von der Außenwelt und von Hilfe abgeschnitten.

Trotz der Vorbereitung und der Warnung wurden die Auswirkungen Haiyans von der Politik unterschätzt. Präsident Benigno Aquino hatte am 7. November das Ziel ausgegeben, niemand solle durch den Taifun verletzt oder getötet werden. Eigentlich ist das Land wie kein zweites katastrophenerprobt. Jährlich treffen ungefähr 20 Wirbelstürme auf die Philippinen. Die Folgen sind dramatisch, allein in den Jahren 2011 und 2012 forderten die Taifune Washi (Sendong) und Bopha (Pablo) zusammen über 2 400 Todesopfer. Ökonomen haben berechnet, dass das Land circa fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts durch Naturkatas­trophen verliert. Die Schäden der zerstörten Ernte und des getöteten Viehs durch Haiyan werden auf über 120 Millionen Euro geschätzt. Die zerstörten Häuser sind dabei nicht mitgerechnet. Am stärksten leidet die arme Bevölkerung unter den Taifunen. Vielen Menschen fehlen die finanziellen Mittel, um ihre Städte und Dörfer zu verlassen und bei Freunden oder Familienangehörigen unterzukommen. In den Hafengebieten von Städten wie Tacloban leben oft Tausende dicht gedrängt. Ihre einfachen Behausungen konnten Haiyan nicht standhalten.
Bereits vor der Katastrophe gehörten die am stärksten betroffenen Inseln Samar und Leyte zu den ärmsten Regionen der Philippinen. Die Gesundheitsversorgung dort ist miserabel. In Samar kommt ein Allgemeinarzt auf über 20 000 Einwohner. Für die 1,4 Millionen Insulaner stehen weniger als 1 000 Krankenhausbetten zur Verfügung. Kinder leiden unter Mangelernährung und brechen oft frühzeitig die Schule ab, wo die durchschnittliche Klassenstärke 50 Schüler beträgt. Es herrscht ein fast feudales System, das auf Großgrundbesitz beruht.
Wegen der Vernachlässigung der Insel durch die Zentralregierung und der feudalen Strukturen hegen viele Menschen dort Sympathien für die maoistischen Rebellen der Neuen Volksarmee (New People’s Army, NPA). Die NPA konnte in der Vergangenheit eigene Verwaltungs- und Gerichtsstrukturen aufbauen und somit das Gewaltmonopol der Regierung untergraben. Zu der Hochzeit der Rebellen in den Achtzigern war Samar ein wichtiger Stützpunkt und ein Ausbildungszentrum für Kader der Kommunistischen Partei. Doch hat die NPA wegen der geopolitischen Veränderungen seit 1989, aber auch aufgrund interner Streitigkeiten stark an Bedeutung verloren. Heute hat sie ihre Basis zumeist in abgelegenen Dörfern und unzugänglichen Bergregionen. Die nun erfolgten Angriffe auf und Plünderungen von Hilfslieferungen, die über den Land- und Seeweg von Manila in die Regionen gebracht werden, sind auch Ausdruck von Verzweiflung einzelner Kämpfer und mit ihnen sympathisierender Bäuerinnen und Bauern, die Angst haben, von den lokalen Machthabern bei der Hilfe übergangen zu werden.

Die philippinische Armee (Armed Forces of the Philippines, AFP) ist derweil mit der Organisation des Wiederaufbaus beschäftigt. Dringend benötigte Infrastruktur wie Flughäfen, Brücken und Straßen wurde zerstört. Sämtliche Flugzeuge und Hubschrauber der AFP seien in der Luft, vermeldete der ARD-Korrespondent Robert Hetkämper, der als einer der ersten aus Tacloban berichtete. Gleichzeitig ist die Armee damit beschäftigt, die Hilfslieferungen zu sichern. Gegen Überfälle der NPA, aber auch gegen verzweifelte Menschen, die versuchen, die Konvois zu plündern.
Ein Teil der deutschen Medien stellt die Plünderungen in den Mittelpunkt und zeichnet ein archaisches Bild von den Philippinen. Die Themen Hilflosigkeit und Gewalt beherrschen die deutsche Berichterstattung. Derweil beschwört die größte philippinische Tageszeitung, Philippine Daily Inquirer, dass »die Katastrophe das Beste in den Filipinos hervorgebracht hat«, und meint damit die Freigiebigkeit bei Spenden für die Opfer. Pilgrim Gayo, Landeskoordinatorin des Kinderhilfswerks Terre des Hommes, erläutert gegenüber Jungle World: »Die Plünderungen sichern das Überleben. Die Regionen, in denen geplündert wird, erreichen keine Hilfsgüter. Die Menschen haben aber ein Recht auf Hilfe.«
In den deutschen Medien kommen fast ausschließlich deutsche Experten zu Wort, die sich nicht in den betroffenen Gebieten aufhalten. Diese registrieren nicht, dass lokale soziale Netzwerke häufig ohne großes Aufsehen unermüdlich Unterstützung für Familienmitglieder und Freunde organisieren. Auf Facebook und in Zeitungen stößt man immer wieder auf romantisierende Beschreibungen des filipino spirit, des »philippinischen Geistes«. Dieser zeige sich in dieser Krise wieder in der Solidarität zwischen den Menschen.
Doch in einem Land, in dem es kaum ein funktionierendes Sozialsystem gibt, bilden eben Familien, Verwandte und Freundeskreise das entscheidende Sozialkapital. Die sozialen Netzwerke wiederum chartern auf eigene Faust in Manila Busse, um Nahrungsmittel und weitere dringend benötigte Güter nach Samar und in andere Regionen zu bringen. Nationale Musikstars spielen auf Benefizkonzerten. Ärztinnen und Ärzte und medi­zinisches Personal stellen ihre Dienste ehrenamtlich zur Verfügung. Die Bauernorganisation Fardec in Cebu City hat ihr Bürogebäude zu einem Hilfszentrum umgebaut. Noch mit den Auswirkungen eines Erdbebens im Oktober kämpfend, unterstützen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Organisation mit aller Kraft die Opfer im Norden der Insel Cebu sowie auf Samar und Leyte. »Es sind halt gerade schwierige Zeiten«, sagt die Geschäftsführerin, Estrella Catarata, der Jungle World.
Gleichzeitig wächst die Kritik an der Regierung. Die Hilfsgüter würden nicht schnell genug verteilt, das Katastrophenmanagement sei mäßig, die vorhergehende Risikominimierung schwach. »Solidarität ersetzt nicht die Handlungen der Regierung«, so Gayo. »Wir brauchen langfristige Lösungen. Hilfsgüter zu schicken, ist nicht genug, unsere Regierung muss dazu gebracht werden, effektive Maßnahmen vor solchen Desastern vorzubereiten. Es ist bekannt, dass Leyte und Samar im äußersten Osten immer die ersten betroffenen Inseln sein werden.«
Während in den Städten die Frühwarnsysteme funktionieren, sind die ländlichen Gebiete nahezu unvorbereitet. Warnungen werden zum Teil nur auf Englisch in Tageszeitungen veröffentlicht, Sturmstärken in Zahlenskalen angegeben, die nicht alle verstehen. Das politische System der Philippinen ist zudem zentralistisch auf Manila ausgerichtet, so dass die dortigen Institutionen überfordert sind und notwendige Hilfe sich verzögert. Trotz der regelmäßig auftretenden Taifune stecken Maßnahmen zur Linderung der Auswirkungen noch in den Anfängen.

Einige Kritiker verweisen zudem auf internationale Ursachen der Katastrophe. Vom Klimawandel betroffene Staaten würden im Stich gelassen, UN-Verhandlungen endeten ohne greifbare Ergebnisse. Es gebe weder ambitionierte Klimaschutzziele noch Ausgleichszahlungen für diese Länder. Der philippinische Soziologe Walden Bello kommentierte im Philippine Daily Inquirer: »Es ist der Klimawandel, der diese Supertaifune erschafft. Dass diese sonderbare Wege einschlagen, war eine Nachricht der Natur nicht nur an die Filipinos und Filipinas, sondern an die ganze Welt.« Er fordert von den philippinischen Delegierten auf der UN-Klimaverhandlungen in Warschau, die am Montag voriger Woche begonnen haben, »ihre Tränen in Wut« zu verwandeln. Der philippinische Delegierte Yeb Saño war 2012 in Doha, unter den zerstörerischen Eindrücken des Taifuns Pablo, in Tränen ausgebrochen. Diejenigen, die den für Saño deutlichen Zusammenhang der Katastrophen mit dem Klimawandel nicht sehen (wollen), forderte er auf, »ihren Elfenbeinturm zu verlassen und sich aus den komfortablen Sesseln zu erheben«. Zu Beginn der Klimaverhandlung in Warschau ergänzte er: »Aus Solidarität mit meinen Landsleuten, die nun zu Hause für Essen kämpfen müssen, und in Solidarität mit meinem Bruder, der in den letzten drei Tagen nichts zu essen hatte, werde ich nun mit einem freiwilligen Fasten für das Klima beginnen.«
Derweil suchen verzweifelte Angehörige weltweit nach ihren Angehörigen auf den Philippinen. Auf Twitter, Facebook und anderen Plattformen werden Fotos und Listen mit Namen von Gesuchten geteilt. Zeitungen und Nachrichtenportale unterstützen diese. Auch in Deutschland leben knapp 20 000 philippinische Migrantinnen und Migranten, die besorgt um ihre Verwandten sind. Viele nutzen zivilgesellschaftliche Institutionen, wie die philippinische Migrantenorganisation Philnetz. Ihr Vorsitzender Jack Catarata berichtet der Jungle World von Anfragen zu jeder Tages- und Nachtzeit: »Die Leute sind verzweifelt. Sie suchen ihre Angehörigen und wir versuchen, sie zu unterstützen. Es ist harte Forschungsarbeit. Räumlich sind wir weit weg, aber emotional sehr nah.« Philnetz denkt, wie viele Angehörige, schon weiter. »Wir sammeln Geld, allerdings nicht für die direkte Nothilfe, sondern für die Zukunft, wenn die Aufmerksamkeit weg ist, für die Lücke danach«, so Catarata. Bereits jetzt machen die Rücküberweisungen von Filipinos und Filipinas aus dem Ausland einen Großteil des Staatshaushalts aus. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt mehr als 15 Milliarden Euro. In Hongkong, Singapur, den USA, Israel, Europa und im Nahen Osten arbeiten viele junge Frauen und Männer, um ihre Familien zu Hause zu unterstützen. Viele werden in den nächsten Wochen und Monaten noch mehr sparen, um einen Beitrag zum Wiederaufbau zu leisten. Das Medieninteresse an der Katastrophe wird nachlassen, für die Hinterbliebenen und Angehörigen ist diese aber noch lange nicht vorbei.

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